Mädchen wollen Fussballprofis sein

Im Fussball Karriere zu machen, war für Schweizer Mädchen früher bestenfalls ein Traum. Heute ist es das erklärte Ziel.

Technisch brillant, zweikampfstark und äusserst ehrgeizig: Nachwuchs-Nationalspielerin Chantal Sac.

Technisch brillant, zweikampfstark und äusserst ehrgeizig: Nachwuchs-Nationalspielerin Chantal Sac. Bild: Reto Oeschger

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Im Unterstand stehen Damenvelos Ständer an Ständer. Schnee klebt an den Ketten und im Reifenprofil. Besonders breit macht sich der Winter Ende Dezember hier, im bernischen Oberaargau, und angesichts der Schneemassen ist vielleicht an Skifahren zu denken oder an Langlaufen. Dabei steht in Huttwil eine andere Sportart im Zentrum: Fussball. Genauer: Frauenfussball. Die besten Juniorinnen der Schweiz werden hier ausgebildet. Junge Frauen wie Chantal Sac, 15. Die Baslerin sagt ohne falsche Zurückhaltung: «Das hier ist der Anfang meiner Karriere.»

In Huttwil liegt eines von vier Ausbildungszentren des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) – in Emmen, Payerne und Tenero unterhält er Zentren für Buben. 19 Mädchen aus der ganzen Schweiz, zwischen 13 und 16 Jahre alt, leben fern ihrer gewohnten Umgebung, wohnen bei Gasteltern in Huttwil und Umgebung, gehen in die örtliche Oberstufe. Und absolvieren das Trainingspensum eines Profifussballers: sieben Einheiten pro Woche. Chantal Sac nimmt dafür einen immensen Aufwand in Kauf. Ihr Schultag dauert von 6 bis 20 Uhr, ausserdem wohnt sie in Eriswil, eine halbstündige Velofahrt entfernt. Aber: Sie tut das gerne. Es eines Tages ins Nationalteam zu schaffen, sagt sie, das sei ihr grosses Ziel. Fünfmal hat sie die Schweiz schon auf Stufe U-17 vertreten und findet: «Auf dem Spielfeld die Nationalhymne zu hören, das ist speziell.»

«Nimmt der mich auf den Arm?»

Immer mehr Mädchen in der Schweiz hegen denselben Traum wie die junge Baslerin – seit ein paar Jahren ist Fussball auch bei den Frauen die beliebteste Teamsportart. Hatten 1970 gerade einmal 270 Frauen und Mädchen eine Spiellizenz beim SFV gelöst und zur Jahrtausendwende auch erst rund 7000, so sind es heute über 22'000. Tendenz weiterhin ansteigend. Warum das so ist? Das liege am Zeitgeist, glaubt Béatrice von Siebenthal, Nationaltrainerin und Leiterin des Ausbildungszentrums Huttwil. «Die Eltern erlauben es heutzutage sogar den Töchtern, zu tun, was diese gerne machen.» Inspiriert wurden die Mädchen nicht zuletzt durch die Nationalmannschaft der Männer in den vergangenen sieben Jahren.

Insgesamt hat der Fussballverband gegenwärtig 275'313 Lizenzen ausgestellt – etwas mehr als 8 Prozent davon an Frauen und Mädchen. Trotz Boom ist das im europäischen Vergleich wenig: Laut von Siebenthal beträgt er in anderen Ländern bis zu 12 Prozent – in Schweden seien es gar 25, in Norwegen 30. Die Nationaltrainerin denkt, dass bei 30'000 Lizenzen in der Schweiz die Grenze liegt. Das wären dann fast 11 Prozent.

Das Veto des Verbands

Dabei ist allein der Status quo mehr, als sich die Nationaltrainerin hat vorstellen können, als sie selber Fussballerin war. Mit 13 Jahren trat die heute 46-Jährige einem Klub bei; zu einer Zeit, als es erst 1200 Gleichgesinnte gab. Später bestand sie als eine der ersten Schweizerinnen die Prüfung zur Uefa-Pro-Lizenz, löste damit den höchsten Trainerschein überhaupt und wäre berechtigt, Grossklubs wie Manchester United oder den FC Barcelona zu trainieren. Als Hansruedi Hasler, der damalige Technische Direktor des Schweizerischen Fussballverbandes, sie im Jahr 2002 fragte, wie sie denn einem Ausbildungszentrum für junge Fussballerinnen gegenüberstehe, da dachte sie sich trotzdem: «Will der mich auf den Arm nehmen?»

Noch nicht besonders lange ist es her, dass Fussballerinnen in der Schweiz ganz und gar fehl am Platz waren. Als 1965 zwei Schwestern im aargauischen Murgenthal einen FC nur für Frauen gründen wollten, war der SFV mit seinem Veto rasch zur Stelle. «Werdet doch Schiedsrichterinnen!», riet er ungeniert. Und nachdem der Verband im selben Jahr der Walliserin Madeleine Boll aus Versehen eine Lizenz für die C-Junioren ausgestellt hatte, zeigte er sich unerbittlich und zog den Ausweis gleich wieder ein. So wie sie nicht an die Urne durften, hatten Frauen in der Schweiz auch auf dem Fussballplatz nichts zu suchen.

Vorbehalte abbauen

Mittlerweile ist das anders. Heute gibt es Schweizer Filme über Frauenfussball wie «Pizza Bethlehem» aus dem vergangenen Jahr, eine Dokumentation über einen Multikulti-Fussballklub im Berner Vorort. Es gibt ein monatliches Magazin, das sich nur dem Frauenfussball in der Schweiz widmet. Und vor allem gibt es Frauen wie Chantal Sac, die sich das Ziel gesetzt haben, Fussballprofi zu werden. Ihre Vorbilder sind nicht David Beckham oder Lionel Messi, sondern Ramona Bachmann, 20-jährige Luzernerin – und schon seit vier Jahren Profi. Bachmann spielt in Schweden bei Umeå IK, einem der besten Vereine der Welt.

Bachmann war im Sommer 2004 eine Huttwilerin der ersten Stunde, und im Nachhinein spricht sie von einer «lehrreichen Zeit». Von Siebenthal erinnert sich an jene Phase, in der es für die Mädchen ein Traum war, Fussballprofi zu werden. «Heute ist es das Ziel.» Jede der 19 jungen Frauen wird Huttwil mit einer sogenannten Sportlerlösung verlassen – im Wissen also, dass sie auch neben einer Lehre oder der Mittelschule genug Zeit fürs tägliche Training haben wird. Hasler ist der Vater dieser Entwicklung. Und Huttwil war nicht seine einzige Erfindung. Just 1993, als der Berner zum SFV stiess, wurden auch die Frauen offiziell in den Verband aufgenommen. Und bald einmal trainierten und spielten Buben und Mädchen in Nachwuchsteams Seite an Seite. Zuerst im Kinderfussball, und mittlerweile gilt dies auch für die Stufen A- und B-Junioren, wenn die Jugendlichen schon fast erwachsenes Alter erreicht haben. Dies führt einerseits dazu, dass Mädchen robuster werden, schliesslich müssen sie sich zuweilen gar gegen ältere Buben bewähren. Und zweitens bauen sie Vorbehalte ab.

Buben auf die Ersatzbank

Das Nebeneinander ist entsprechend selbstverständlich geworden. Nationalspielerin Ana Maria Crnogorcevic, ebenfalls 20 und im Ausland tätig, beim Hamburger SV, sagt: «Ich kenne gar nichts anderes.» «Mädchen haben dieselben Chancen verdient wie die Buben», sagt wiederum Peter Knäbel, der Nachfolger von Hansruedi Hasler und als Technischer Direktor oberster Ausbildner beim SFV. Für ihn ist Fussball eine Sache und «frei vom Geschlechterkampf». Es ärgert ihn, wenn er nur schon die Schreibweise «Trainer/In» sieht. Von Siebenthal wünschte sich diese Schreibweise, er aber stellt klar: «Das Wort‹Trainer› ist männlich und weiblich zugleich.» Seine Ansichten teilt auch Peter Gilliéron, Präsident des Fussballverbandes.

Nicht selten muss sich Knäbel rechtfertigen: Warum der SFV Geld in die Ausbildung und Entwicklung des Frauenfussballs stecke – schliesslich ist die hiesige Nationalliga A nicht wirklich kompetitiv, eine reine Amateurveranstaltung. Oder erklären: Warum ein Bub im Ligaspiel auf die Ersatzbank muss, damit ein Mädchen spielen kann. Als gebürtiger Deutscher weiss der langjährige Nachwuchschef des FC Basel jedoch, was Frauenfussball auch sein kann: eine grosse Sache. Die Fussball-WM 2011 findet in Deutschland statt und wird ein mediales Grossereignis. Das Schweizer Nationalteam indessen vermochte sich nicht zu qualifizieren. Zwar fehlte nicht viel – trotzdem bleibt es bei der trüben Bilanz: Noch nie war die Schweiz an einem Grossanlass dabei.

Von Siebenthal ist überzeugt davon, dass sich dies bald ändert. Ihre Zuversicht trägt einen Namen, einen Ortsnamen, um genau zu sein: Huttwil.

Erstellt: 04.01.2011, 20:40 Uhr

(Bild: TA Grafik kmh/ Quelle: Schweizerischer Fussballverband SFV)

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