Leistungsdruck im Stall

Die Milchbranche muss den Missständen nachgehen.

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Mmh, Milch! Wir lieben sie, in welcher Form auch ­immer. Ob pur oder verarbeitet zu Butter, Joghurt oder Käse. Das leckere Lebensmittel steht beim Konsumenten hoch im Kurs. Zu Recht. Denn es ist gesund und nahrhaft. Doch der kaum mehr zu stillende Appetit hat leider auch Schattenseiten. Der Druck, kostengünstige Milch zu produzieren, ist gross. Das hat Folgen: Nicht mehr die idyllisch anmutende Kuh auf der Alp, wie es uns die Werbung gern suggeriert, liefert uns die wertvolle Flüssigkeit, sondern Hochleistungskühe. Sie arbeiten für uns im Akkord. Und ihre Kälber werden zumeist kurz nach der Geburt von ihren ­Müttern ­isoliert, damit diese die Tetrapaks in den ­Regalen im Supermarkt später füllen können.

Durch Tierzucht und spezielle Fütterung produziert eine Kuh heute viel mehr Milch als früher. Gab sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts weniger als 1000 Liter im Jahr, waren es um 1960 bereits 4000 Liter, und heute sind sogar 8000 bis 12'000 Liter nicht ungewöhnlich. Doch damit nicht genug: Damals produzierte sie noch beides, Milch und Fleisch. Die heutigen Rassen sind dagegen meist auf das eine oder das andere spezialisiert. Und genau dies schafft neue ­Probleme. Während eine Simmentaler Kuh noch ein genügsames, aber nicht sehr ökonomisches Zwei­nutzungsrind ist, sieht es bei der auf Milchproduktion getrimmten Holsteiner-Rasse ganz anders aus. Ihr Fleisch ist für ein zartes Steak nicht so geeignet, sondern wandert häufig in die Wurst. Und weil ihr männlicher Nachwuchs für die Milchwirtschaft auch noch das falsche Geschlecht hat, ist er unerwünscht und wird oft nach ein paar Monaten geschlachtet.

Immer wieder ist aber vor allem aus dem Ausland, etwa aus Australien oder Kanada, zu hören, dass Bauern solche Stierkälber lieber gleich entsorgen, ­anstatt sie lang durchzufüttern. Auch in der Schweiz scheint es solche Fälle zu geben. Wie viele es genau sind, weiss niemand. Obwohl die meisten Landwirte weiterhin besorgt um ihre Tiere sind und manche sogar die ganze Nacht bei ihren kranken Tieren im Stall verbringen, muss die Branche ein Interesse daran ­haben, den befürchteten Missständen nachzugehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2015, 20:32 Uhr

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