Mami und Mama kämpfen für ihre Kinder

Das Schweizer Gesetz verbietet gleichgeschlechtlichen Paaren die Stiefkindadoption. Mit dem Gang vor das Bundesgericht und notfalls nach Strassburg wollen zwei homosexuelle Frauen das ändern.

Kämpfen weiter: Maria von Känel (links) und Martina Scheibling mit ihren Kindern Iven und Sina im Jahr 2009.

Kämpfen weiter: Maria von Känel (links) und Martina Scheibling mit ihren Kindern Iven und Sina im Jahr 2009. Bild: Ona Pinkus

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Der vierjährige Iven nennt seine Mutter Mami. Seine andere Mutter nennt er Mama. Denn Iven und seine zweijährige Schwester Sina haben keinen Vater, aber zwei Mütter – Maria von Känel und Martina Scheibling. Die beiden Frauen haben sich ihren Kinderwunsch durch Samenspenden erfüllt: Von Känel ist die leibliche Mutter von Iven, Scheibling die leibliche Mutter von Sina. Die beiden Frauen sind seit 13 Jahren ein Paar, seit 4 Jahren leben sie in einer eingetragenen Partnerschaft. Und die Spender? «Das ist privat», sagt von Känel. «Wir sehen uns als vollwertige Familie.»

Doch vor dem Schweizer Gesetz sind die vier nicht als richtige Familie anerkannt: Die beiden Frauen haben an ihren nicht leiblichen Kindern keinerlei Rechte; eine gegenseitige Stiefkindadoption bleibt ihnen verwehrt – sie ist Verheirateten vorbehalten. «Wenn eine von uns stirbt, bekommt die Partnerin nicht automatisch das Sorgerecht», sagt die 39-jährige von Känel. «Sie muss sich einer Prüfung durch die Behörden unterziehen. Das ist eine Tragödie – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie nebenher noch den Verlust ihrer Partnerin verkraften muss.» Im schlimmsten Fall könne es passieren, dass der überlebenden Partnerin die Kinder weggenommen würden, weil sie aus rechtlicher Sicht keine familiäre Beziehung zum Nachwuchs habe, sagt von Känel.

«Ein Zeichen setzen»

Wie sehr der Wunsch der beiden Frauen zu reden gibt, zeigte sich jüngst im «Mamablog» von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Rund 500 Kommentare verzeichnete der Artikel wenige Tage nach seiner Publikation. Schätzungen zufolge leben in der Schweiz zwischen 6000 und 30'000 Kinder in sogenannten Regenbogenfamilien – Familien also, in denen mindestens ein Elternteil lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender ist. Auch ihnen zuliebe beantragt von Känel, die im Dachverband Regenbogenfamilien als Vizepräsidentin amtet, am 5. Mai am Bundesgericht Lausanne die Stiefkindadoption für ihre nicht leibliche Tochter Sina.

Nötig geworden ist der Gang ans oberste Schweizer Gericht, weil von Känels Antrag auf Adoption durch alle Instanzen abgelehnt wurde. «Es ist ungeheuerlich, dass der Staat den Kindern homosexueller Paare die rechtliche Beziehung zu beiden Elternteilen verwehrt. Er muss unsere Lebensrealität anerkennen.» Über ihre eigene Situation hinaus wolle sie ein «Zeichen gegen die Behandlung von Lesben und Schwulen als Menschen zweiter Klasse» setzen.

«Richtungsweisendes Urteil»

Zuversichtlich stimmt von Känel, dass die Verhandlung am 5. Mai öffentlich durchgeführt wird – ein Zeichen dafür, dass sich die Richter in der Beurteilung des Falles uneinig sind. Laut Judith Wyder, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Direktionsbereich Privatrecht des Bundesamtes für Justiz, wird das Bundesgericht zwar nichts an der aktuellen Rechtslage ändern können. Das 2007 in Kraft getretene Partnerschaftsgesetz verbietet gemeinschaftliche Adoptionen durch Personen in eingetragenen Partnerschaften ausdrücklich; diesbezüglich bestehe für die Richter kein Ermessungsspielraum. «Doch sollte das Bundesgericht der Meinung sein, dass das Adoptionsverbot die Frau diskriminiert, kann es auf den Gesetzgeber verweisen. Ihm alleine ist es vorbehalten, gegebenenfalls eine Gesetzesänderung vorzunehmen.» In einem solchen Fall könne das Urteil «durchaus richtungsweisend» sein. Neben der Stiefkindadoption bleibt homosexuellen Paaren auch die gemeinschaftliche Adoption fremder Kinder verwehrt: Adoptieren darf nur, wer verheiratet oder Einzelperson ist.

Unter die Kategorie «Einzelpersonen» fallen laut Juristin Wyder auch Schwule und Lesben. Denn das Rechtsgleichheitsgebot von Artikel 8 der Bundesverfassung gebiete, dass niemand aufgrund seiner Lebensform diskriminiert werden dürfe. Daher dürfe grundsätzlich auch niemand aufgrund seiner sexuellen Orientierung von einer Einzeladoption ausgeschlossen werden. «Doch menschlich ist nicht auszuschliessen, dass Gesuche deswegen schon negativ beurteilt wurden», sagt Wyder. Dazu komme, dass Einzeladoptionen in der Realität viel seltener als gemeinschaftliche Adoptionen seien.

Auch die Politik will helfen

Von Känel und ihre Partnerin setzen derweil «alles daran, dass unsere Kinder nicht durch unsere Lebensform bestraft werden». Wenn nötig, wollen sie das Urteil des Bundesgerichts an den Europäischen Menschengerichtshof in Strassburg weiterziehen. Dieser hatte bereits 2008 einen ähnlichen Fall aus Frankreich zu beurteilen: Dabei ging es um eine lesbische Frau, der die Behörden eine Adoption verweigert hatten. Für das Gericht war erwiesen, dass ihre sexuelle Orientierung der Grund für die Adoptionsverweigerung war. Damit habe Frankreich die Menschenrechtskonvention verletzt, entschieden die Richter.

Neben dem juristischen setzt das Paar auf den politischen Weg. Im Nationalrat sind derzeit zwei Motionen hängig: Die grüne Zürcher Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber fordert die Aufhebung des Adoptionsverbots für Personen in eingetragenen Partnerschaften. Der frisch gewählte Zürcher SP-Regierungsrat Mario Fehr will gleichgeschlechtlich orientierten Frauen und Männern in eingetragenen Partnerschaften die Stiefkindadoption erlauben. Zwar hat der Bundesrat die beiden Motionen im vergangenen September zur Ablehnung empfohlen. Doch die Behandlung steht noch aus. Zu reden geben dürfte der Umstand, dass das Partnerschaftsgesetz 2005 beim Volk wohl nur deshalb eine Mehrheit fand, weil es explizit ein Adoptionsverbot beinhaltete.Link (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2011, 21:52 Uhr

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