«Man entzieht den Leuten bewusst den Schlaf»

Seit acht Jahren kämpft der Unternehmer Christian Frei an seinem Wohnort Gossau (ZH) gegen das nächtliche Läuten der reformierten Kirchenglocken. Nun klagt er sein Recht auf Nachtruhe beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein.

Gibt nicht auf: Hartnäckig kämpft Christian Frei gegen den nächtlichen Glockenlärm.
Video: Jan Derrer

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Vor dem Bundesgericht ist Christian Frei mit seiner Klage gegen das nächtliche viertelstündliche Glockenläuten abgeblitzt. Er hofft nun, dass er und ein Mitstreiter vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Strassburg Recht bekommen. Recht bedeutet für Frei: Dass die Kirchglocken spätestens um 22 Uhr abgeschaltet werden.

Die Klage stützt sich auf die Artikel 6 und 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Artikel 6 ist das «Recht auf ein faires Verfahren». Dieses Recht habe das Bundesgericht verletzt, meint Frei. Denn ein Gutachten über die schädlichen Auswirkungen des nächtlichen Glockenschlagens auf die Gesundheit sei unter den Tisch gewischt worden. Artikel 8 ist das «Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens». Er garantiert jeder Person die Achtung des Privat- und Familienlebens. Diesen Artikel sieht Frei durch den Glockenlärm verletzt.

Er holte den Kirchgemeindepräsidenten jeden Morgen um fünf Uhr aus dem Bett

Als Christian Frei vor acht Jahren nach Gossau zog, nahm er den Kampf gegen den Glockenlärm gleich selbst in die Hand. Um das morgendliche Fünf-Uhr-Läuten zu bekämpfen, rief er eine Weile jeden Morgen um fünf den Kirchgemeindepräsidenten an. Dem wurde es irgendwann zu bunt und er stellte das Frühläuten ab. Aber noch immer muss Christian Frei mit Oropax schlafen – denn seine Frau besteht auf offenen Schlafzimmerfenster.

Vor Schweizer Gerichten ist er jedoch mit seinem Anliegen gescheitert. Der Gang zum Europäischen Gerichtshof ist für ihn nur konsequent: «Es lohnt sich, sich für die Nachtruhe einzusetzen.» Er bezeichnet sich selbst als ein «von Natur aus hartnäckiger Mensch». «Ich setze mich im Speziellen ein bei Ungerechtigkeiten. Früher habe ich das beim Tierschutz gemacht, ich habe mich beim «Verein gegen Tierfabriken» engagiert. Und ich setze mich gern für Schwächere ein.» So führe er seinen Kampf für die Nachtruhe auch für viele Alte in Gossau, die nicht die Kraft hätten, sich selber zu engagieren.

«In jedem Dorf das gleiche Problem»

Warum zieht Christian Frei eigentlich nicht einfach weg? «Es wäre eine Möglichkeit, sich eine ruhige Ecke zu suchen», antwortet er. Dies sei jedoch gar nicht so einfach, denn es gebe in der Schweiz über 5000 Kirchen und jedes Dorf habe mindesten zwei. «Man wird in jedem Dorf das gleiche Problem antreffen.»

Bleibt für ihn also nur die Hoffnung, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Recht zu bekommen. Falls nicht, bleiben ihm nur die Oropax.

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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2010, 12:27 Uhr

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