Lombardi, der Russlandversteher

Ständerat und CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi reist fast im Monatstakt nach Russland oder empfängt russische Freunde in der Schweiz. Politiker fordern mehr Zurückhaltung.

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CVP-Ständerat Filippo Lombardi brachte seit dem Ausbruch der Ukrainekrise mehrfach seine Sympathien für Russland zum Ausdruck. Jetzt äussern sich Politiker in der «Aargauer Zeitung» säuerlich über ihren Rats- und Fraktionskollegen. Ein CVP-Bundesparlamentarier sagt anonym: «Als Fraktionschef steht er im Schaufenster. Er sollte jetzt in die Defensive gehen.» Ein anderes Fraktionsmitglied aus der Deutschschweiz sagt: «Politisch sollte man sich in dieser Situation als Fraktionschef zurückhalten.» Und auch Carlo Sommaruga (SP, GE), Präsident der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats, sagt, er würde mehr Zurückhaltung von Lombardi erwarten. «Ich verstehe nicht, wie jemand, der Bundesrat werden möchte, die Interessen eines Drittstaates so emotional vertritt und verteidigt.»

Lombardis Verständnis, Obamas Gebell

Dies tat Lombardi etwa im März gegenüber der «Schweiz am Sonntag», nachdem auf der Krim bereits erste Menschen durch die Waffen prorussischer Milizen gestorben waren. Damals erklärte er, es sei «verständlich, dass Russland versucht, die Krim zurückzuerobern.» Am vergangenen Montag erklärte er gegenüber Blick.ch, es bringe nichts, «mit den Hunden zu bellen» und bezog sich dabei auf die Sanktionen der EU und der USA.

Im gleichen Zeitraum war Lombardi mindestens zweimal in Russland. Im Februar reiste er an das olympische Turnier nach Sotschi, traf im House of Switzerland den russischen Präsidenten Wladimir Putin, den er innig umarmte und ihm einen Schal des Eishockey-Clubs Ambrì-Piotta um den Hals legte. Am 6. März eröffnete Lombardi in Moskau die Feierlichkeiten zu den 200-jährigen diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland. Laut der Niederschrift seiner Rede sprach er den Vizepräsidenten der Russischen Föderation als «lieber Freund Yuri Vorobiev» an. Auf Russisch sagte er seinen Zuhörern: «Da zdravstvuyet Rossiskaja - shveytsarskaya Druschba!» («Es lebe die russisch-schweizerische Freundschaft.»)

Nachtessen im Luxushotel The Chedi

Neben seinen Kontakten im Ausland pflegte Lombardi seine Beziehungen zu Russland auch in der Schweiz. So etwa im April, als der Tessiner CVP-Ständerat mit russischen Politikern und ehemaligen Sportgrössen im Luxushotel The Chedi in Andermatt speiste. Das Treffen fand anlässlich eines Hockeyspiels zwischen der Veteranenmannschaft von Ambrì-Piotta und «hochdekorierten Eishockeylegenden aus der ehemaligen Sowjetunion» statt, wie es in einer Mitteilung des Tessiner Hockeyclubs hiess. Gewonnen hat übrigens Ambrì-Piotta mit 5:1. Zwei Monate später konterten sechs russische Politiker diese Niederlage erfolgreich im Bundeshaus. Im Juni empfing Lombardi die Mitglieder der Duma zu einem Schachturnier, an dem auch der frühere Schachweltmeister Anatoli Karpow teilnahm. Gerade in Krisensituationen sei es umso wichtiger, den Dialog aufrechtzuerhalten, sagte Lombardi.

Auch in seinem Jahr als Ständeratspräsident pflegte Lombardi einen engen Austausch mit russischen Vertretern, reiste zu Gesprächen mit Mitgliedern des russischen Föderationsrates, eröffnete das Russische Wirtschafts- und Finanzforum in der Schweiz und unterzeichnete ein Memorandum of Understanding zwischen dem Ständerat und dem Russischen Föderationsrat. Damals liess sich die Ukrainekrise allerdings nicht vorhersehen.

Lombardi ist in St. Petersburg

Nicht zu Wort gekommen ist Lombardi selbst. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet wehrt er sich gegen die Vorwürfe. Er sagt, es sei «völkerrechtlich falsch, was auf der Krim passiert ist». Aus Sicht von Russland gebe es verständliche Gründe für das Interesse an der Krim. Verständlich heisse jedoch nicht richtig. Seine zahlreichen Reisen begründet er mit den Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland. Einige Programmpunkte seien gestrichen worden, andere bestünden weiter.

Pikanterweise weilte Lombardi, während er dieses Plädoyer hielt, in Russland. Wie sich im Gespräch ergeben hat, besucht er derzeit in St. Petersburg einen Russischkurs. Trotzdem stellt er in Abrede, besonders intensive Kontakte nach Russland zu haben. Er pflege Beziehungen zu diversen Ländern, auch zur Ukraine. «Wir sind ständig bemüht, eine gute Zusammenarbeit mit ukrainischen Parlamentariern zu entwickeln und möchten helfen, sie auf dem Weg aus diesem Schlamassel zu unterstützen.»

Lesen Sie das Interview mit CVP-Ständerat Filippo Lombardi morgen auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.07.2014, 21:06 Uhr

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