Hintergrund

Männer finden den Lehrberuf wieder attraktiv

An der Pädagogischen Hochschule St. Gallen lassen sich ab Herbst doppelt so viele Männer zum Primarlehrer ausbilden wie in den Vorjahren. Andere PHs beobachten den Trend auch. Worauf ist er zurückzuführen?

Seltenes Bild in der Primarschule: Ein Lehrer erklärt einem Schüler ein Arbeitsblatt. (Archivbild)

Seltenes Bild in der Primarschule: Ein Lehrer erklärt einem Schüler ein Arbeitsblatt. (Archivbild) Bild: Keystone

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Durch die Primarschulzeit ohne eine männliche Lehrperson: Das ist für viele Kinder in der Schweiz seit Jahren Realität. Neun von zehn Unterrichtenden sind heute Frauen – der Lehrerberuf gilt daher gemeinhin als Frauendomäne. Doch jetzt meldet die Pädagogische Hochschule St. Gallen (PHSG) einen überraschenden Trend: Ab kommendem Herbst hat die Ostschweizer PH plötzlich doppelt so viele männliche Studenten in den Kindergarten- und Primarschullehrgängen als in den Jahren zuvor. Konkret werden dann 20 Prozent der angehenden Primarlehrer männlich sein, wie «SRF 4 News» meldete.

Rektor Erwin Beck führt den Anstieg unter anderem auf die spezifische Werbung der PHSG zurück, wie er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt: «Wir achten darauf, dass sowohl Männer als auch Frauen in der Bildsprache der PHSG vertreten sind, zum Beispiel auf Flyern. Zudem sind an Informationstagen für das Studium immer auch männliche Studierende involviert. Diese helfen ausserdem mit gezielten Massnahmen dabei, andere Männer für das Berufsfeld zu motivieren.» Die PHSG beteilige sich an mehreren entsprechenden Projekten.

Ausbildung angepasst

Zusätzlich nehme die PHSG auch in der Ausbildung Rücksicht auf die spezielle Situation der Männer, erläutert Beck: So achte man etwa darauf, dass bei der Zuteilung Männergruppen entstehen, damit sie nicht alleine unter Frauen studieren müssten. Und man habe ihre Bedürfnisse in den Unterricht aufgenommen: Technische Themen oder Outdoor-Angebote seien Ausdruck dieser Anpassungen. Beck betont aber auch, dass es der PHSG trotz besonderer Beachtung dieses Themas nach wie vor darum gehe, «insgesamt motivierte junge Menschen für den Lehrberuf zu gewinnen – unabhängig vom Geschlecht».

Auch die PH Zürich verzeichnet einen markanten Anstieg männlicher Studenten: «In den letzten vier Jahren ist der Männeranteil bei den Studiengängen für die Eingangs- und die Primarstufe von 8 auf knapp 15 Prozent angestiegen», sagt Reto Klink, Kommunikationsbeauftragter der PH Zürich. Diese Entwicklung führt er mitunter auf die vermehrte Berichterstattung in den Medien zurück. «Es kann sein, dass sich Männer davon angesprochen fühlen», so Klink. Diese Beobachtung hat auch PHSG-Rektor Beck gemacht.

Hoher Männeranteil bei Quereinsteigern

Ein spezifisches Marketing, das männliche Interessenten ansprechen soll, habe die PH Zürich jedoch nicht betrieben. «Wir suchen in erster Linie geeignete und motivierte Kandidatinnen und Kandidaten für diesen anspruchsvollen Beruf – unabhängig davon, ob sie männlich oder weiblich sind.» Vom tiefen Männeranteil an der PH Zürich sind die Quereinsteiger-Lehrgänge weniger betroffen: Dort verzeichne man seit deren Einführung 2011 einen konstant hohen Anteil von 30 Prozent.

In Bern lässt sich der selbe Trend beobachten: «Aktuell haben wir bei den Primarschullehrgängen einen Männeranteil von 16 Prozent – gegenüber 10 Prozent in den Vorjahren», sagt Andrea Schweizer, Mitglied der Schulleitung der PH Bern. Auffallend sei besonders die hohe Anzahl Männer (50 Prozent) im Vorbereitungskurs für Berufsmaturanden und weitere Studieninteressierte ohne gymnasiale Maturität. Den Grund für das gestiegene Interesse kennt Schweizer zwar nicht, sie verweist aber auf verschiedene Projekte wie etwa den nationalen Zukunftstag oder das Schulprojekt Avanti, bei denen die PH Bern mitarbeite. Dabei gehe es darum, geschlechtsuntypische Berufe kennen zu lernen und damit letztlich Rollenbilder zu verändern. Zudem glaubt Schweizer, dass die Stärkung naturwissenschaftlicher Fächer im Lehrplan 21 einen Effekt auf das gestiegene männliche Interesse hat.

Teilzeitpensen wirken abschreckend

Probleme mit einem auffallend tiefen Männeranteil hatte die PH Thurgau gemäss Matthias Fuchs, stellvertretender Prorektor Lehre, kaum: «Wir liegen mit 30 Prozent männlichen Studenten, die sich aktuell für den Studiengang Primarstufe angemeldet haben, wahrscheinlich höher als andere Pädagogische Hochschulen.» Doch auch im Thurgau sei das Interesse der jungen Männer am Beruf tendenziell gestiegen. Spezielle Massnahmen habe man nicht ergriffen – dafür sei die PH auch nicht alleine verantwortlich: «Die PHs können das Image des Berufs nicht im Alleingang ändern. Dass dieser schlechtgeredet wird, ist vielmehr ein gesellschaftliches Problem», gibt Fuchs zu bedenken. Er erlebe in der Praxis vielerorts eine grosse Zufriedenheit mit der Tätigkeit – gerade auch bei Männern. Anstatt Männer mittels speziellen Bemühungen zu gewinnen, versuche man, Interessenten rasch und umfassend zu informieren, um Klischees zu korrigieren.

Fuchs und Schweizer sind beide der Meinung, dass die Entwicklung hin zum Teilzeitberuf für Männer, aber auch für junge Frauen abschreckend wirkt. «Zu viele Stellen werden mit geringen Pensen ausgeschrieben. Studienabsolventen wollen jedoch in der Regel Vollzeit arbeiten», sagen sie.

Fehlende Aufstiegsmöglichkeiten

Dass ein mangelndes gesellschaftliches Ansehen ein Grund für den tiefen Männeranteil sein könnte, kann Klink nicht bestätigen: «Mit einer Studie konnten wir aufzeigen, dass es unter anderem darum geht, den Lehrberuf bei den Männern schon früh zu thematisieren. Entsprechende Massnahmen müssten also bereits zu Beginn der Schulzeit ansetzen und nicht erst dann, wenn es um die Berufswahl geht.» Und Schweizer verweist darauf, dass für Männer auch der Lohn eine Rolle spiele. Zudem müssten Aufstiegs- und Mobilitätsmöglichkeiten verbessert werden: «Von Lehrern erwartet man als einziger Berufsgattung, dass sie bis zur Pensionierung die selbe Position innehaben.»

Beck relativiert die Lohnfrage in Bezug auf die Geschlechter indes: «Der Lehrberuf ist in dieser Hinsicht sogar ein Vorzeigeberuf – Männer und Frauen verdienen seit Jahren gleich viel. Aber es könnte sein, dass sich Männer wegen des hohen Frauenanteils fragen, ob sie in diesen Beruf passen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.07.2013, 18:07 Uhr

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