Liebe Städter, ihr müsst mehr jodeln

Wir Landeier sind nicht konservativ. Wir finden einfach, dass gewisse Dinge gut sind, wie sie sind. Eine Replik.

Einige Dinge bleiben gut: Ein Appenzeller an einer Viehschau. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Einige Dinge bleiben gut: Ein Appenzeller an einer Viehschau. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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In einem Dorf zwischen St. Gallen und dem Bodensee aufgewachsen und vor elf Jahren nach Appenzell steuergeflüchtet, habe ich den Stossseufzer des Städters und Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktors Fabian Renz mit Interesse gelesen. Und zwar gleich nach dem Besuch der Männerriege, als ich in der Dorfbeiz Schnitzel-Pommes-frites zu mir nahm, umringt von lautstarken Jassrunden. Ich habe übrigens einhändig gegessen, weil ich mit der anderen Hand gleichzeitig am Talerschwingen war. Man muss sich seine Zeit ja einteilen heutzutage. Als sich Nachbar Köbi zu mir an den Tisch setzte, habe ich ihn sofort gefragt, warum er diesen Trump gewählt habe und den Erdogan unterstütze. Das stand jedenfalls im Tagi. Der Köbi hat nicht ganz verstanden, was ich meine, aber vielleicht hat er mich auch einfach nicht gehört, er hat nämlich gerade ein Zäuerli gesungen. Ein ganz normaler Tag auf dem Land.

Ich gebe zu: Wir Landeier haben unsere Eigenheiten. Zum Beispiel entweichen uns genetisch bedingt spontane Jodellaute, wenn wir am Morgen mit Mundwasser gurgeln. Uns kann man einen kostenlosen Ferrari vors Haus stellen, wir steigen dennoch in den Subaru. Und wie oft bin ich schon über dieses vermaledeite Alphorn gestolpert, das bei mir im Hauseingang steht, obwohl ich doch gar nicht spiele.

Die bleichen Gesichter der Städter

Isolieren tun wir uns aber nicht! Im Gegenteil, wir suchen den Kontakt mit der Stadtbevölkerung aktiv. Wir winken immer ganz freundlich am Samstagvormittag, wenn sich von St. Gallen her eine endlose Wagenkolonne Richtung Schwägalp bewegt. An den feinen Autos der Städter klebt noch ein Stück Restnebel, traurig schauen uns die bleichen Gesichter aus den Autofenstern an, während wir unsere Kühe liebevoll mit einem Sud aus Bier und Alpenbitter massieren. «Sonne!», scheinen diese Gesichter stumm zu schreien, «Luft!» Beides werden sie bei uns finden, diese bedauernswerten Gestalten. Gratis!

Wir lesen übrigens auch Zeitung, hören Radio und schauen TV – wenn die Antenne auf dem Dach nicht gerade verrücktspielt. Und deshalb bekommen wir es natürlich mit, wenn man über uns spricht. Konservativ seien wir. Das ist Unsinn. Wir finden einfach, dass gewisse Dinge gut sind, wie sie sind, und dann lassen wir sie eben auch so. Unten in der Stadt jagt zum Beispiel eine «Quartierraumplanung» die nächste. Offenbar ist das Quartierleben so unerträglich, dass man permanent alles umbauen muss. Ein typischer Dorfplatz hingegen wird nur etwa alle 250 Jahre neu gestaltet. Und auch das nur, wenn uns ein Erdbeben keine andere Wahl lässt. Ein Platz ist ein Platz ist ein Platz. Es ist eine ebene Fläche, auf der man nach der Kirche den Seitensprung der Frau vom Metzger diskutiert. Was soll man daran, bitte, verbessern?

Werte? Welche Werte?

Wir sollten wieder «zu einem gemeinsamen Wertefundament finden», schreibt der Städter Renz. Da sind wir sofort dabei, wirklich! Wir wussten bisher einfach gar nicht, dass Städter überhaupt Werte haben. Wir sind immer davon ausgegangen, dass man nur dann in eine Stadt zieht, wenn man a) auf keinen Fall Kontakt zu den Nachbarn haben will oder b) möglichst unerkannt Sozialhilfe beziehen möchte oder c) auch mitten in der Nacht noch zu Drogen kommen muss. Ich stelle es mir schwierig vor, bei so unterschiedlichen Interessen Werte zu entwickeln. Wenn fünf Städter zusammentreffen, haben sie doch eigentlich keine Gemeinsamkeit. Ausser, dass sie am Wochenende aufs Land fahren.

Für 2017 nehme ich mir dennoch vor, an der Beziehung Stadt-Land zu arbeiten. Wir sollten uns wirklich mehr annähern. Ich stelle mir einen temporären Austausch von Dingen vor, die uns am Herzen liegen. Das fördert das gegenseitige Verständnis. Ihr kriegt ein Wochenende lang eine Kuh, wir nehmen einen eurer Drogendealer. Jede Wette, dass der Dealer am Montag gar nicht mehr zurückwill und am Dienstag bereits in der Männerriege auftaucht. Drogenfrei, denn unsere frische Luft bewirkt Wunder. Und die Kuh? Die ist bis dann vermutlich eingegangen. Aber, liebe Städter: Dieses Opfer ist es uns wert.

*Stefan Millius ist Journalist und Autor in Appenzell

Erstellt: 22.12.2016, 16:25 Uhr

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