Medikamentenskandal: Drei weitere Kinder betroffen

Die Heilmittelbehörde sucht nach weiteren Kindern, die durch das Medikament Depakine hirngeschädigt wurden. Bereits wurden neue Fälle gemeldet.

Weltweit wurden Tausende Kinder geschädigt, weil Schwangere das Mittel einnahmen, ohne die Gefahr für das Ungeborene zu kennen.

Weltweit wurden Tausende Kinder geschädigt, weil Schwangere das Mittel einnahmen, ohne die Gefahr für das Ungeborene zu kennen.

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Die Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic hat in den vergangenen Tagen drei neue Meldungen über Kinder erhalten, die durch das Medikament Depakine geschädigt wurden. Betroffene Eltern haben sich gemeldet, seit die «SonntagsZeitung» über den Medikamentenskandal berichtet hat. Swissmedic ist daran, die neuen und die bereits vorher gemeldeten Fälle zu analysieren. Insgesamt sind es nun über 40 betroffene Kinder.

Das Medikament bewirkt beim ungeborenen Kind schwere geistige und körperliche Schäden, wenn es Epileptikerinnen während der Schwangerschaft einnehmen. Anwälte haben im Namen von zehn Kindern Klagen eingereicht, weil die Mütter vor den Gefahren nicht gewarnt wurden. «Wir freuen uns über die Medienberichte», sagt Christoph Küng, Leiter der Abteilung Arzneimittelsicherheit von Swissmedic, «das erhöht die Chance, dass wir wissen, wie viel Betroffene es wirklich gibt.»

Behörde sucht Kinder, die seit 2015 geboren wurden

Seine Behörde hat die Ärzte 2015 mit Nachdruck vor den Gefahren des Medikaments für Schwangere gewarnt. Und trotzdem haben es einzelne Ärzte weiter verschrieben. Swissmedic weiss bisher von drei betroffenen Kindern, die seit 2015 geboren wurden. Zurzeit sucht die Behörde nach weiteren solchen Fällen. Die Suche sei aber schwierig, sagt Küng, denn die Meldungen seien oft unvollständig und enthielten zum Teil ungenaue oder falsche Angaben. Die Meldungen kommen von Spitälern, Ärzten oder auch vom Hersteller.

Küng vergleicht die Affäre mit dem Contergan-Skandal. Vor 50 Jahren kamen dabei weltweit rund 12’000 Personen zu Schaden. Im jetzigen Medikamentenskandal sind allein in Frankreich 6500 Kinder betroffen. Zahlen über Opfer weltweit sind bisher nicht bekannt. Die Schäden seien ähnlich schwerwiegend, sagt Küng. Er will die Ärzte vermehrt in die Pflicht nehmen. Man müsse sich darauf verlassen können, dass sie auf dem neuesten Stand der Wissenschaft seien und Risiken erkennen würden. «Und wir müssen sie dazu bringen, wirklich alle Fälle zu melden», sagt er.

Mögliche fahrlässige Körperverletzung

Es besteht die Gefahr, dass Ärzte, die Depakine noch kürzlich an Schwangere verschrieben haben, dies nicht melden, weil sie Konsequenzen fürchten. Sie könnten sich strafbar gemacht haben. Stephan Kinzl, Berner Rechtsanwalt und Spezialist für Klagen gegen Ärzte, sagt: Wenn Swissmedic die Ärzte 2015 klar gewarnt habe und trotzdem noch Kinder mit Fehlbildungen zur Welt gekommen seien, müsse die Verantwortung der Ärzte geklärt werden. «Wenn sie die Schwangeren nicht genügend aufgeklärt haben, liegt zumindest ein begründeter Verdacht für das Vorliegen einer schweren fahrlässigen Körperverletzung vor», sagt der Anwalt.

Swissmedic will künftig die Kommunikation mit den Patienten stärken. «Um die Meldequote zu erhöhen, wird Swissmedic nächstes Jahr ein vereinfachtes Online-Meldeformular für Patienten aufschalten. Wenn sich mehr Patienten direkt bei uns melden, können wir eher herausfinden, welche Ärzte ihrer Meldepflicht nicht nachkommen», sagt Küng.

Erstellt: 09.01.2020, 20:33 Uhr

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