«Man gibt vielen Frauen die Pille aus Angst, sie könnten vergewaltigt werden»

Missbrauch von Behinderten: Die Tabuisierung der Sexualität in Heimen begünstigt den Missbrauch, sagt Expertin Aiha Zemp.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein 54-jähriger Mann hat während 29 Jahren mindestens 122 Kinder und Schwerstbehinderte sexuell missbraucht. Sind Sie schockiert?
Der Fall schockt mich zwar, erstaunt mich aber nicht. Ich habe gehofft, dass endlich ein solcher Missbrauch aufliegt. In Internaten sind zahlreiche Missbrauchsfälle ans Licht gekommen – jetzt also auch in Heimen. Ich bin froh darüber. Hoffentlich rüttelt dieser Fall die Heimlandschaft auf und gibt Anlass zu mehr Präventionsarbeit.

Sie kämpfen seit Jahren dafür, dem Thema Sexualität und Behinderung mehr Beachtung zu schenken.
Das ist so. Bereits 1995 habe ich im Auftrag der damaligen österreichischen Frauenministerin die weltweit erste Studie zum Thema verfasst. Sie hat gezeigt, dass 64 Prozent der behinderten Frauen und 50 Prozent der Männer in Österreich von sexueller Gewalt betroffen sind. Ich war schon damals überzeugt davon, dass es in der Schweiz nicht besser ist. Eine Studie dazu konnte ich leider nicht machen. Man hatte wohl das Gefühl, ich übertreibe.

Worin liegen denn die Hauptprobleme bei der Sexualität von Behinderten?
Menschen mit geistiger Behinderung sind nicht oder nur mangelhaft aufgeklärt. Wenn sie missbraucht werden, haben sie keine Worte dafür. Und wenn sie sich ausdrücken können, glaubt man ihnen nicht. Die Betreuer wiederum sind viel zu wenig geschult, um Missbräuche zu erkennen.

Wie wird in Behindertenheimen mit der Sexualität umgegangen?
Die Sexualität ist in vielen Heimen nach wie vor ein schwieriges Thema. Sie wird geduldet. Kontrolliert. Die Betreuer entscheiden, wer was wann und wie oft darf – nicht die Behinderten selbst, auch wenn sie noch so verliebt in einen anderen Bewohner sind. Sie sollen ein Dach über dem Kopf haben, anständig gekleidet sein und etwas zu essen haben. Sexuelle Bedürfnisse zählen zu den Luxusgütern.

Was bedeutet diese Tabuisierung für den Missbrauch? Wird er gefördert?
Es fördert vor allem den sexuellen Missbrauch der Behinderten untereinander. Aber auch Betreuern, die solche Taten begehen, kommt die Tabuisierung zugute. Hinzu kommt, dass diese genau wissen, wer wie verhütet wird. Ich sage absichtlich«verhütet wird»: Obwohl nur wenige behinderte Frauen in Heimen in einer Partnerschaft sind, setzt man die meisten auf hormonelle Verhütung – aus der Angst heraus, sie könnten vergewaltigt werden. Im Kanton Zürich etwa gibt es ein Heim, in dem alle Frauen über 16 hormonell verhüten müssen. Sonst werden sie nicht aufgenommen.

Wie bitte?
Genaueres kann ich Ihnen nicht sagen, da ich dem Berufsgeheimnis unterliege. Nur so viel: Wer als Eltern seine Tochter in dieses Heim geben will, muss ihr von einem Frauenarzt die Pille verschreiben lassen. Die Ärzte machen mit, weil sie sich dazu verpflichtet fühlen. Und weil sie daran verdienen. Das Schlimmste, was passieren kann, so glauben alle, ist die Schwangerschaft einer behinderten Frau. Die sexuelle Ausbeutung geht dabei vergessen. Die Frauen verkommen so zu Freiwild: Mit einem Blick in die Akten kann sich jeder Betreuer vor einem Übergriff informieren, ob die Gefahr besteht, dass sein Opfer schwanger wird – und der Missbrauch auffliegt.

Wie reagieren Behinderte, wenn sie missbraucht werden?
Sie spüren, dass es nicht richtig ist. Sie werden aggressiv oder depressiv und zeigen plötzlich ein sexualisiertes Verhalten. Sie verspüren etwa den Drang, ihre Geschlechtsteile zu entblössen oder in aller Öffentlichkeit zu masturbieren. Eine weitere Folgeerscheinung sind Schwindelanfälle.

Man könnte die Missbräuche also sehr wohl bemerken, wenn man genau hinschauen würde?
Auf jeden Fall. Wenn Behinderte sexuell missbraucht werden, verändern sie sich. Doch Betreuer bringen die Veränderungen oft vorschnell mit der Behinderung in Zusammenhang. Bei Schwindelanfällen lässt man die Behinderten auf Epilepsie untersuchen und verschreibt ihnen – trotz negativem Befund – Medikamente. Nebenwirkungen inklusive. Die Betreuer wollen die Missbräuche nicht erkennen. Es ist ein ekelhaftes Thema für sie.

Welche Rolle spielt es, dass die Behinderten von ihren Betreuern abhängig sind?
Das spielt eine ganz zentrale Rolle. Die Fremdbestimmung in Heimen – die sogenannt strukturelle Gewalt – ist ein riesiges Problem. Wie sollen sich Behinderte, die nie selber bestimmen, was sie anziehen oder essen, gegen einen Täter wehren, der ihnen sagt, dass die sexuellen Übergriffe richtig sind? Wie Nein sagen, wenn sie es nie gelernt haben?

Was schlagen Sie vor?
Die Institutionen müssen genau hinschauen. Bei Verdacht auf Missbrauch müssen sie in jedem Fall Hilfe von aussen beiziehen. Das Personal muss regelmässig geschult werden, damit es Missbräuche zu erkennen lernt. Jedes Heim braucht einen Leitfaden zum Umgang mit sexueller Gewalt. Zudem sollten die Heimleiter bei der Einstellung von neuen Mitarbeitern einen Auszug aus dem Strafregister verlangen.

Wie kann man dem Problem entgegenwirken, dass sich Behinderten nicht ausdrücken können?
Man muss sie besser aufklären und sie zu mehr Selbstbestimmung führen – eine der wichtigsten Präventionsmassnahmen überhaupt. Eine solche Veränderung bringt einen Machtverlust für die Professionellen. Fremdbestimmte Personen lassen sich leichter lenken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2011, 23:32 Uhr

«Ich habe gehofft, dass endlich ein solcher Missbrauch auffliegt»: Aiha Zemp.

Aiha Zemp

Die Psychotherapeutin wurde 1953 «als Laune der Natur» (Zemp) mit Arm- und Beinstümpfen geboren. Sie setzt sich seit Jahren für das Thema Sexualität und Behinderung ein. Bis Ende 2010 leitete sie die Fachstelle Behinderung und Sexualität (fabs), die aus finanziellen Gründen geschlossen werden musste.

Artikel zum Thema

Sozialtherapeut trieb sein Unwesen in neun Heimen

Über 100 Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörden gehen den sexuellen Missbräuchen des 54-jährigen Therapeuten nach. Sie müssen einer jahrzehntealter Spur folgen. Mehr...

«Es braucht unangemeldete Kontrollen»

Die sexuellen Missbräuche durch Sozialtherapeut H. S. schockieren die Öffentlichkeit. Experte Peter Wehrli klagt an, dass schon seit Jahren auf Missstände in Behindertenheimen hingewiesen werde. Mehr...

«H.S. wurde innerhalb des Heimes herumgereicht»

Oberthal Fünf Jahre lang arbeitete Hans-Jürg Lory mit dem pädophilen Sozialtherapeuten H.S. zusammen. Im Interview erzählt er vom zwiespältigen Eindruck, den der 54-Jährige bei ihm hinterliess. Mehr...

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Fischer, ein Gewinner in Basels Krise

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Durchblick: Ein Mann mit einem Pilotenhut macht sich bereit um ein Foto in einer Cockpit Attrappe zu machen. (20.September 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...