Madonnas Modeschau

In der Karwoche hat Bruder Gerold Zenoni besonders viel zu tun. Der Einsiedler Mönch ist der Garderobier der Schwarzen Madonna von Einsiedeln.

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Auf Bruder Gerold Zenonis Stirn zeigen sich Falten. Er hat diesen Abend etwas «ersorget», wie der Einsiedler Mönch sagt. Denn das weisse Utara-Kleid, in das er heute die Muttergottes einkleiden wird, ist schwer und steif. Es ist kurz nach acht Uhr abends und er trägt das Kleid sorgfältig durch die dunkle Klosterkirche hin zur Gnadenkapelle, die um diese Zeit als einziger Ort noch hell erleuchtet ist. In ihr steht die berühmte Schwarze Madonna, eine Handvoll Gläubige kniet betend davor. Aus dem Kirchenschiff tönen die letzten Takte der Komplet herüber, des gesungenen Nachtgebets der Mönche.

Bruder Gerold ist seit über zwanzig Jahren der Garderobier der Madonna von Einsiedeln. In der Zeit vor Ostern hat er es besonders streng, denn dann muss er die Marienstatue alle paar Tage umkleiden. Im Moment trägt sie – den liturgischen Vorgaben für die Fastenzeit entsprechend – das violette Mantova-Gewand. Für den Josefstag am 19. März wechselte sie kurz auf Weiss, in der Kar­woche ist sie wiederum in Violett gehüllt: in das Alte-Engelweih-Kleid. Für Ostern dann liegt in der Sakristei bereits der Oster-Ornat aus dem Jahr 1721 bereit: grosse prächtige Seidenblumen auf gesticktem Silberboden, eingefasst mit Goldfransen.

Bestangezogene Dame Europas

Jetzt ist also das Utara-Kleid an der Reihe, das Bruder Gerold etwas Bauchweh macht, weil es sich nicht so geschmeidig überziehen lässt. Als der Schein der Gnadenkapelle auf den Stoff trifft, blitzen unzählige Swarovski-Kristalle auf. Bruder Gerold öffnet das Gitter der Kapelle, legt das Kleid sorgfältig auf den Altar und setzt dann ein Gerüst vor der Muttergottes-Statue zusammen. Kurz nachdem der Gesang der Mönche verstummt ist, eilt Bruder Alexander Schlachter herbei. Er wird seinem Mitbruder bei der kniffligen Arbeit zur Hand gehen.

Die Muttergottes von Einsiedeln wird gelegentlich als bestangezogene Dame Europas bezeichnet. In ihrem Kleiderkasten hängen 34 kostbare sogenannte Behänge. Insgesamt hatte sie mehr als 150 davon, doch gingen über die Jahrhunderte viele verloren, denn die Reformation und die Französische Revolution schüttelten das Kloster Einsiedeln durch. Das älteste der heute noch vorhandenen Kleider ist das 1685 gefertigte Alte-Engelweih-Kleid, das die Madonna in der Karwoche trägt. Es überstand den Franzoseneinfall 1798, doch waren danach die Perlen, Edelsteine und Goldpailletten verschwunden.

Von einer Muslimin gespendet

Bruder Gerold amtet zwischen fünfzehn- und zwanzigmal pro Jahr als Gewandmeister der Madonna. «Ziel ist es, dass alle Kleider in einem Turnus von zwei Jahren zum Zug kommen», sagt er. Die Behänge, zu denen ein Rock, ein Schleier und das Kleidchen für das Jesuskind gehören, lagern in Holzschubladen. Demnächst werden dafür Spezialschränke geliefert, denn die Kleider unterstehen dem Kulturgüterschutz.

Bei der Vorbereitung des Garderobenwechsels präsentiert uns Bruder Gerold die Prunkstücke aus dem Kleiderkasten der Madonna: Als kostbarster Behang gilt das 1792 gestiftete Grosse-Engelweih-Kleid mit den aus Gold gestickten Engeln, das überreich mit echten Perlen, Goldplättchen und Rubinen bestückt ist. Sein Favorit ist aber das Pfingst-Ornat aus dem Jahr 1750: roter Grund mit Goldstickerei. Er streift sich weisse Handschuhe über und hebt den schweren roten Stoff mit Goldstickerei wie ein versierter Couturier so hoch, dass er besonders gut zur Geltung kommt. «Dazu gibt es auch passende Priestergewänder, was beim Gottesdienst an Pfingsten einen besonders feier­lichen Eindruck macht.»

Die Spender der Kleider sind Fürsten und kirchliche Würdenträger, aber auch ganz gewöhnliche Gläubige, wie die Dienstmagd Crescentia Bayer aus Innsbruck, welche dem Kloster 1861 ein mit Goldstickereien besetztes rotes Samtkleid schenkte. Und es scheint gerade Mode zu sein, der Maria ein Gewand zu spenden. Bruder Gerold weiss gleich von mehreren, die in Arbeit sind. Es gibt auch ein richtiges Schnittmuster aus Packpapier für die Kleider der Muttergottes und des Jesuskindleins.

Beim Publikum am beliebtesten ist derzeit das «Perser-Kleid». Er bekomme regelmässig Anfragen – auch aus dem Ausland, wann die Madonna dieses Kleid wieder trage, sagt Bruder Gerold. Das leuchtend blaue, üppig mit Pailletten und glitzernden Steinen besetzte Kleid wurde der Muttergottes vor sieben Jahren von einer Zürcher Muslimin geschenkt. Sie nannte es «Toleranz».

Auch das Kleid, welches Maria nun übergestreift wird, hat eine besondere Geschichte: Gestiftet wurde es 2011 von einem indischen Hindu. «Ein hochspiritueller Mensch», wie Bruder Alexander erzählt, während Bruder Gerold auf das Gestell klettert und sich anschickt, als Erstes dem Jesuskind das violette Kleidchen aufzuknüpfen. Der Inder komme regelmässig in die Klosterkirche, wenn die Maria «sein» Kleid trägt.

Die 1466 im süddeutschen Raum geschnitzte Marienstatue mit dem Jesuskind auf dem Arm trug ursprünglich nur einen schlichten roten Rock aus Lindenholz, doch wurde sie wahrscheinlich von Beginn an bekleidet. So wird bereits nach dem grossen Klosterbrand vom 24. April 1577 der Verlust der «Damast Mentel» beklagt. Seit 1580 wird das Einsiedler Gnadenbild gemäss der damaligen Mode am spanischen Hof mit kostbar gefertigten, steifen Behängen bekleidet.

Diskussionen über den Prunk

Papst Franziskus predigt Bescheidenheit und die Maria von Einsiedeln kommt in Samt und Damast daher. Bruder Gerold lässt sich durch eine solch provokative Bemerkung nicht aus dem Konzept bringen. Er streicht seine Kutte glatt und sagt: «Es wurde im Konvent in früheren Zeiten immer ­wieder einmal darüber diskutiert, ob man die Madonna ohne Behang lassen soll.» Doch habe man sich aus unterschiedlichen Gründen stets dagegen ent­schieden. «Derzeit stehen solche Fragen nicht im Raum.»

Für die Gläubigen gehört, sagt Bruder Gerold, die Schwarze Madonna in dieses noble Kleid. Tatsächlich passt in die farbenprächtige, barocke Umgebung der Klosterkirche eher eine Maria als Himmels­königin als eine Maria als schlichte Zimmermanns­frau.

Für diese Himmelskönigin und ihr Kind macht Bruder Alexander auch die Kronen bereit. Denn neben dem gut bestückten Kleiderkasten besitzt die Maria auch eine Schmuckschatulle. Bruder Gerold hat unterdessen der Marienfigur das violette Kleid abgestreift. Darunter trägt sie ein weisses «Gschtältli», welches dem Gewand den richtigen Fall gibt. Auch schaut noch ein Zipfel des aufge­malten, roten Rocks hervor.

Knifflig sind die Ohrringe

«Hilf mir bitte beim Anheben», ruft Bruder Gerold leise. Bruder Alexander hebt den schweren weissen Stoff des Utara-Kleides hoch, damit es leichter zugeknöpft werden kann. Man sieht den beiden die Anstrengung an. Und gleichzeitig sind sie vollends in ihre Arbeit vertieft. Es sei schön, der Maria so nahe zu sein, sagt Bruder Gerold. Daher gelte dieses Amt auch als Privileg. «Trotzdem will es aber keiner ausser mir machen», sagt er mit einem für ihn typischen spitzbübischen Lächeln.

Am kniffligsten wird es, als er der Muttergottes die Ohrringe in die feinen Drähtchen am Ohrläppchen einhängen muss. Es scheint, als wäre ihm fast ein Fluch entschlüpft, als ihm einer der kostbaren Ohrringe aus den Fingern rutscht. Es dauert eine gute halbe Stunde, dann sind Maria und Kind neu eingekleidet. Brustkreuze, Rosenkranz, Zepter und Ring sind an ihrem Ort, die beiden Kronen sitzen gerade.

Bruder Gerold und Bruder Alexander schauen aus der Distanz, ob der Saum des Kleides gerade verläuft, ob der Schleier auf beiden Seiten gleich lang ist und das Brustkreuz nicht schief hängt. Ein bisschen ziehen sie nach links, ein wenig schieben sie nach oben. Dann sind sie zufrieden. «Die Damen aus dem Dorf reklamieren, wenn das Kleid nicht perfekt sitzt», erklärt Bruder Gerold und zupft schnell seine Kutte zurecht.

«Madonnas Fashion – Die ‹Spirituelle Modeschau› zum Einsiedler Gnadenbild» von Bruder Gerold Zenoni, 2015, 152 Seiten, 38.80 Franken. Zu ­beziehen in den Läden der Klöster Einsiedeln und Fahr sowie im Buchhandel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2016, 23:00 Uhr

Die Schwarze Madonna hat auch eine reich gefüllte Schmuckschatulle.

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