Lohnen sich die Kampfjet-Gegengeschäfte für die Schweiz?

Die Mehrkosten würden sich in Grenzen halten, kommt eine neue Studie zum Schluss. Der Autor steht im Sold der Ruag.

Neuer Kampfjet gesucht: Eine F/A-18 auf dem Militärflugplatz in Meiringen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Neuer Kampfjet gesucht: Eine F/A-18 auf dem Militärflugplatz in Meiringen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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8 Milliarden Franken soll die Schweiz in den nächsten zehn Jahren für neue Kampfjets und ein neues Boden-Luft-Raketen-System ausgeben. So will es der Bundesrat. Ausländischen Herstellern dieser komplexen Verteidigungssysteme winkt ein grosses Geschäft. Aber auch die inländische Industrie hofft auf volle Auftragsbücher. Der Bundesrat will nämlich, dass die 8 Milliarden Franken mittels Gegengeschäften wieder in die Schweiz zurückfliessen.

Allerdings sind diese Offset-Deals sehr umstritten. Befürworter verweisen darauf, dass sie Jobs im Inland sichern und einen wertvollen Wissenstransfer für die hiesige Industrie bedeuten. Gegner bemängeln die Intransparenz, das Korruptionsrisiko und die Mehrkosten: Muss ein Kampfjethersteller Aufträge in der Schweiz platzieren, bedeutet dies einen zusätzlichen Aufwand, weil er im Inland Geschäftspartner finden muss, zudem wird der Wettbewerb ausgehebelt, weil ausländische Konkurrenten nicht infrage kommen. Beides treibt die Kosten der Rüstungsdeals in die Höhe. Oskar Schwenk, Präsident des Flugzeugbauers Pilatus, bezifferte den Offset-Zuschlag im «SonntagsBlick» auf 15 bis 20 Prozent. Im Parlament wird eine harte Kontroverse über diesen Punkt erwartet. Skeptisch ist nebst der Linken auch die Partei von Neo-Verteidigungsministerin Viola Amherd.

Erstaunlich positives Fazit

Gerade rechtzeitig zu dieser Debatte hat nun die Universität St. Gallen eine neue Studie zu Gegengeschäften erstellt. Ihre Befunde sind ausgesprochen positiv. In der nationalen Industrie herrsche ein weitgehender Konsens über die positiven Auswirkungen von Offset, heisst es in einer Zusammenfassung, die von der Schweizerischen Gesellschaft für Technik und Armee publiziert wurde. Die Mehrkosten von Offsets würden sich in der Schweiz auf 2 bis 5 Prozent belaufen.

Professor in St. Gallen: Thomas Friedli. Foto: PD

Diesen Ausgaben stünden aber auch zusätzliche Einnahmen gegenüber, argumentiert die Studie. Dank zusätzlichen Aufträgen würden bei inländischen Unternehmen und ihren Mitarbeitern auch neue Steuererträge anfallen. Alles in allem würden diese zusätzlich generierten Steuereinnahmen die Mehrkosten der Gegengeschäfte «weitgehend kompensieren».

Was in der Zusammenfassung der Studie nicht ausgewiesen wird: Der Autor steht selbst seit fünf Jahren im Sold des Schweizer Rüstungskonzerns Ruag. Thomas Friedli, Betriebswirtschaftsprofessor und Direktor des Instituts für Technologiemanagement der Universität St. Gallen, ist Mitglied des Ruag Advisory Board. Dessen Aufgabe besteht darin, Konzernleitung und Verwaltungsrat vor strategischen Entscheiden zu beraten.

2500 Franken pro Sitzung

Professor Thomas Friedli will in der heiklen Konstellation aber keinen Interessenkonflikt erkennen. Das Ruag Advisory Board sei «ein von der Ruag unabhängiges Gremium», wie er auf Anfrage mitteilt. Zudem sei sein Ruag-Mandat auf der Homepage der Universität St. Gallen und in seinen Lebensläufen transparent ausgewiesen. Es werde mit 7500 Franken pro Jahr entschädigt, bei drei bis vier Sitzungen. Auftraggeber der Studie zu den Industriebeteiligungen sei der Verein Asipro gewesen, was deklariert werde, so Friedli weiter. Die Asipro bezweckt gemäss Handelsregister die Förderung von Offset-Geschäften für die Schweizer Industrie. Sie dürfte mit den Ergebnissen von Professor Thomas Friedli zufrieden sein.

Dasselbe gilt auch für die Ruag. Die Ruag hat ein eminentes Interesse daran, dass auch bei den nächsten Rüstungsbeschaffungen eine Offset-Pflicht besteht. Eine Erhebung der Eid­genössischen Finanzkontrolle (EFK) hat 2007 ergeben, dass die Ruag der grösste inländische Profiteur von Industriebeteiligungen ist. Von 1995 bis 2005 seien über 10 Prozent des gesamten Offset-Volumens bei der Ruag gelandet, schreibt die EFK. Bleibt es bei diesem Verhältnis, darf die Ruag bei der Erneuerung der Luftverteidigung auf Aufträge im Umfang von 800 Millionen Franken hoffen. Das entspricht dem Konzernumsatz von fast einem halben Jahr.

Erstellt: 06.02.2019, 11:03 Uhr

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Zahlenkrieg um Offset-Deals

Der Kampf um die Offset-Pflicht ist auch ein Zahlenkrieg. Die Rüstungsindustrie, ihre Lobbygruppen und selbst Bundesstellen haben zuletzt übereinstimmend verlautbaren lassen, die Mehrkosten von Offsets beliefen sich auf «maximal 5 Prozent». Worauf gründet diese Aussage? Swissmem spricht wolkig von «Befragungen der Firmen». Andere, darunter die Uni St. Gallen, beziehen sich auf eine EFK-Studie. Diese wiederum stützt sich auf eine 18 Jahre alte Wiener Diplomarbeit. Darin heisst es tatsächlich, dass die Offset-Prämie bei straffer Abwicklung 2 bis 5 Prozent des Preises betrage. Ob diese Zahl aber für die Schweiz zutrifft, ist fraglich. In derselben Studie heisst es, dass es Grund gebe, in der Schweiz Mehrkosten von 10 Prozent zu erwarten. (lnz)

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