«Max weigerte sich, er wollte nicht von der Botschaft weg»

Rachid Hamdani war Ghadhafis Geisel. Erstmals erzählt er ausführlich und offen vom Zwangsaufenthalt in Libyen.

«Die Angst wurde unser Begleiter, ich ging anders damit um als Max»: Rachid Hamdani auf dem Dach der Schweizer Botschaft in Tripolis.

Schweizer Botschaft

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«Wenn ich zu lange hier bin», sagt Rachid Hamdani, «fühle ich mich wie in der Schweizer Botschaft in Tripolis.» Er lacht, und seine Bruna lacht mit. Beide wissen: Rachid Hamdani rechtfertigt mit dem kleinen Scherz, dass er seit seiner Rückkehr aus Libyen vor vier Monaten schon drei- oder viermal verreist ist.

Eine Kerze von Amnesty International brennt im Einfamilienhaus bei Nyon. Seit 40 Jahren sind die Hamdanis verheiratet. Und endlich wieder vereint. Fast zwei Jahre lang war der lebensfrohe schweizerisch-tunesische Doppelbürger ein Pfand in der Hand des libyschen Dauerherrschers Muammar al-Ghadhafi. Im Februar konnte der 70-Jährige ausreisen, doch seinen Leidensgenossen Max Göldi musste er in Tripolis zurücklassen. Seit der Nacht auf Montag ist auch Göldi wieder bei seinen Liebsten. Nun kann der lebensfrohe Ingenieur Hamdani erzählen, wie es ihm als Geisel in Libyen erging, ohne seinen Freund zu gefährden.

18. Juli 2008: Reise nach Tripolis

«Als ich an jenem Freitag vor zwei Jahren zum Genfer Flughafen fuhr, hörte ich im Autoradio, Hannibal Ghadhafi sei freigelassen worden. Ich dachte mir nichts Böses dabei. Aber ich fand es seltsam, dass die Genfer Behörden den Sohn eines Staatschefs in Untersuchungshaft genommen hatten.

Ich wollte nur drei Tage für Abklärungen nach Tripolis reisen. Eigentlich war ich ja pensioniert, doch als Freelancer half ich der Schweizer Ingenieurfirma Stucky bei einem Zementprojekt. Keine 24 Stunden nach der Landung sass ich im Gefängnis.»

19. Juli 2008: Die Verhaftung

«Am Tag, als Hannibal in Genf freikam, schloss Libyen alle Ableger von Schweizer Unternehmen. Auch im kleinen Büro von Stucky mit gerade vier Angestellten schaute die Polizei vorbei und fragte, wo der Chef sei. Miguel Stucky war am Tag zuvor abgereist. Als ich ins Büro zurückkehrte, fragte ein Polizist: «Sind Sie Monsieur Rachid?»«Ja.»

«Zeigen Sie uns Ihren Pass.»

Ich zeigte meinen tunesischen Pass, was Erstaunen auslöste: «Aber Sie sind doch Schweizer!»

«Ja, ich habe einen zweiten Pass.»

«Dann kommen Sie bitte mit.»

«Weshalb?»

«Nur für eine kurze Überprüfung. Nur für eine Viertelstunde.»

Sie nahmen mich mit auf die Polizeizentrale. Dort musste ich meinen Gürtel und mein Handy abgeben und wurde in eine Zelle gesteckt, wo sich bereits zwei Männer befanden, die auch für Schweizer Unternehmen arbeiteten: ein Hindu, der als Ingenieur tätig war. Und ein Sicherheitsangestellter aus Bulgarien. Die Tür wurde nochmals geöffnet, und ein weiterer Mann stiess zu uns: Max Göldi, den ich damals noch nicht kannte.»

Zehn Tage hinter Gitter

«Nach einer Nacht zu viert in der Zelle wurden der Hindu und der Bulgare weggebracht. Der bulgarische Sicherheitsangestellte, der seit sechs, sieben Jahren in Libyen lebte, wurde, soviel ich weiss, zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Wegen einer ganz anderen Sache. Max und ich blieben noch eine weitere Nacht in Polizeihaft. Dann wurden wir einem Untersuchungsrichter vorgeführt und wegen angeblicher illegaler Einwanderung für zwei Wochen festgehalten. Nach zehn Tagen kamen wir frei – gegen eine Kaution von je 10'000 Dinar (umgerechnet je 9000 Franken). Unsere Pässe blieben konfisziert. Die Anschuldigungen gegen uns blieben schleierhaft. Aber wir ahnten, dass wir zu Geiseln in einem Konflikt zwischen Libyen und der Schweiz geworden waren.»

Ein Jahr der Ungewissheit

«Die Angst wurde unser Begleiter. Ich ging anders damit um als Max. Er zog sich in die Schweizer Botschaft zurück. Ich nicht. Ich versuchte, möglichst normal zu leben. Ich schlief zum Teil in einem gemieteten Appartement ausserhalb der Hauptstadt.

Manchmal übernachtete ich aber auch in der Botschaft – beispielsweise wenn Verhandlungen anstanden. Am Anfang passierte das aber kaum je.

Um die Botschaft waren rund um die Uhr Zivilpolizisten postiert. Wenn jemand das Gebäude verliess, folgten sie einem auf Schritt und Tritt.»

Der dritte Mann in der Botschaft

«In der Botschaft hatten neben Max auch seine Frau und ein weiterer Schweizer Staatsangehöriger Zuflucht gesucht. Er hatte immer in Deutschland gelebt und war als Schweisser für wenige Wochen nach Libyen zum Arbeiten gekommen. Doch mit seinem Schweizer Pass konnte auch er nicht ausreisen.

Er blieb, wenn ich mich richtig erinnere, bis September oder Oktober 2008 bei uns in der Botschaft. Dann gab es ein Abkommen, dessen Details ich nicht kenne. Aber soviel ich weiss, erhielt er eine Ausreisebewilligung, und es gab im Gegenzug ein Visum für jemanden aus der Ghadhafi-Familie.»

Gerüchte über Gerüchte

«In der Schweiz gab es Gerüchte, ich sei gar keine Geisel. Ich spielte Tennis mit diesem und jenem, wurde behauptet, und ich sei gar mehrmals nach Tunesien in die Ferien gefahren. Tatsächlich habe ich seit dreissig Jahren keinen Tennisschläger mehr berührt. In der Botschaft hatten wir einen Tischtennistisch, an dem ich mit Max und dem Botschaftspersonal spielte. Aber bei 40 Grad und mehr blieben wir meist im Schatten.

Ein absurder Gedanke ist das mit den Ferien. Wie hätte ich ohne Pass ausreisen können? Das hätte Max zusätzlich gefährdet. Hätte ich mich abzusetzen versucht, wäre er noch mehr in die Bredouille gekommen. Das wollte ich zuallerletzt.»

20. August 2009: Merz’ Trip

«Bundespräsident Merz trafen wir am Sitz des Premierministers. Unmittelbar vor seiner Pressekonferenz mit seiner berühmten Entschuldigung informierte er uns, dass er ein Abkommen unterschrieben habe. Wir könnten, so sagte er, zwar nicht mit ihm ausreisen, aber doch noch in derselben oder nächsten Woche. Das sei ihm zugesichert worden. In spätestens sechzig Tagen seien die Beziehungen mit Libyen normalisiert. Merz sagte uns auch, wir sollten uns nicht fürchten.

Er hat unsere Situation mit seiner Reise nach Tripolis deblockiert. Nach seinem Besuch konnten wir uns wieder freier bewegen und auch mal in einem Hotel essen gehen. Die Kritik in der Schweiz an Merz finde ich ungerecht. In dieser Affäre versuchte jeder sein Bestes, um unsere Situation zu verbessern. Beim ersten, zweiten, dritten Anlauf klappte es zwar nicht. Aber die vielen Versuche führten schliesslich zum Erfolg.»

Bereits Flugticket reserviert

«Ende August und Anfang September 2009 bekamen wir fast jeden Tag neue Informationen, dass wir bald ausreisen könnten. Mal hiess es, morgen sei es so weit, mal in zwei, drei Tagen. Immer wieder wurden wir auf morgen, auf übermorgen vertröstet. Das ist aber im System dort nicht ungewöhnlich.

Jedenfalls waren wir optimistisch. Eines Mittags versprach man uns, bis in zwei Stunden seien alle Formalitäten erledigt. Unsere Hoffnung war riesig. Um keine Zeit zu verlieren, reservierten wir einen Abendflug, ich glaube, nach Amsterdam oder Rom. Doch wie immer blieb am Schluss nur die Enttäuschung.»

18. September 2009: Entführt

«Ein Doktor Khaled rief mich an und sagte: «Alles ist bereit, dass Sie ausreisen können. Eine letzte Formalität fehlt in ihrem Dossier: ein medizinischer Test.» Ich sagte: «O.k.»

Mit den beiden verbliebenen Schweizer Botschaftsmitarbeitern fuhren Max und ich zum Spital. Dort wartete dieser Doktor Khaled. Wir wurden zum medizinischen Check geführt. Unsere Begleiter mussten draussen warten. Max erwies sich als kerngesund. Ich hatte einen hohen Blutdruck. Die Ärzte wollten ein Kardiogramm machen und mir Medikamente geben. Ich lehnte ab. Dann führte man uns in den Röntgenflügel des Spitals. Es erwartete uns die Geheimpolizei mit drei Wagen. Wir müssten noch, so wurde gesagt, zum Staatsanwalt.

Ich stieg ein. Max weigerte sich. Er wollte nicht ohne unsere Freunde von der Botschaft weg. Die Geheimpolizisten drückten ihn ins Auto. Wir rasten los. Uns wurde endgültig klar, dass etwas nicht stimmte. Nach einer Viertelstunde kamen wir auf einem Militärgelände an. Wir stoppten. Ich wurde in ein Haus gebracht und in einem Zimmer eingesperrt. Ich wusste nicht, was sie Max antaten. War er in der Nähe? War ich alleine? Wer liess uns hierhin bringen? Wie lange wird das dauern? Komme ich hier lebend hinaus? Was ist zwischen der Schweiz und Libyen passiert? Wir bekamen keine Erklärungen. Die Wachen waren angehalten zu schweigen.

Alles war so hoffnungsvoll gewesen. Und jetzt war alles anders. Ich brauchte zwei Tage, bis ich mich etwas fangen konnte. Das war ein äusserst schwieriger Moment.»

53 Tage in Isolationshaft

«Ganz alleine in meiner Zelle wälzte ich zwei Gedanken: Ich erwartete das Schlimmste. Aber ich hatte auch die Gewissheit, dass es Zeugen unserer Entführung gab: die beiden Botschaftsmitarbeiter. Wir wussten die Schweiz hinter uns. Töten oder ganz verschwinden lassen würde uns niemand.

Kontakt zur Aussenwelt gab es keinen. Mit der Zeit wurde mir wegen Geräuschen klar, dass Max in der Nähe war. Mehr nicht. Vernahm ich länger nichts mehr, fürchtete ich, dass er weggebracht worden war.

Körperlich blieb ich unversehrt. Ich konnte duschen. Zu lesen hatte ich nichts, nur zweimal eine Zeitung. Aber nach einigen Tagen bekam ich einen Fernseher.

Ich weiss nicht, ob wir gekidnappt wurden, weil Schweizer Politiker gesagt hatten, man sollte uns militärisch befreien. Aber es kann sein. Auf jeden Fall waren solche Aussagen nicht gescheit. Sie setzten jene Befehlsempfänger unter Druck, die dafür sorgen mussten, dass wir nicht abhauten. Der Polizeichef und andere hohe Beamten mussten sich fragen, was diese Schweiz im Schild führt. Sie durften sich auf keinen Fall vorführen lassen. Sonst wären sie Ungnade gefallen.»

«Nach 53 Tagen brachten uns unsere Bewacher neue Kleider. Es hiess: «Machen Sie sich bereit!» Max und ich wurden zu einer Art Gericht gebracht. In einem normalen Haus waren ein Richter, ein Ankläger und ein Sekretär versammelt. Ich wurde als Erster aufgerufen und der illegalen Einwanderung bezichtigt. Ich fragte: «Weshalb?»

«Sie haben kein Visum.»

«Aber Monsieur, ich brauche kein Visum, weil ich einen gültigen tunesischen Pass habe. Von dem haben Sie in Ihrem Dossier wohl eine Kopie.»

Max erging es ähnlich. Ihm wurde vorgeworfen, er habe kein Arbeitsvisum. Man sagte uns, in einer Woche sollten wir zur Urteilsverkündung erscheinen.

Dann konnten wir einfach gehen. Wir konnten es kaum glauben. Die Beamten riefen ein Taxi und bezahlten es. Wir liessen uns zur Schweizer Botschaft bringen. Von unterwegs rief ich meine Frau an. Die Entführer hatten mir mein Handy zurückgegeben.

Es war ein fantastischer Moment. Es war, wie wenn jemand aus dem Himmel auf die Erde kommt. Nach 53 Tagen ohne jede Nachricht. Mit der Ungewissheit in der Schweiz: Waren die Männer tot? Lebten sie?

Wir klopften an die Botschaftstür. Alle waren sehr überrascht. Es war sehr emotionell. Tränen flossen.

Wir nahmen einen Anwalt, der aber nach einer Woche noch keinen Einblick in die Akten bekommen hatte. Die Urteilsverkündung wurde verschoben.

Dann aber weigerten wir uns, zu erscheinen, weil wir um unsere Sicherheit fürchteten. Nach langen Verhandlungen überzeugte uns die deutsche Botschaft hinzugehen. Sonst bleibe alles blockiert. Die Botschafter Deutschlands und anderer Länder begleiteten uns zum Gericht, doch das Urteil wurde nochmals vertagt.

In Abwesenheit wurden wir kurz darauf zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Wir legten Rekurs ein. Schliesslich wurde ich freigesprochen und Max zu vier Monaten Haft verurteilt.»

Showdown vor der Botschaft

«Unsere Position war immer: Wir verlassen die Botschaft nur tot oder mit freiem Geleit. Also wenn wir mit diplomatischer Immunität ausgeflogen werden. Die Schweizer Behörden versicherten uns: Ihr könnt so lange in der Botschaft bleiben, wie Ihr wollt. Sie ist Euer Zuhause. Die Schweiz steht hinter Euch. Sie lässt Euch nie im Stich. Was stimmte.

Mein Freispruch und Max’ Verurteilung brachte uns aber in eine heikle Situation. Libyen stellte ein Ultimatum. Bewaffnete Polizisten umkreisten die Botschaft in einem Abstand von vielleicht zwei Metern.

Es war unser schwierigster Moment überhaupt. Schliesslich entschieden wir uns, das Ganze nicht explodieren zu lassen. Max liess sich abführen. Ich ging ins Aussenministerium für die Ausreiseformalitäten. Die Interviews und das Warten dauerten sieben Stunden.»

Im deutschen Botschaftswagen

«Schliesslich wurde ich von Diplomaten aus vier Ländern an die tunesische Grenze begleitet. Ich sass im Auto der deutschen Botschaft. Uns begleiteten Wagen mit dem österreichischen, spanischen und schweizerischen Vertreter. Wir passierten die libyschen Grenzbeamten ohne Probleme.

Auf der tunesischen Seite wartete der Schweizer Honorarkonsul. Um zwei Uhr in der Früh verabschiedeten wir uns von den Botschaftern. Über Djerba und Tunis landete ich am 24. Februar 2010 in Zürich.»

Zurück in der Schweiz

«Heute bin ich richtig pensioniert. Ich muss mich nicht mehr in der Berufswelt integrieren. Für Max wird das anders sein. Ich versuche zu vergessen, was passiert ist. Dies tue ich, indem ich lebe, wie ich vor meiner Zeit in Libyen gelebt habe. Ich reise viel.

Solange Max nicht freigekommen war, konnte ich nicht loslassen. Jetzt hoffe ich, dass es geht. Psychologische Hilfe habe ich bislang keine gebraucht.

Für Max war die Sache noch härter, weil er noch vier Monate ins Gefängnis musste. Ich freue mich, ihn bald wieder zu sehen. Aber wir lassen den Göldis noch etwas Ruhe.»

Erstellt: 18.06.2010, 09:15 Uhr

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