Seine Lösung für eine demokratischere EU? Die Schweiz

Nur um seine Stimme bei der Europawahl abzugeben, fährt Leonello Zaquini aus Le Locle hunderte Kilometer. Warum tut er das?

Am 23. Mai beginnen die Wahlen ins Europäische Parlament. Wer als Italiener aus der Schweiz seine Stimme abgeben will, der muss reisen. Foto: Getty Images

Am 23. Mai beginnen die Wahlen ins Europäische Parlament. Wer als Italiener aus der Schweiz seine Stimme abgeben will, der muss reisen. Foto: Getty Images

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Ab nach Sciolze! Auf ins Piemont! Heute beginnt die viertägige Europawahl, die neunte Direktwahl zum Europäischen Parlament. Anders als die meisten EU-Bürger, die in der Schweiz leben, können die Italiener für die Europawahl nicht brieflich abstimmen. Sie müssen in die Heimat reisen. Deshalb fährt ­Leonello Zaquini (73) zusammen mit seiner Lebenspartnerin mit dem Auto nach Sciolze, einer kleinen Gemeinde bei Turin, um dort seine Stimme abzugeben. Eine Stimme für Europa, wie er sagt.

Leonello Zaquini nimmt diese Fahrt gerne auf sich. Die Europawahl ist wichtig für ihn. «Das demokratische System in Europa ist zu wenig demokratisch», sagt er. Was leider viele dazu bewege, in der Europafrage einen Schritt zurück zu machen, gar einen EU-Austritt zu prüfen. «Doch die Rückkehr in die Vergangenheit kann nicht die Zukunft sein.»

Wenige Tage vor seiner Abreise wartet Leonello Zaquini am Bahnhof von Le Locle, wo er wohnt. «Sie erkennen mich an meinem bunten Hut – il mio cappello da pappagallo», hatte er am Abend zuvor in einer Mail geschrieben. Er winkt. «Benvenuta a Le Locle, la città degli orologi», sagt er. Willkommen in der Uhrenstadt.

Präsident einer Bruchbude

Vom Bahnhof fährt ein Lift ins Stadtzentrum hinunter. Auf der rechten Seite der Endstation steht ein heruntergekommenes Gebäude mit kaputten Fensterscheiben. Es ist der Sitz des Vereins Colonia Libera Italiana. «Una bettola», sagt Leonello Zaquini. Eine Bruchbude. Einmal habe ihn seine Nichte aus Italien besucht. Nach ihrer Rückkehr habe sie überall herumerzählt, ihr Onkel sei der Präsident einer Bruchbude. «Das passt doch, finden Sie nicht?», ruft er und bricht in Gelächter aus. Heute kümmert er sich um die kulturellen Veranstaltungen innerhalb des Vereins.

Leonello Zaquini engagiert sich in Italien und in der Schweiz. Foto: PD

Die erste Colonia Libera Italiana entstand 1925 in Genf auf Initiative von Antifaschisten, die aus Italien geflüchtet waren. Später entstanden in verschiedenen Schweizer Ortschaften weitere Kolonien. Sie engagierten sich für die Rechte der Saisonniers und Emigranten, auch mit dem Ziel, sie für demokratische Werte zu sensibilisieren.

Die Colonie Libere trugen massgeblich zur Integration der Italiener in der Schweiz bei. Heute gibt es nur noch wenige davon. Sie organisieren kulturelle Anlässe und sind ein willkommener Aufenthaltsort für ältere Italiener, die nach ihrer Pensionierung nicht in die Heimat zurückgekehrt sind. «Die meisten treffen sich dort zum Kartenspielen», sagt Leonello Zaquini. Italiener der zweiten und dritten Generation sind selten dort anzutreffen. Es sei schwierig, sie für politische und gesellschaftliche Anliegen in Italien zu begeistern.

Leonello Zaquini kam 1997 in die Schweiz. Anders als bei den meisten seiner Landsleute war nicht die wirtschaftliche Lage in der Heimat der Grund dafür. Ein Arbeitskollege gab ihm den Tipp. «In Le Locle suchen sie genauso einen wie dich», habe dieser zu ihm gesagt. Einen Ingenieur, spezialisiert im Bau von Werkzeugmaschinen. Als er in der kleinen Stadt im Kanton Neuenburg ankam, wäre er am liebsten gleich wieder gegangen. «Ich sah das Hotel Les Trois Rois, diesen hässlichen Klotz am Stadteingang. Orribile!» Doch er blieb, unterrichtete viele Jahre an der Technischen Hochschule und eröffnete nach seiner Pensionierung ein Beratungsbüro. Seit 2011 gehört er dem Stadtparlament an – als Italiener ohne Schweizer Bürgerrecht. Denn in vielen Gemeinden der Westschweiz haben Ausländer das passive und aktive Wahlrecht. Leonello Zaquini ist Mitglied des Parti Ouvrier et Populaire, der PDA.

«Europa ist das Problem, die Schweiz die Lösung.»Leonello Zaquini, Pensionär

Zu Beginn ging es nur um die Arbeit, um ein Auskommen. Doch je länger Zaquini in Le Locle lebte, desto grösser wurde seine Zuneigung zur kleinen Stadt im Hochtal des Juras. Ja, es wurde Liebe! Wegen ihrer anarchistischen Seele. Weil schon der russische Revolutionär Michail Bakunin 1869 hier Vorträge zum Schutz des Proletariats hielt. Und weil die Stadt ihn an seine eigene, kleine Revolution als 68er erinnert, an damals, in der Kommune in Turin.

Als sein Sohn Nicola mehr über die 68er-Bewegung erfahren wollte, schrieb ihm Leonello Zaquini einen Brief, den er dann auf Anregung von Freunden als Buch herausgab. Das Büchlein liegt auf dem Tisch in der Brasserie du marché im Zentrum von Le Locle. Daneben ein kleines, schwarzes Mikrofon. Das lege er jeweils im Conseil général auf die Lautsprecheranlage, um die Voten seiner Ratskollegen zu verstehen, sagt er und bestellt bei der Kellnerin zwei Gläser Weisswein. Seit einigen Monaten hört er kaum noch etwas.

Sorgen wegen Salvinis Politik

Auf dem Tisch liegt noch ein zweites Buch, ein etwas dickeres. «La democrazia diretta vista da vicino», lautet der Titel. Es ist im Januar dieses Jahres erschienen und das Resultat von Zaquinis Erfahrungen mit dem politischen System in der Schweiz. Vor allem aber ist es seine Antwort auf viele Probleme in Italien und auf die Komplexität Europas. Vor der Europawahl wird er in der Toskana darüber referieren.

Während Leonello Zaquini in Le Locle der PDA angehört, schloss er sich in Italien dem italienischen Komiker Beppe Grillo an und trat dem Movimento 5 Stelle bei. Eines der Hauptanliegen der populistischen Protestbewegung, die ursprünglich als Projekt radikaler Basisdemokratie gegründet wurde, ist die Einführung der direkten Demokratie im eigenen Land.

Im vergangenen Jahr gewannen die «Grillini» die Parlamentswahlen in Italien. Weil ihnen aber die nötige Mehrheit fehlte, um alleine regieren zu können, gingen sie eine Koalition mit der rechtspopulistischen Lega ein. Leonello Zaquini ist nicht glücklich darüber; die ausländerfeindliche Politik des ­Lega-Chefs und Innenministers Matteo Salvini bereitet ihm Sorgen. «Ich hoffe, sein Erfolg ist nur vorübergehend.»

Ein Europa in Europa

Als er nach Le Locle zog, konnte er kaum glauben, dass die Schweiz nicht Mitglied der Europäischen Union war. «Ero scandalizzato.» Er war schockiert. Bald merkte er aber, dass sie mit den bilateralen Verträgen einen guten Kompromiss gefunden hatte. Und heute sagt er: «Europa ist das Problem, die Schweiz die Lösung.» Die EU sollte eine Delegation in die Schweiz schicken, alles kopieren und eins zu eins übernehmen. Copy/paste. Die Schweiz sei mit ihrem föderalistischen System, den vier Landessprachen, den verschiedenen Kulturen ein Vorbild. Ein kleines Europa mitten in Europa.

Leonello Zaquini hat nun ein Einbürgerungsgesuch gestellt. Er möchte auch in der Schweiz abstimmen und wählen können. Eine Rückkehr nach Italien kommt für ihn nicht infrage. So sehr er seine Heimat liebe, leide er immer sehr, wenn er dort sei. «Die Italiener sind mir zu wenig schweizerisch.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.05.2019, 10:22 Uhr

Ein Viertel der Schweiz darf wählen

Das Parlament der EU wird alle fünf Jahre erneuert. In den nächsten vier Tagen wählen rund 400 Millionen Menschen in den 28 EU-Mitgliedsstaaten die insgesamt 751 Abgeordneten. In der Schweiz leben über zwei Millionen Menschen, die einen EU-Pass haben und von der Europawahl direkt betroffen sind. Neben den 1,4 Millionen EU-Bürgern, die von der Schweizer Ausländerstatistik erfasst werden, kommen laut einer Umfrage der EU-Delegation bei den Botschaften der Mitgliedsstaaten mindestens 600'000 Schweizer hinzu, die wegen einer Doppelbürgerschaft ebenfalls Bürger eines Mitgliedsstaates sind. Dies entspricht zusammen fast einem Viertel der Schweizer Bevölkerung.

Wie die in der Schweiz lebenden EU-Bürger abstimmen, hängt vom Wahlrecht ihres Herkunftsstaates ab. Spanier und Portugiesen können zum Beispiel ihre Stimme brieflich oder auf dem Konsulat abgeben. Französischen Staatsbürgern steht die Wahl auf dem Konsulat oder in Frankreich offen. Italiener, Griechen und Slowaken müssen hingegen für die Wahl in die Heimat reisen.

Für die Europawahlen werden keine europaweiten Umfragen erstellt. Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Situation vor allem in Südeuropa war in den vergangenen Monaten jedoch von einem möglichen Rechtsrutsch die Rede. Das Resultat des Rechtsbündnisses, das vom italienischen Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini ins Leben gerufen wurde, wird daher mit Spannung erwartet. (ale)

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