Hintergrund

Luftretter-Streit: Rega flog im Aargau 30 Prozent weniger Einsätze

Die Schweizer Rettungsflugwacht und der TCS buhlen um die Luftrettung im Aargau. Gespräche für eine Zusammenarbeit sind gescheitert – wegen Sicherheitsbedenken der Rega. Der TCS hüllt sich in Schweigen.

Der traditionelle Schweizer Luftretter hat Konkurrenz erhalten: Helikopter der Rega und des TCS.

Der traditionelle Schweizer Luftretter hat Konkurrenz erhalten: Helikopter der Rega und des TCS.

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Die Schweizer Rettungsflugwacht (Rega) und der Touring Club Schweiz (TCS) konnten sich bezüglich einer Zusammenarbeit im Kanton Aargau nicht einigen. Das Departement Gesundheit und Soziales (DGS) will nun bis Mitte Juli entscheiden, welcher Helikopter künftig auf dem Kantonsgebiet den Vorrang hat, wenn es Menschen in Not zu retten gilt.

Während die Einsatzleitstelle 144 in Aarau für den Kanton Aargau jahrelang die Rega aufbot, wenn ein Helikopter gefragt war, steht seit April der Touring Club Schweiz (TCS) mit dem gelben Helikopter der Alpine Air Ambulance (AAA) zuoberst auf der Liste.

Einsatzeinbussen für die Rega

Für die Rega hat das neue Alarmierungssystem der Aargauer Auswirkungen auf die Einsatzzahlen: Im Vergleich zu den letzten drei Jahren leistete die Rega 2013 im Kanton Aargau etwa 30 Prozent weniger Einsätze. In den Monaten April bis Juni 2012 ist die Rega im Aargau 34 Einsätze geflogen, während es in dieser Zeitspanne 2013 nur 23 waren. Wie Rega-Sprecherin, Karin Hörhager, sagt, ist allerdings offen, ob der Rückgang einzig auf die Aktivitäten des TCS zurückzuführen ist.

Zur neuen Prioritätenliste geführt hatte ein tragischer Unfall im März: Die Einsatzleitstelle 144 bot die Rega aus Basel zu einem Verkehrsunfall in Windisch auf, bei dem ein fünfjähriges Kind ums Leben kam. Die Unglücksstelle befand sich in der Nähe des Flugplatzes Birrfeld, auf dem der TCS-Heli stand.

TCS in Rega-Disposition integrieren

Obschon auch ein schnelleres Eintreffen des gelben Rettungshelikopters den tragischen Ausgang des Unfalls nicht hätte verhindern können, beschloss die Aargauer Regierung, dass künftig die in Birrfeld stationierten TCS-Luftretter kantonsweit eingesetzt werden. Sofern sie verfügbar sind, denn der TCS betreibt lediglich einen Rettungshelikopter und führt damit auch Organtransporte, Repatriierungen und Patiententransporte durch.

Die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli forderte daraufhin von den beiden Rettungsorganisationen, sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsame Sache zu machen. Ziel war es, den gelben Helikopter und seine Besatzung in die rote Flotte zu integrieren und von der Rega disponieren zu lassen.

Rettender Kabelschneider fehlt

Gespräche haben zwar stattgefunden, sind aber gescheitert. Konkret kann sich die Rega zum heutigen Zeitpunkt eine Einbindung des Rettungshelikopters des TCS nicht vorstellen. Die AAA ist ihrerseits nicht bereit, sämtliche von der Rega geforderten Standards zu erfüllen, die über die erfüllten gesetzlichen Vorgaben hinausgehen. Das teilt das Aargauer Gesundheitsdepartement mit.

Die Rettungsflugwacht habe das Anliegen der Aargauer Regierungsrätin sorgfältig geprüft und entschieden, den Helikopter des TCS nicht aufzubieten, teilt die Rettungsflugwacht mit. Die Maschine erfülle die hohen Standards der Rega in wesentlichen Punkten nicht, begründet Rega-Sprecherin Karin Hörhager den Entscheid. Wie sie gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt, fehle dem gelben Helikopter eine Rettungswinde oder der bei den Rega-Maschinen gängige Kabelschneider. Dieser entzweit beispielsweise überirdische Stromleitungen und verhindert, dass sich die Maschine darin verfängt und abstürzt.

«Keine Senkung bewährter Standards»

«Die Rega musste im Laufe ihres 60-jährigen Bestehens schmerzhafte Erfahrungen machen und hat verschiedentlich Menschenleben im Einsatz verloren, auch in der Folge fehlender Standards bezüglich Ausrüstung und Ausbildung», sagt Hörhager. Deshalb ergreife die Rega alle erdenklichen Massnahmen, welche der Sicherheit von Patienten, Besatzung und Drittpersonen dienen – auch wenn sie gesetzlich nicht vorgeschrieben sind. «Weil der TCS-Heli diese Standards nicht erfüllt, wird die Rega die Verantwortung für die Disponierung seines Helikopters nicht übernehmen.»

Ihre eigenen Vorgaben, die auf langjährigen Erfahrungen basieren, will die Rega nicht zurückbuchstabieren: «Im Interesse der Patienten und der Grundversorgung der Bevölkerung sind wir nicht bereit, eine Senkung der über Jahrzehnte bewährten Standards in der Schweizer Rettungsfliegerei zu unterstützen», hält Hörhager fest. Im Zuge der Gespräche habe sich immer deutlicher abgezeichnet, dass die Verständigung auf einheitliche Vorgaben, die sich an der Einsatzerfahrung der Rega orientieren, ausser Reichweite liege.

Das Gönnerversprechen greift nicht

Das Departement Gesundheit und Soziales des Kantons Aargau wird in den kommenden Wochen entscheiden, welcher Helikopter im Notfall wo und unter welchen Bedingungen zum Einsatz kommt. Für die Rega steht fest: «Sollte ein anderer Anbieter zum Einsatz kommen, greift unser Gönnerversprechen nicht.» Demnach erlässt die Rega ihren Gönnern allfällige nicht von Versicherungen gedeckte Einsatzkosten. «Da die Rega eine gemeinnützige Organisation und keine Versicherung ist, kann sie keine Kosten für die Einsätze von Dritten übernehmen.»

Laut Petra Seeburger, Sprecherin der Alpine Air Ambulance des TCS, ist dies auch nicht nötig: «Für den Fall, dass keine Versicherung die Kosten übernimmt, werden diese von der Alpine Air Ambulance getragen. Diese Fälle bilden in der Schweiz aber die Ausnahme.» Das will der TCS auch künftig so handhaben, «unabhängig vom Entscheid der Aargauer Regierung». Die Alpine Air Ambulance will ihre Beweggründe, sich gegen die Rega-Vorgaben zu sträuben, nicht kommentieren. Genauso in Schweigen hüllen sich die Luftretter des TCS, wenn es um die künftigen Szenarien geht.

Zwei Zukunftsszenarien

Für den Aargauer Kantonsarzt Martin Roth gibt es zwei Möglichkeiten: «Entweder bieten wir den TCS-Heli weiterhin über die Einsatzleitstelle 144 auf oder wir verlangen von der AAA, dass sie die von der Rega definierten Standards übernimmt und so die Voraussetzungen für eine Disposition durch die Rega schafft.»

In den kommenden Wochen werde die Kostenfrage genauso thematisiert wie die rechtlichen Rahmenbedingungen. Im Vordergrund stehe aber die Frage nach der besten Lösung für die Aargauer Bevölkerung. Für Roth kommen die jüngsten Entwicklungen nicht überraschend. «Es gab Anzeichen dafür. Trotzdem hofften wir auf eine Annäherung.»

Erstellt: 26.06.2013, 11:59 Uhr

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