Mattmark, die unbewältigte Tragödie

88 Menschen starben beim Gletscherabbruch über dem Walliser Mattmark-Staudamm vor 50 Jahren. Gerichte sprachen die Beschuldigten frei. Eine neue Studie erhebt schwere Vorwürfe.

Schweizer Filmwochenschau vom 3. September 1965. (Die Erhaltung der Schweizer Filmwochenschau wird ermöglicht durch: Schweizerisches Bundesarchiv, Cinémathèque suisse und Memoriav)


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bauarbeiter und Ingenieure des Mattmark-Staudamms sehen die Katastrophe auf sich zukommen. In den Tagen vor dem Unglück fallen vom Allalingletscher immer wieder Eisblöcke herunter. Eine todbringende Gefahr, denn Baracken, Werkstätten und die Kantine liegen in der direkten Falllinie unter der Gletscherzunge. Doch die Zeit drängt. Acht Meter Höhe fehlen bis zur Fertigstellung des Staudamms. Einen Unterbruch kann man sich nicht leisten. Die Arbeiter machen Scherze, um ihre Angst zu überspielen.

Doch dann passiert das Unfassbare. Am 30. August 1965 kurz nach 17 Uhr bricht der Allalingletscher ab. Eine Eislawine stürzt ins Tal und begräbt alle und alles unter sich. Ein Augenzeuge berichtet später: «Ich hörte ein gewaltiges Getöse und sah wenige Sekunden später das Eis herabrutschen.» Ein anderer: «Kein Geräusch. Nur ein fürchterlicher Windstoss, und meine Kameraden unten flatterten wie Schmetterlinge davon. Dann gab es ein grosses Donnern, und dann war Schluss, Lastwagen und Planierraupen weit weggeschleudert.» Ein Arbeiter erinnert sich: «Ich drehte mich um. Es war, als ob der Eisberg vom Himmel fiel. Der Windstoss, der mich zu Boden schleuderte, hat mich gerettet.»

Es dauert Minuten, bis die Staubwolken sich auflösen. Es herrscht eine unheimliche Stille. An der Stelle, wo gerade noch gearbeitet wurde, liegt eine bis zu 50 Meter hohe Eisdecke. Die Lawine aus zwei Millionen Kubikmeter Gletschereis und Geröll hat die Baracke, die Kantine, Werkstätten, Lastwagen und Planierraupen komplett zugedeckt.

Wie ein Weltuntergang

Überlebende begannen im Affekt mit blossen Händen im Eis zu graben und nach Opfern zu suchen. Statt dass sie am Staudamm weiterbauten, beschäftigte die zermürbende Opfersuche sie nun wochenlang. Jemand erinnerte sich an die ersten Minuten: «Der Weltuntergang war eingetreten. Ich ging dahin, wo die Pumpen waren, fand ein Brett und hob es an – darunter lag ein Freund von mir, er war unversehrt, hatte nur ein paar weisse Striemen am Kopf. Aber er war tot, da war nichts zu machen.»

Es waren furchtbare Bilder, die sich den nun auch aus dem Tal herbeieilenden Rettungskräften boten. Die Wucht der Eislawine hatte die Körper der Menschen zerschmettert. Leichen mit abgetrennten Körperteilen lagen unter dem Eis. Es dauerte Monate bis die letzten Verschütteten gefunden waren.

Die erschütternde Bilanz: Die Lawine hatte 86 Männer und 2 Frauen getötet, 10 Personen konnten schwer verletzt geborgen werden. Von den Todesopfern waren 56 Italiener, 4 Spanier, 2 Deutsche, 2 Österreicher, 1 Staatenloser und 23 Schweizer. Die Katastrophe hätte noch fataler enden können. Der Gletscherabbruch geschah eine knappe Stunde vor dem Schichtende; wäre der Gletscher eine halbe Stunde später oder während der Mittagspause abgebrochen, hätten sich noch viel mehr Leute bei den Baracken aufgehalten. Es hätte bis zu 700 Tote gegeben.

Die Katastrophe von Mattmark löste in ganz Europa Bestürzung aus. Ganz besonders in Italien, von wo die meisten Arbeiter stammten und verzweifelte Angehörige so rasch wie möglich ins Oberwallis reisten. Trauer und Verzweiflung schlugen rasch in Wut um. Wut auf die Schweizer Behörden, aber auch den Hauptarbeitgeber, die Zürcher Elektro-Watt AG. Auch italienische Zeitungen fragten zunehmend empört: Warum waren die Baracken direkt am Fuss des Gletschers aufgestellt worden? Wurden hier Sorgfaltspflichten grob fahrlässig verletzt?

Diesen und anderen Fragen gingen Wissenschaftler der Universität Genf um den Soziologen Sandro Cattacin in einer vom Schweizer Nationalfonds finanzierten soziohistorischen Studie nach. 50 Jahre nach dem Unglück untersuchten sie auch die Arbeitsbedingungen der Migrantinnen und Migranten minutiös. Die in ihrem jetzt erschienenen Buch «Mattmark, 30. August 1965 – Die Katastrophe» präsentierten Befunde sind erschütternd, die Wut aus Italien auf die Schweizer Behörden, die Zürcher Elektro-Watt AG und die am Bau beteiligten Subunternehmen verständlich. Die italienischen Gastarbeiter, so eine These im Buch, habe man vor allem deshalb angeheuert, «weil sich diese leicht an die schlimmsten Unterkunftsbedingungen anpassten und weil sie bereit waren, fünfzehn bis sechzehn Stunden täglich zu arbeiten, einschliesslich sonntags, und das bei Tempera­turen, die nachts bis auf minus 30 Grad sinken ­konnten». Die Arbeiter nahmen Unmenschliches auf sich, um die Familien in ihrer Heimat ernähren zu können. Wer sich wehrte, dem wurde mit der ­Kündigung gedroht.

Sicherheit der Effizienz geopfert

Den Arbeitsinspektoren waren die prekären Verhältnisse bekannt, «doch der Staat und seine Beamten waren in den Nachkriegsjahren meist zu schwach, um Vorschriften durchzusetzen», heisst es in der Mattmark-Studie aus Genf. Zudem war die Elektro-Watt AG unter Druck, den Bau rechtzeitig übergeben und beträchtliche Strafzahlungen vermeiden zu können.

Dass die Baracken unter dem Gletscher und damit nahe an die Staumauer gebaut wurden, führen die Genfer Forscher auf Effizienzsteigerung zurück. Sie schreiben: «Das ausschlaggebende Kriterium für die Wahl des Standorts war zweifelsohne wirtschaftlicher Art.»

Weitere Fakten stimmen nachdenklich: Die Kraftwerkgesellschaft stellte «bereits ab 1960 jährlich einen minutiös ausgearbeiteten Einsatzplan für den Lawinenfall auf». Dieser sollte die Befahrbarkeit der Zufahrtsstrasse zur Mattmark sicherstellen. Für die Unterkünfte der Arbeiter gab es keinen Einsatzplan. Selbst nach 1964 nicht, als im Frühjahr eine Lawine eine Baracke unter sich begrub, in der zwei Männer den Tod fanden.

Die Walliser Justiz eröffnete erst mehr als zwei Wochen nach dem Unglück ein Untersuchungsverfahren und erhob 1970 schliesslich gegen 17 Personen Anklage: wegen fahrlässiger Tötung. Auf der Anklagebank Platz nehmen mussten die Verantwortlichen der Elektro-Watt AG, der Baufirmen, der Suva und des Kantons Wallis. 1972, also sieben Jahre nach der Mattmark-Katastrophe, sprach ein Gericht die Angeklagten vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei, die Angeklagten kamen mit einer Geldstrafe wegen der Unterlassung von Sicherheitsvorkehrungen davon. Die Untersuchungen hatten Jahre, der Strafprozess eine Woche gedauert.

Bericht unter Verschluss

Als «Fehlurteil» beurteilt der Walliser Journalist Kurt Marti den Entscheid des Kreisgerichts Visp. Marti hatte Einsicht in den internationalen Expertenbericht aus dem Jahr 1967, auf den sich die Walliser Justiz bei der Urteilsfindung stützte und den sie noch bis zum Jahr 2022 unter Verschluss hält. Der Expertenbericht besteht gemäss Marti aus ­einem wissenschaftlich begründeten und einem ­dogmatischen Teil.

Der Walliser bezeichnet den Bericht als «widersprüchlich». Der wissenschaftliche Teil liefere unzählige belastende Fakten, die gegen die Angeklagten sprächen, der dogmatische Teil hingegen verfolge konsequent die Aussagen des Walliser CVP-Bundesrats Roger Bonvin und von ETH-Professor Gerold Schnitter. Bonvin, der zu Projektbeginn des Mattmark-Staudamms als Ingenieur für die bauführende Elektro-Watt AG tätig war, sagte nach dem Unglück vor den Medien: «Kein Mensch hat erwartet, dass sich ein derartiger Gletscherabbruch ereignen könnte.» Auch Schnitter betonte: «Kein einziger Mensch hat je die geringste, aber auch nur die geringste Andeutung gemacht, es könnte einmal am Allalingletscher oben etwas passieren.»

Schnitters Aussage ist nachweislich falsch, zumal Angestellte die Unternehmensleitung in den Tagen vor dem Unglück auf Bewegungen im Gletscher und Abbrüche hingewiesen hatten. Am Allalingletscher waren über die Jahrhunderte immer wieder Eislawinen losgegangen.

Doch das Kreisgericht Visp folgte in seiner 82 Seiten langen Urteilsbegründung konsequent dem Grundsatz, dass es sich um eine unvorhersehbare Naturkatastrophe handelte. Verletzungen von Sorgfaltspflichten wurden keine festgestellt, obwohl weder die Sicherheit des Bauplatzes und der Baracken geprüft noch Messungen am Gletscher, noch ein Warnsystem eingerichtet worden waren. Die Anklage der fahrlässigen Tötung war also vom Tisch.

Die Angeklagten hatten ihrerseits jegliche Verantwortung weit von sich gewiesen. Das Walliser Kantonsgericht, an welches das Urteil aus Visp weitergezogen wurde, bestätigte den Freispruch – und fällte einen skandalösen Entscheid: Den Familien der Opfer, die Zivilklagen eingereicht hatten, legte es die Hälfte der Gerichtskosten auf. Immerhin: Nicht alle Kantonsrichter teilten den Freispruch.

Doch der Ruf der Schweiz als offenes und sicheres Land war längst ramponiert. Schlimmer noch: Ausgerechnet die Mattmark-Katastrophe nutzten aufkeimende fremdenfeindliche Bewegungen für ihre Polemik gegen Fremdarbeiter. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.08.2015, 23:02 Uhr

Toni Ricciardi, Sandro Cattacin, Rémi Baudouï: Mattmark, 30. August 1965 – Die Katastrophe. Seismo-Verlag, Zürich 2015. 180 Seiten, 34 Fr.

Naturkatastrophen

Die schwersten Unglücke der Schweiz

1618 Bergsturz Plurs – 900 Tote
1806 Bergsturz Goldau – 500 Tote
1868 Überschwemmungen Zentralalpen – 50 Tote
1881 Bergsturz Elm – 114 Tote
1910 Überschwemmungen Mittelland – 27 Tote
1951 Lawinenwinter – 98 Tote
1965 Gletscherabbruch Mattmark – 88 Tote
1987 Überschwemmungen Zentralalpen – 8 Tote
1993 Überschwemmungen Wallis, Tessin – 3 Tote
1999 Orkan Lothar – 14 Tote
2000 Überschwemmungen Zentralalpen – 13 Tote
2005 Überschwemmungen Zentralalpen – 6 Tote

Artikel zum Thema

88 Tote – die «Schande» von Mattmark

Vor 50 Jahren stürzte ein Gletscher auf die Baracken der Fremdarbeiter beim Bau des Mattmark-Staudamms. Das Unglück prägte die Migrationsgeschichte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Die Welt in Bildern

Haben sich an ihren Lebensraum angepasst: Vier ausgewachsene Antilopen und ein Junges laufen in der Wüste Rub Al-Khali in Saudiarabien über den trockenen Boden. (19. Dezember 2018)
(Bild: VALDRIN XHEMAJ) Mehr...