«Man muss von den Klienten mehr fordern»

Expertin Annemarie Lanker plädiert für einen anderen Umgang mit Sozialhilfebezügern.

«Die Hälfte der Sozialhilfebezüger wäre arbeitsfähig», sagt Annemarie Lanker: Besucherin mit der «New York Times» im Sozialzentrum Selnau. Foto: Dominique Meienberg

«Die Hälfte der Sozialhilfebezüger wäre arbeitsfähig», sagt Annemarie Lanker: Besucherin mit der «New York Times» im Sozialzentrum Selnau. Foto: Dominique Meienberg

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Man brauche als Mitarbeiter in der Sozialhilfe eine dicke Haut, sagte kürzlich ein Amtsleiter im Gespräch mit einer Zeitung. Ist es so schlimm?
Dicke Haut braucht man schon. Eines der grössten Probleme ist, dass die Gemeinden nicht genügend erfahrenes Personal finden. Die Fluktuation beträgt teilweise 25 Prozent. Das ist verheerend, weil Klienten eng und kontinuierlich begleitet werden sollen.

Warum ist die Fluktuation so gross? Ist der Job unattraktiv?
Es ist eine anspruchsvolle Knochenarbeit. Sie verlangt theoretisches und praktisches Wissen und Berufs- und Lebenserfahrung, was natürlich jungen Sozialarbeitern abgeht. Zudem wird der Beruf des Sozialarbeiters akademisiert. Früher gelangten viele über eine Lehre und Weiterbildung oder die Berufsmatura zur ­Sozialarbeiterausbildung. Heute sind es vermehrt Maturanden, die nach dem Studium relativ jung, mit wenig Berufs- und Lebenserfahrung einsteigen. Viele sind dann überfordert und wechseln wieder. Das ist für die öffentliche Sozialhilfe fatal.

In der öffentlichen Debatte werden viele Probleme der Konferenz für Sozialhilfe (Skos) angelastet. Ist die Kritik berechtigt?
Die Skos hat die Kritik an der Sozialhilfe zu lange nicht ernst genommen. Sie hat immer nur mit dem Grundbedarf argumentiert, dem Betrag für die täglichen Auslagen, und nie aufgerechnet, wie hoch das Budget ist, wenn man alles dazurechnet: Miete, Nebenkosten, Gesundheitskosten, den neuen Fernseher, die neue Matratze und die Steuerbefreiung. Das hat die Skos nie öffentlich dargelegt, das haben dann Journalisten übernommen. Entsprechend negativ war die Reaktion in der Öffentlichkeit. Inhaltlich bleibt das Problem, dass die Sozialleistungen sich bei einem Mehrpersonenhaushalt auf ähnlichem Niveau bewegen wie Einkommen im unteren Mittelstand.

Nun revidiert die Skos ihre Richtlinien und zeigt sich offen für teilweise deutliche Kürzungen. Sind Sie zufrieden?
Das ist nicht gerade die grosse Erneuerung und wird die Kritiker sicher nicht zum Verstummen bringen.

Ein Drittel der Sozialhilfeleistungen ist für Kinder. Kürzt man bei grossen Familien die Leistungen, kürzt man auch bei der Chancengleichheit.
Die Leistungen für die Kinder werden ohnehin zusätzlich bezahlt: Musikunterricht, Schullager, Sportverein, in begründeten Fällen auch ein neuer PC. Beim Grundbedarf ist aber nicht ersichtlich, wofür das Geld ausgegeben wird, ob es im Interesse der Kinder investiert oder beispielsweise für Zigaretten oder Alkohol ausgegeben wird. Deshalb bin ich für ein Autoverbot in der Sozialhilfe. Autokosten liegen in einem Sozialhilfebudget einfach nicht drin. Wenn trotzdem ein Auto unterhalten wird, geht das mit Sicherheit zulasten der Kinder und der gesunden Nahrung.

Ohne Ausnahme? Müsste man da nicht differenzieren?
Doch, ich bin immer für begründete Ausnahmen. Aber Fälle, in denen Sozialhilfebeziehende wirklich ein Auto brauchen, sind selten. Die Debatte um Autos ist symptomatisch.

Symptomatisch wofür?
Dafür, dass das Augenmass fehlt. Durch die Verrechtlichung kann die Sozialhilfe heute kaum noch individuell handeln. Heute sagen die Klienten: Ich habe ein Anrecht auf diese oder jene Leistung, es gibt ein entsprechendes Gerichtsurteil. Hinzu kommt das veränderte Konsumverhalten, die Tatsache, dass Luxusgüter heute Standard sind. Kürzlich habe ich das Dossier eines jungen Mannes angeschaut. Er hatte mehrere Lehren abgebrochen und noch nie richtig gearbeitet. Der Sozialdienst hat ihm eine Wohnung und eine Einrichtung bezahlt. Ich fragte: Warum? Die Antwort war: Er hat ein Anrecht darauf.

Wie war es früher?
Als ich in den späten Siebzigerjahren in die Sozialarbeit eingestiegen bin, haben sich die Leute dafür geschämt, Sozialhilfe beziehen zu müssen. Das war unschön. Auf der anderen Seite war das ­Bewusstsein stärker, dass man sich anstrengen und Selbstverantwortung übernehmen muss.

Was soll die Politik tun? Leistungen kürzen?
Der Grundbedarf ist nicht zu hoch. Es sind die Zusatzleistungen, die ins Gewicht fallen und den Vergleich mit Familien ausserhalb der Sozialhilfe erschweren, die alles aus eigener Kraft stemmen. Ungenügend sind die heutigen Sanktionsmöglichkeiten bei Nicht-Kooperation. Die maximal zulässige Kürzung von 15 Prozent des Grundbedarfs ist zu wenig, das macht keinen Eindruck. Die Kürzung müsste mindestens 20 Prozent betragen können.

Die Fallzahlen in der Sozialhilfe steigen, Besserung ist nicht in Sicht. Die Sozialwerke müssen saniert werden, der Arbeitsmarkt verlangt Topqualitäten. Gibt es eine Lösung?
Die Masseneinwanderungsinitiative hat vielleicht den positiven Nebeneffekt, dass Arbeitgeber das inländische Potenzial besser nutzen und Leute aus der Sozialhilfe wieder vermehrt einen Job finden. Die Hälfte von ihnen wäre arbeitsfähig.

Man hört aber von Leuten, die sich mit Arbeitsintegration beschäftigen, das sei aussichtslos.
Vielleicht ändert sich das ja, wenn nicht mehr beliebig viele frische, motivierte Leute aus dem EU-Raum geholt werden können. Das Problem ist aber auch unser System. Wenn man in die Sozialhilfe kommt, ist man in der Regel schon zwei, drei Jahre arbeitslos. Die Chronifizierung geht schnell, man gewöhnt sich bald daran, nicht mehr dem Druck und der Hektik des Arbeitslebens ausgesetzt zu sein. Rentner können das bestätigen.

Was würden Sie am heutigen System ändern, wenn Sie könnten?
Ich würde versuchen, die Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen. Sie müssen diesen Leuten eine Chance geben. Ich würde aber auch von den Klienten mehr fordern. Man muss ihnen etwas zutrauen und auch viel verlangen, ihre Ressourcen entdecken. Wenn ich Dossiers kontrolliere, habe ich oft den Eindruck, dass Sozialarbeiter eher die Defizite ihrer Klienten sehen. Die Sozialhilfe ist vielerorts zu einer unpersönlichen Sozialindustrie geworden, wo Klienten zwischen Integrationsprogrammen hin und her geschoben werden. Für die Betroffenen, oft junge Leute, ist das schwierig. Sie erfahren oft von zu Hause wenig Support und bräuchten eine verlässliche Bezugsperson und enge, verbindliche Begleitung. Stattdessen haben sie es mit vielen Akteuren zu tun, niemand fühlt sich für sie wirklich zuständig, wenn sie ein Programm abbrechen, dann beginnt eben das nächste, oder nicht. Um diese jungen Menschen müssen wir uns kümmern, wir können sie doch nicht bis zu ihrer Pensionierung unterstützen.

Erstellt: 30.01.2015, 21:46 Uhr

Annemarie Lanker

Die 70-Jährige war bis 2009 Leiterin der sozialen Dienste der Stadt Bern. Seither ist sie als Beraterin und Mediatorin im Bereich der Sozialhilfe tätig.

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