Interview

«Man verarbeitet Daten, aber nicht Gefühle»

Jeannette Brumann, die Mutter der 1993 ermordeten Pasquale, wartete damals beim Prozess gegen den Mörder vergeblich auf Antworten. Der Rat eines Polizisten half ihr, mit dem Tod ihrer Tochter leben zu lernen.

«Man muss die Liebe den Lebenden geben. An die Toten muss man denken. Nicht umgekehrt.»: Jeanette Brumann, 19 Jahre nach dem Tod ihrer Tochter.

«Man muss die Liebe den Lebenden geben. An die Toten muss man denken. Nicht umgekehrt.»: Jeanette Brumann, 19 Jahre nach dem Tod ihrer Tochter. Bild: Dominique Meienberg

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Die Eltern von Lucie Trezzini wollen dem Prozess gegen den Mörder ihrer Tochter beiwohnen. Können Sie das verstehen?
Auch mein Mann und ich waren an der Gerichtsverhandlung gegen den Mörder meiner Tochter dabei. Wir hofften, durch die Anhörung nachvollziehbare Informationen zu erhalten, wie es zur Tat kommen konnte. Ich bin mir sicher, dass auch die Familie Trezzini offene Fragen hat, die geklärt werden müssen. Daher kann ich ihre Teilnahme am Prozess verstehen.

Sie sassen also im Gerichtssaal und haben sich alles angehört.
Äusserlich sass ich regungslos da und hörte mir die Anhörung an. Innerlich war ich verwirrt. Meine Gedanken kreisten rund um die Frage: Was hätte man anders machen müssen, damit eine solche Tat nicht passiert?

Wie fühlte es sich an, dem Mörder Ihrer Tochter gegenüberzustehen?
(überlegt lange) Zu Beginn verspürte ich nur eine Leere. Je länger die Anhörung dauerte, desto mehr wich sie Angst, Hilflosigkeit, Trauer und Wut. Am schlimmsten war es am Schluss.

Am Schluss?
Ich weiss noch, wie die Richter das Urteil verkündeten: «Lebenslänglich.» Ich dachte: Was heisst das jetzt? Lebenslänglich? Das hat er doch schon einmal bekommen. Und trotzdem bekam er Urlaub und konnte seinem Trieb folgen. Die müssen doch jetzt «hundert Jahre» sagen oder «nie mehr raus». Das Urteil stimmte für mich nicht, ich fühlte mich machtlos.

Haben Sie jemals mit dem Täter gesprochen?
Nein. Ich hatte bis heute nie das Bedürfnis, mit dem Täter in Kontakt zu treten.

Können Sie Ihre Gefühle ihm gegenüber beschreiben?
Der Täter ist für mich der Täter. Und fertig. Ich sehe kein Gesicht vor mir. Er hat für mich kein Recht, zu . . .

. . . leben?
. . . in Freiheit zu leben.

Wünschen Sie ihm den Tod?
Nein, ich wünsche dem Mörder meiner Tochter nicht den Tod. Ich wünsche mir, dass er und ähnlich gefährliche Straftäter lebenslang eingesperrt werden. Ich bin keine Befürworterin der Todesstrafe, da aus meiner Sicht niemand das Recht hat, einen anderen Menschen zu töten. Auch der Staat nicht.

Auf was müssen sich Lucies Eltern gefasst machen, wenn sie zur Gerichtsverhandlung kommen?
Jeder Mensch ist anders, deshalb kann ich das nicht sagen. Vermutlich geht es ihnen aber wie mir: Sie stellen sich nichts vor, sind einfach dort und hören zu. Und können erst Wochen später fassen, was passiert ist.

Die Geschwister von Lucie wollen ebenfalls teilnehmen. Ihre Kinder blieben dem Prozess damals fern. Warum?
Unsere Tochter war damals achtzehn, zwei Jahre jünger als Pasquale. Sie wollte den Täter nicht sehen, und wir respektierten ihre Entscheidung. Unser Sohn war damals erst acht Jahre alt.

Wie ging es nach dem Prozess weiter für Sie?
Es waren zwei verschiedene Dinge, mit denen ich zu kämpfen hatte. Einerseits war da der Täter, der Mörder meiner Tochter, andererseits der Strafvollzug - für mich genauso mitschuldig. Ich konnte nicht verstehen, wie es so weit hatte kommen können. Mein Kampf gegen den Strafvollzug war genauso aufreibend für mich wie der Mord als solches. Hätten die Verantwortlichen richtig gehandelt, würde Pasquale heute noch leben.

Sie entschieden sich, Klage gegen diese Personen wegen fahrlässiger Tötung einzureichen. War das eine Form der Rache für Sie?
Nein. Nur dasitzen und akzeptieren, dass Pasquale tot ist, ging für mich nicht. Es gab zu viele offene Fragen wie zum Beispiel: Wieso durfte der Mörder meiner Tochter, der lebenslänglich verurteilt und verwahrt war, auf Hafturlaub raus? Warum wurde die Verwahrung aufgehoben? Und wieso war er ohne Begleitung unterwegs? Zudem wollte ich erreichen, dass in Zukunft ein verwahrter Straftäter nie wieder in die Freiheit kommt, damit sich unser Schicksal nicht wiederholt.

Es wurden alle angeklagten Personen freigesprochen. Haben Sie dennoch Antworten auf Ihre Fragen erhalten?
Nein. Ich hätte mir gewünscht, dass wenigstens einer die Verantwortung übernimmt und sagt: Wir haben Fehler gemacht. Es tut uns leid.

Auch neben Ihrer Klage waren Sie sehr aktiv. Sie gaben Interviews, traten am TV auf, gründeten eine Selbsthilfegruppe. Weshalb haben Sie sich für diesen Weg entschieden?
Das ergab sich wenige Tage nach der Tat. Wir sassen mit Freunden bei uns zu Hause. Auf Radio 24 lief eine Sendung mit Markus Gilli. Das Thema: Was hätte man machen müssen, um die Tat zu verhindern. Es gab Tipps und Tricks von Zuschauern, mehrere schlugen Selbstverteidigung vor, jeder wusste es besser. Ich sass einfach nur da und dachte: Was sagen diese Leute über meine Tochter? War sie etwa selber schuld? Das Problem liegt doch an einem ganz anderen Ort. Also rief ich, wie in Trance, in die Sendung an und sagte: Wenn jemand Schuld trägt an diesem Mord, dann der Strafvollzug und das System. Mit diesem Satz brachte ich alles ins Rollen.

War es von diesem Moment an klar für Sie, dass Sie weiterkämpfen würden - in der Öffentlichkeit?
Nein. Die Medien griffen das Thema auf. Es ergab sich wie von selbst. Ich bin wohl einfach ein Kämpfertyp. Ich muss immer alles wissen, erst dann kann ich es ablegen. Jeder geht auf seine Weise mit Trauer , Wut und Verzweiflung um.

Wie ist Ihr Mann damit umgegangen?
Das müssten Sie ihn selber fragen.

Im Unterschied zu vielen anderen Eltern, die ein Kind verloren haben, hält Ihre Ehe bis heute.
Wenn so etwas passiert, kann man nur schwer darüber reden. Jeder von uns musste seinen eigenen Weg suchen. Ich verstand den Weg meines Mannes nicht, er verstand meinen nicht, nur die wichtigsten Entscheidungen trafen wir gemeinsam. Hätte ich meinem Mann meinen Weg aufgezwungen, wären wir heute nicht mehr zusammen, umgekehrt auch nicht.

Das hört sich sicher einfacher an, als es ist.
Es geht darum, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist. Nehmen wir ein Hochhaus voll mit unserer Trauer, mit unserer Verzweiflung, mit unserer Geschichte: Wenn mein Mann zuoberst im Hochhaus war, war ich zuunterst, dann war er in der Mitte, ich zuoberst. Wir waren nie zusammen auf der gleichen Etage. Nie in der gleichen psychischen Verfassung. Das war rückblickend sehr schlimm. Man sagt, Leid schweisse einen zusammen. Das ist überhaupt nicht der Fall. Im Gegenteil: Es treibt einen weit auseinander. Aber wenn man all das aushält, wenn jeder für sich einen Weg findet, kommen die beiden Wege irgendwann wieder zusammen. Aber bis dahin ist ein gewaltig langer Weg mit diversen Abzweigungen und Umwegen.

Welchen Weg haben Sie für sich persönlich gefunden?
Kurz nach Pasquales Tod sagte ein Polizist zu mir: Denken Sie dran. Man muss die Liebe den Lebenden geben. An die Toten muss man denken. Nicht umgekehrt. Ich verstand ihn zuerst nicht. Aber irgendwann merkte ich, dass er recht hat. Vergiss die Lebenden nicht. Denn sie brauchen unsere Liebe.

Was hat der Rat des Polizisten für Ihr Leben bedeutet?
Nehmen wir Pasquales Zimmer. Ich wollte es belassen, wie es ist. Doch irgendwann merkte ich, dass es weitergehen muss. Also durfte sich jedes Familienmitglied im Zimmer die Dinge aussuchen, die es von Pasquale behalten wollte. Pult, Stuhl, kleine Andenken. Dann füllten wir das Zimmer mit neuem Leben. Ihre Schwester zog ein. Das war, wie ich feststellen musste, besser, als eine Gedenkstätte in Form eines leeren Zimmers aufrechtzuerhalten. Wir hatten uns - den Lebenden zuliebe - aus der Erstarrung gelöst.

Der Polizist sagte auch: an die Toten denken. In welcher Form machen Sie das?
Ganz verschieden. Zum Beispiel passiert es mir immer wieder, dass ich meine Schlüssel verlege. Dann frage ich, wie früher, Pasquale. Sag mir, wo habe ich sie hingelegt? Es sind die kleinen Erinnerungen, die für mich zählen. Ich denke einfach an sie, mal mehr, mal weniger. Mit der Zeit wächst eine Narbe über die Verletzung, doch weh tut sie immer noch.

Was hat Ihnen auf Ihrem Weg sonst noch geholfen? Freunde? Nachbarn? Eine Therapie? Was mir sehr geholfen hat, war eine Therapie. Damit begann ich kurz nach der Tat. Daneben probierte ich aber noch alles Mögliche: Seminare, Vorlesungen, esoterische Heilerinnen. Ich machte einfach alles, wozu man mir riet. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nur auf mich selber hören muss - und nicht auf alle um mich herum.

Seit dem Tod Ihrer Tochter sind 19 Jahre vergangen. Wann ging es rückblickend aufwärts?
Bei einem gewaltsamen Tod eines Menschen sind es verschiedene Stufen, die man durchlaufen muss. Und sie dauern unterschiedlich lang, schwierig zu sagen, wie lang genau. Da ist zuerst einmal der Tod als solches. Den kann man irgendwann akzeptieren - und damit leben lernen. Dazu kommt das Gewaltverbrechen. Mit ihm umzugehen, ist viel schwieriger. Und schliesslich gilt es noch, mit der Tatsache zu leben, dass Pasquales gewaltsamer Tod hätte verhindert werden können. Das erschwert die Trauerarbeit zusätzlich.

Glauben Sie, man kann den Tod eines Kindes jemals ganz verarbeiten?
Verarbeiten? Man verarbeitet einen Stoff, man verarbeitet Daten. Aber nicht Gefühle. Die Gedanken an Pasquale gehören zu unserer Geschichte. Wir haben mit ihr zu leben gelernt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2012, 08:47 Uhr

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