Maulkörbe und Mobbing in der Luftwaffe

Flugversuchsingenieur Gérard Levrat wurde bei der Luftwaffe kaltgestellt. Seinem Nachfolger fehlt für die Kontrolle der Gripen-Entwicklung sowohl die Ausbildung als auch die Erfahrung.

Gripen-Kritiker sind unerwüsncht: Die Luftwaffe lässt Angestellte fallen. In Emmen wird ein Gripen F demonstriert. (12. Oktober 2012)

Gripen-Kritiker sind unerwüsncht: Die Luftwaffe lässt Angestellte fallen. In Emmen wird ein Gripen F demonstriert. (12. Oktober 2012) Bild: Keystone

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«Bringen Sie mir einen Piloten, der gegen den Gripen ist», sagte Verteidigungsminister Ueli Maurer zum Jahresende an seiner Legislaturbilanz auf der verschneiten Engstligenalp. Ein zufriedenes Lächeln begleitete diese Aufforderung an die versammelte Journalistenschar. Sie war für die BaZ Anlass zur Nachfrage, was mit jenem Mann ist, der sich gegen seinen Willen vergangenen Sommer in sämtlichen Medien des Landes wiederfand: Chefingenieur der Schweizer Luftwaffe, Gérald Levrat. Der erfahrene Flugzeugtester und Evaluationsexperte wurde zuvor von der nationalrätlichen Gripen-Subkommission unter SVP-Nationalrat Thomas Hurter zitiert. Er hatte die Fragen der Kommissionsmitglieder zu beantworten, die nach der Veröffentlichung vertraulicher Evaluationsberichte durch die BaZ aufgekommen sind.

Levrat ging davon aus, dass seine Aussagen, welche ungenügende Leistungen und Risiken des Gripen E bestätigten, vertraulich bleiben würden. Eine glatte Fehlannahme. Denn die «Sonntagszeitung» zitierte Ende Mai 2012 aus dem vertraulichen Kommissionsprotokoll unter anderem Levrats Vergleich: «Der Gripen ist wie ein Messer, das schlecht schneidet. Man kann damit eine Schnur durchschneiden, aber bei etwas Härterem wird es schwierig.» Levrat musste seine bis ins Detail belegten Aussagen in der Folge bitter bereuen.

Experte seit 30 Jahren

Zu diesem Zeitpunkt stand Levrat über 30 Jahre in Diensten der Luftwaffe. Er spielte bereits bei der Evaluation des Kampfflugzeugs F/A-18 eine entscheidende Rolle, er ist dazu Lenkwaffen- und Radarspezialist. Er kennt auch die Einsatztaktik von Kampfflugzeugen, was für die Beurteilung von Leistungen eines Jets unabdingbar ist. Levrat gilt innerhalb der Luftwaffe als absoluter Experte, der zudem von einem brillanten zweiten Ingenieur unterstützt wurde.

Die Nachfrage bringt Erstaunliches ans Licht. Während der jüngere der beiden Flugversuchsingenieure die Luftwaffe per Mitte 2012 verlassen hat, steht Levrat unmittelbar davor, notgedrungen frühzeitig in Pension zu gehen. Was ist geschehen? Recherchen ergeben, dass auch der zweite Flugversuchsingenieur intern Bedenken zum neuen Gripen angebracht hatte. Ihm wurde daraufhin beschieden, seine weiteren Karriereaussichten seien gleich null. Er ging und machte sich selbstständig.

Säuberungsaktion

Levrat wurde Opfer einer eigentlichen Säuberungsaktion unter Gripen-Kritikern. So erklärte etwa Gripen-Projektleiter Jürg Weber von der Rüstungsbeschafferin Armasuisse Levrat zur unerwünschten Person bei Flugtests in Schweden. Gripen-Hersteller Saab wolle ihn dort nicht mehr sehen. Dies wurde von Saab später aber dementiert. Ausgeschlossen wurde Levrat im Dezember auch von einer Fachtagung zum neuen Aesa-Radar, der in den Gripen integriert werden soll. Agierte Weber auf Anweisung von oben gegen Levrat? Das Verteidigungsdepartement sagt dazu auf Anfrage, Levrats Abgang entspreche dessen freiem Willen.

Levrat sollte zuletzt zwei neue Flugversuchsingenieure ausbilden, die fachlich unqualifiziert sind. Der eine ist Helikop­terpilot und noch nicht offiziell als Flugversuchsingenieur eingesetzt, der andere – bereits in Amt und Würden – ist nicht einmal Ingenieur. Ihm fehlen nach dem Bachelorabschluss für die erforderliche Qualifikation noch mindestens vier Jahre Universitätsstudium mit der entsprechenden Ausbildung in Physik und Mathematik. Die bisherigen Hauptfächer des neuen «Gripen-Experten» waren Musik und Geografie.

Levrats Nachfolger hat keinerlei fliegerische Erfahrung und er kennt auch die taktischen Einsatzverfahren von Kampfjets nicht. Als Angehöriger der Armee war er zuletzt als Büroordonnanz in Emmen tätig. Wie soll ein Laie aber überprüfen, ob die Schweden ihre Leistungsversprechen einhalten? Levrat wollte das miese Spiel offenbar nicht bis zu seiner ordentlichen Pensionierung mitmachen und warf das Handtuch. Wie soll jemand, dem das Grundwissen fehlt, kritisch beurteilen können, ob die Schweden ihre Leistungsversprechen einhalten und angekündigte technische Spezifikationen auch tatsächlich abliefern?

Hotline für Gripenkritiker

Das Mobbing gegen Ingenieur Gérald Levrat war ein deutliches Zeichen an die übrigen Angehörigen der Luftwaffe, die bei Maurer und Blattmann in Ungnade gefallen waren. Für zusätzliche Einschüchterung unter potenziell kritischen Piloten sorgte sodann eine VBS-interne Untersuchungstruppe, die unabhängig von der ebenfalls in Marsch gesetzten Bundesanwaltschaft von einigen Luftwaffenangehörigen verlangte, sie hätten ihre Bankkonten und jene ihrer Lebenspartnerinnen für die letzten fünf Jahre offenzulegen. Die beiden erwähnten Flugversuchsingenieure kamen dieser Aufforderung offenbar nach. Andere wehrten sich und erkundigten sich nach der rechtlichen Grundlage dieses Vorgehens. Die Untersuchungen wurden daraufhin eingestellt. Ins Bild gesetzt wurden Luftwaffen­angehörige auch über eine neue Sprachregelung. Gripen-Kritik sei an eine «Hotline» zu richten, mit Angabe von Rang, Name und Funktion. Wer öffentliche Kritik äussere, habe mögliche persönliche Folgen zu bedenken.

Mobbing und Einschüchterungen scheinen zu wirken: Die angefragten Luftwaffeningenieure verweigern gegenüber der BaZ die Auskunft und verweisen an die Pressestelle. Diese erklärt, beide Ingenieure seien nach freien, persönlichen Entscheiden gegangen. Die beruflichen Qualifikationen der beiden Neuen entsprächen dem Stellenbeschrieb. Maulkörbe für Piloten.

Erstellt: 17.01.2013, 11:28 Uhr

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