«Lehrer müssen die Fragen ihrer Schüler beantworten können»

Die Sekundarlehrer unterrichten immer mehr Fächer. Und der Lehrplan 21 beschleunigt diese Entwicklung zu Generalisten noch zusätzlich. Der Lehrerverband sorgt sich um die Qualität des Unterrichts.

Chemie, Physik und Biologie sollen in der Sekundarschule künftig nur noch als ein Fach gelehrt werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Chemie, Physik und Biologie sollen in der Sekundarschule künftig nur noch als ein Fach gelehrt werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die Debatte um den Lehrplan 21 zeigt: Von allen Seiten werden Ansprüche an die Schule gestellt. Neben Mathematik und Deutsch sollen die Schüler auch über Informatik, Medien, Konsum, Ethik und vieles mehr Bescheid wissen. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, haben die Lehrplanmacher Fächer zusammengefasst. Etwa die Fächer Geografie und Geschichte gibt es auf der ­Sekundarstufe I so nicht mehr – sie bilden unter dem Titel «Räume, Zeiten, Gesellschaften» eine neue Einheit. Neu ist auch die Kombination «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt».

Dies hat Folgen für die Sekundarlehrer: Sie müssen künftig über mehr Bereiche Bescheid wissen, werden vom Spezialisten immer mehr zum Generalisten. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) macht sich deshalb Sorgen. In einem neuen Positionspapier, das dem TA vorliegt, warnt er vor ungenügender Ausbildung für künftige Sekundarlehrer und nachträglichen «Schnellbleichen» für bisherige Lehrer. «Lehrerinnen und Lehrer müssen fachlich fundiert unterrichten und die Fragen ihrer Schüler beantworten können», heisst es. Es gebe sogar Kantone und pädagogische Hochschulen, die Ausbildungsgänge mit deutlich mehr Fächern, aber reduzierten Anforderungen anbieten wollten. Viele Lehrpersonen seien beunruhigt über das «mangelnde Interesse der Kantone an der Qualität ihrer Aus- und Weiterbildung». Die Präsidentenkonferenz des LCH hat das Papier vergangene Woche verabschiedet. Der LCH fordert, dass das Wissen über die einzelnen Fächer nicht verloren geht: Dort, wo Fächer zu einem Bereich zusammengelegt würden, brauche es eine Garantie, dass der «fachwissenschaftliche Anteil» für keines der ursprünglichen Fächer vernachlässigt werde. Weiter fordert der LCH eine «seriöse Weiterbildung» für Lehrer, die zum Beispiel heute Geografie unterrichten und künftig auch Kenntnisse in Geschichte vermitteln sollen.

Zwischen den Kantonen gibt es grosse Unterschiede. Je nach pädagogischer Hochschule können angehende Lehrer zwischen drei und acht Fächer belegen. In Bern sind es drei bis vier Fächer, in Zürich vier. Die Kantone müssten sich auf gemeinsame Vorstellungen einigen, fordert der LCH. Die kantonale Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK) hat bereits eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich mit den künftigen Ausbildungsanforderungen beschäftigt. Bestätigen konnte dies die EDK gestern nicht.

Auch die pädagogischen Hochschulen machen sich Gedanken über die Zukunft. Weil der Lehrplan 21 im Vergleich zum bisherigen Lehrplan weniger Fächer umfasse, werde die Sekundarlehrerausbildung angepasst, sagt Walter Bircher, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich (PH Zürich). Angehende Sekundarlehrer sollen in Zürich weiterhin vier Fächer belegen – Geografie und Geschichte zählen aber nur noch als ein Fach. Wer bisher diese beiden Fächer belegt hat, muss künftig also ein zusätzliches Fach wählen. «Die Zusammenlegung hat Kürzungen im Bereich der Didaktik zur Folge», sagt Bircher. Diese seien aber vertretbar, da jene Fächer zusammengefasst würden, die methodisch und didaktisch verwandt seien. Dass dies funktioniere, zeige das kombinierte Fach Chemie, Physik und Biologie, das schon so angeboten werde. Für die neue Fächerkombination Wirtschaft, Arbeit, Haushalt seien keine grossen Anpassungen notwendig, sagt Bircher. Es reiche, das heutige Fach Hauswirtschaft auszubauen.

Zurück zur Universität

In der Nordwestschweiz haben sich die Kritiker der Lehrerausbildung formiert. Eine Gruppe von Lehrern und Politikern aus den beiden Basel, dem Aargau und Solothurn fordert, dass angehende Sekundarlehrer das Fachwissen wieder an der Universität erlangen sollten. In Baselland möchten Politiker die neuen Fächergruppen des Lehrplans 21 gar nicht erst einführen. Das Kantonsparlament, der Landrat, hat eine entsprechende parlamentarische Initiative überwiesen. Zurzeit wird eine Gesetzesvorlage ausgearbeitet. Kommt diese durch, müssen in Baselland die Fächer Geschichte, Geografie, Physik, Biologie, Chemie, Hauswirtschaft und Wirtschaft auch künftig als Einzelfächer unterrichtet und benotet werden. Zudem hat die Gruppe Starke Schule Baselland eine Volksinitiative eingereicht, die verlangt, dass auf der Sekundarstufe I nur Lehrkräfte unbefristet eingestellt werden, die ihre Fächer an einer Universität studiert haben.

Der Urheber der parlamentarischen Initiative, der Grüne Jürg Wiedemann, sagt, er wolle eine bedenkliche Entwicklung stoppen. «Die künftigen Lehrpersonen erhalten an den pädagogischen Hochschulen für die einzelnen Fächer nur noch eine Schnellbleiche.» Dort, wo Fächer zusammengefasst würden, sinke der Anteil der Fachausbildung dramatisch. Wiedemann befürchtet, dass der Lehrerberuf abgewertet wird: «Lehrer sind bald nicht mehr fundiert ausgebildete Fachpersonen, die den Schülern Grundwissen vermitteln, sondern bloss noch Lerncoaches, die über vieles oberflächlich Bescheid wissen.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.11.2014, 21:59 Uhr

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