Leseschwäche: Warum Eltern mitschuldig sind

Jugendliche mögen nicht mehr lesen, Experten nehmen Eltern, Schulen und Verlage in die Pflicht. An einer Kinderbuch-Lesung mit Autor Peach Weber.

Kinder lesen schlecht, zeigt die Pisa-Studie. Doch wie sehen das Kinderbuchautoren? Besuch einer Lesung von Peach Weber im Franz Carl Weber in Zürich am 4. Dezember. Fotos: Samuel Schalch 

Kinder lesen schlecht, zeigt die Pisa-Studie. Doch wie sehen das Kinderbuchautoren? Besuch einer Lesung von Peach Weber im Franz Carl Weber in Zürich am 4. Dezember. Fotos: Samuel Schalch 

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Ein berühmtes Gedicht von Peach Weber geht so: Die sieben Zwerge. Einer wollte Liebe. Die anderen Sex. Pause. Lacher. Halt, es geht weiter. Eines wollte Liebe, die anderen sechs blieben cool.

Ein typischer Peach Weber. Dem Aargauer Komiker haben es die Zwerge angetan, er hat jetzt ein ganzes Buch über Zwerge geschrieben. Es geht nicht um Sex, es ist auch nicht schlüpfrig oder vulgär. Es ist ein Kinderbuch und sogar ziemlich herzig.

Keine Trudi Gerster mit 20 Stimmen

Zwanzig Kinder sitzen vor dem Aargauer im Franz Carl Weber an der Zürcher Bahnhofstrasse auf kleinen Stühlen und hören gebannt zu, was der ältere Herr mit der wilden Frisur ihnen vorliest. Er ist keine Trudi Gerster mit 20 Stimmen, das klärt sich bald, er ist Peach Weber. Doch die Kleinen hören zu, die Geschichte hat sie. Es geht darin um Zwerg Stolperli, der grösser werden will, darum in den Wald zieht und dort sein eigenes Erweckungserlebnis hat (sorry für den Spoiler). Problem, Katharsis, Seelenfrieden. Zwerg Stolperli ist damit auf der Bestsellerliste der heutigen Kinderliteratur gelandet.

Auf die alten Tage wurde Peach Weber – einst Primarlehrer, seit 43 Jahren Comedian – ein erfolgreicher Kinderbuchschreiber. Nun ist der 67-Jährige auf Tournee, 50 Lesungen im Jahr 2019 mit dem Stolperli («Sind wir nicht alle ein bisschen Stolperli? Hauptsache, man steht wieder auf»). Es scheint zu funktionieren, die Kinder kommen («sie sind das brutalste Publikum»), und sie laufen nicht davon. Die Eltern erzählen im Laden, wie gerne ihre Kinder lesen und wie wichtig das Vorlesen sei. «Sehr wichtig», sagt eine anwesende Mutter, eine Heilpädagogin, sie weiss: «Es hilft in der kognitiven Entwicklung und ist gut für die Bindung.» Ihren zwei Buben hat sie zwei Bücher gekauft, samt Unterschrift von Peach Weber.

Lesekompetenz bringt Lesefreude

Im Franz Carl Weber sind sich ziemlich alle einig. Lesen ist wichtig, Lesen macht Freude, Lesen bildet. Doch die Pisa-Studie hat diese Woche gezeigt, dass die Hälfte aller Kinder mit 15 keinen Spass mehr daran findet. Es ist für sie eine reine Zeitverschwendung. Und die Studie zeigt, dass Lesefreude mit der Lesekompetenz zusammenhängt, stark sogar. Jeder Vierte versteht das Gelesene nicht und kann die Informationen nicht einordnen. Und noch schlimmer: Wir sind schlechter als die Deutschen und Franzosen. (Hier berichteten wir ausführlich über die Pisa-Resultate.)

«Wir sind selbst schuld», sagt Peach Weber.

Wer darüber mit Lehrerinnen spricht, mit Leseförderern, aber auch mit Kinderbuchautorinnen, landet stets beim einen Thema: beim Vorlesen, bei den Kinderbüchern. Hier beginnt es, hier wird die Tür aufgestossen ins Abenteuer auf den Buchseiten, und hier harzt es bereits. «Wir sind selbst schuld», sagt Peach Weber, er verzieht seine Miene, und man weiss nun nicht, wer da spricht. Der Komiker? Der Primarlehrer? Oder der Kinderbuchautor? «Wir haben die Kinder mit Fernsehen und iPad ruhiggestellt, damit wir es selbst bequemer haben.»

Oft fehle der Tiefgang

Christine Lötscher ist Literaturexpertin, sie forscht über Kinderliteratur und hat ein angespanntes Verhältnis zu Prominenten wie Gunvor, Stefan Gubser oder eben Peach Weber, die Kinderbücher schreiben. Der Tiefgang fehle oftmals in ihren Geschichten, der Erzählton sei kindisch. Sie erzählt von der Macht einer Geschichte, vom wertvollen Leseerlebnis und irgendwann kommt sie zum Schluss: «Man kann den Kindern nicht sagen: Lesen ist supertoll. Aber selbst verbringt man die Abende lieber vor dem Fernseher oder Tablet.» Ähnlich resümierten Experten nach den Resultaten der Pisa-Studie: Netflix und Handy locken die Kinder von den Büchern weg.

Lötscher hat eine eigene Theorie, weshalb das Lesen zum Problemfall wurde. Es begann im Jahr 2000 und mit dem ersten Pisa-Test. Bereits damals wurde den Jugendlichen eine Leseschwäche diagnostiziert, der Aufschrei war gewaltig. Die Reaktion auch. Der Büchermarkt reagierte, die Schulen ebenso. Plötzlich musste ein Buch einfach verständlich sein, plötzlich war die Geschichte eines Jägers, der einem Landstreicher für zwölf Flaschen Branntwein den Hund abkauft und ihn Krambambuli nennt, weil die Fuselmarke Krambambuli heisst, nicht mehr das richtige Buch.

«Der Text nimmt dich mit auf eine Abenteuerreise.»Christine Lötscher, Literaturexpertin

Stattdessen kamen Bücher wie «Geil, das peinliche Foto stellen wir online!» in die Verkaufsregale und Schulen. Ein Jugendroman, wie der Klassiker Krambambuli, nur pädagogischer und simpler. «Platt» nennt es Christine Lötscher, «sowas spüren Kinder und verlieren bald das Interesse.» Darum wüssten viele gar nicht mehr, was Lesen überhaupt sei.

Lötscher kritisiert, dass das Lesen banalisiert wurde. «Es musste nur noch einfach sein, mühelos und lässig», sagt sie, «doch das ist Lesen eben genau nicht.» Lesen sei mit Arbeit verbunden, man müsse sich konzentrieren und einer Geschichte Raum geben. Dafür werde man belohnt: «Der Text nimmt dich mit auf eine Abenteuerreise.»

Lesen dank Wettstreit

Auf diesem Weg der Vereinfachung schufen Verlage auch personalisierte Bücher. Eltern können in einer Onlinemaske Name, Alter, Hobby bestimmen, ein paar Tage später wird ein Buch über den siebenjährigen Liam, der gerne Fussball spielt,an den siebenjährigen Liam, der gerne Fussball spielt, nach Hause geschickt. Lötscher muss über diese Innovation auflachen, laut, aber säuerlich. «Solche Bücher beleidigen die Kultur der Kinderliteratur», sagt sie, «man vergibt sich damit sehr viel.»

An Schulen wird zudem das Programm Antolin angewandt. Schülerinnen und Schüler lesen ein Buch. Im Internet können sie Fragen dazu beantworten und dabei Punkte sammeln. Eltern und Lehrer erzählen, wie unter manchen Schülern ein Wettbewerb ausgebrochen sei. «Die Frage ist, weshalb lesen hier die Kinder?», fragt Lötscher, «Wegen der Geschichte oder wegen der Punkte?» Zweiteres findet sie bedenklich.

Leseknicks gilt es zu überwinden

Laut Forschung gibt es zwei Momente, in denen Kinder des Lesens überdrüssig werden, die sogenannten Leseknicks. Der eine ist erwartbar: die Pubertät. Der andere kommt eher überraschend. «Er geschieht bereits im Primarschulalter», sagt Maria Becker vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM). «Wenn zu wenig gelesen und zu wenig über Bücher gesprochen wird, kann das Lesen für Kinder schnell etwas Schulisches und Formales werden.» Kurz: Sie springen ab.

«Ich habe als Kind ziemlich viel TV geschaut, und ich denke nicht, dass das meiner Kreativität geschadet hat.»Katja Alves, Kinderbuchautorin

Darum brauche es attraktivere Bücher, mehr Zeit und Raum für das Lesen in den Schulen, sagt Becker. Die Wissenschaftlerin ist mit allerhand Studien über das Lesen bewandert. Vorlesen fördert die Lesekompetenz, zeige ein Studie. Eine andere: Wer auf Tablets liest, macht das oberflächlicher, als wenn er ein Buch liest. Und drittens: Lesen fördert Empathie und Fantasie. Oder umgekehrt: Wer nicht liest, ist ärmer dran.

Becker und Lötscher sind besorgt. Entspannter gibt sich Katja Alves, die aktuell wohl profilierteste Kinderbuchautorin der Schweiz. «Wissen Sie, meine Grossmutter hatte als Erste einen Farbfernseher im Quartier, ich habe als Kind ziemlich viel TV geschaut, und ich denke nicht, dass das meiner Kreativität geschadet hat.» Sie fügt an, dass sie aber in einem sehr bücherfreundlichen Umfeld aufgewachsen sei. Zu Hause gab es eine grosse Bibliothek, irgendwann habe sie aus Neugier selbst zu lesen begonnen.

Lieber selber denken

Das Schaffen eines bücherfreundlichen Umfelds beschäftigt die Literaturexperten, auch bei eingewanderten Familien, sagt Becker. Darum hat der SIKJM ein Projekt aufgegleist. Eltern mit Kindern im Vorschulalter werden in der Herkunftsprachen zu Geschichtenstunden eingeladen – mit Erfolg. Nun wollen auch die Kantone in der Frühförderung aktiv werden.

Autorin Katja Alves sieht Kinderbücher als Türöffner in die Welt der Literatur. Peach Weber irgendwie auch – obwohl er selbst gar nicht gern liest. Er frage sich immer, ob es sich lohne, 300 Seiten lang den Gedanken eines anderen zu folgen. Man solle darum lieber selber denken. Seine Kinderbücher sieht er als Samen, aus dem später hoffentlich einmal ein mit Freude lesender Mensch wird.

Erstellt: 07.12.2019, 10:09 Uhr

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