Man spricht Deutsch

Die Deutschschweiz unterschätzt, was das Nein zu Frühfranzösisch in der Romandie auslöst. Staatlicher Sprachzwang wäre dennoch falsch.

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Dem Frühfranzösisch wird der Garaus gemacht. Das Thurgauer Parlament will das Fach in der Primarschule streichen, in der Zentralschweiz hegt man ähnliche Pläne. In Luzern, Graubünden und St. Gallen stehen entsprechende Volks­initiativen an. Der Damm ist gebrochen, weitere Kantone werden folgen. Frühfranzösisch-Gegner können fortan vorgeben, bloss das auszusprechen, was alle denken: Molières Sprache tauge nicht für die Primarschule. Frühfranzösisch überfordere Kinder wie Lehrer. Entscheidend sei nicht der Beginn des Sprachenerwerbs, sondern die Kompetenz am Ende der obligatorischen Schulzeit.

Komplett unterschätzt wird dabei, was solche Entscheide in der Romandie auslösen. Aus Westschweizer Sicht ist es ein Affront, wenn nun ein Kanton nach dem anderen Frühfranzösisch entsorgt – und die 2004 von den Erziehungs­direktoren festgelegte Fremdsprachenstrategie zu Makulatur macht. Was derzeit aus der Romandie zu hören ist, sind bloss Vorboten einer breiten Empörung, die anheben wird, sollte Frühfranzösisch flächendeckend gestrichen werden.

Nun kann man darob die Schulter zucken und den Welschen einen Hang zur Hysterie unterstellen. Oder sich fragen, weshalb man westlich der Saane derart sensibel reagiert. Gründe dafür gibt es genug.

Fremde im eigenen Land

Das Interesse an der französischen Sprache sinkt in der Deutschschweiz seit Jahren. Denn zunehmend fehlen die Anwendungsmöglichkeiten: Englisch ist die dominierende Fremdsprache, das Welschlandjahr aus der Mode, nur noch wenige Armeeangehörige leisten Dienst in der Westschweiz. Das Interesse am anderen Landesteil schwindet in dem Masse, wie die Globalisierung voranschreitet. Die Welt wird zum Dorf. Und der Mitbürger zum Fremden im eigenen Land.

Westschweizer Parlamentarier müssen zunehmend Deutsch sprechen, wenn sie in Bundesbern noch verstanden werden wollen. Der forcierte Vormarsch des Dialekts grenzt all jene Romands aus, die sich in der neu erworbenen Fremdsprache verständigen möchten. Wie bei der Abschaffung des Frühfranzösisch ist es ironischerweise die Patriotenpartei SVP, die zuvorderst für die Mundart­offensive kämpft und damit den nationalen Zusammenhalt strapaziert.

Wenn die Verständigung zwischen den Landesteilen sinkt und zentrifugale Kräfte ohnehin zunehmen, braucht es wenig, um mit sprachpolitischen Entscheiden Schaden anzurichten. Und eine Gegenreaktion heraufzubeschwören, die alles noch viel schlimmer macht. So ist die Forderung nach einem staatlich verordneten Zwang zum Frühfranzösisch kontraproduktiv. Gegen den Willen eines Kantons sollte nicht auf dem Fach beharrt werden. Das Ansehen der Sprache würde sinken, der Unterricht drohte zur Alibiveranstaltung zu verkommen.

Was es vielmehr braucht, ist Überzeugungsarbeit – und Massnahmen, um die Anwendung der Fremdsprache zu fördern: den Schüleraustausch mit der Romandie im Lehrplan verankern; zusätzliche Kredite für Studenten, die im anderen Landesteil studieren; Betriebe, die Mitarbeiter motivieren, ein paar Monate in der Westschweizer Niederlassung zu arbeiten; verstärkter kultureller Austausch über die Sprachgrenze hinweg. Verständigung zwischen den Sprachen braucht beharrliche Pflege. Dieses Bewusstsein war einst prägend für die Schweiz. Es droht uns abhandenzukommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2014, 06:50 Uhr

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