Medis im Supermarkt: Migros macht Druck

Ab 2019 werden gewisse Arzneien auch im Detailhandel erhältlich sein. Apotheker warnen vor den Gefahren.

Im Einkaufswagen sollen neben Lebensmitteln bald auch rezeptfreie Medikamente liegen. Foto: Urs Jaudas

Im Einkaufswagen sollen neben Lebensmitteln bald auch rezeptfreie Medikamente liegen. Foto: Urs Jaudas

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Mehrere Hundert Millionen Franken bezahlen die Patienten in der Schweiz jährlich aus dem eigenen Sack für Medikamente. Die Palette dieser nicht rezeptpflichtigen Heilmittel reicht von Halswehtabletten und Nasensprays über hoch dosierte Aufbau- und Vitaminpräparate bis zu Rheumasalben und Schmerztabletten. Die meisten dieser Heilmittel kaufen die Konsumenten in Apotheken und Drogerien, weil der Verkauf nur mit entsprechender Fachberatung erlaubt ist. Doch dies wird sich bald ändern. Zurzeit prüft die Heilmittelbehörde Swissmedic, welche dieser Medikamente künftig auch im Detailhandel angeboten werden dürfen. Damit setzt die Behörde die im revidierten Heilmittelgesetz angestrebte Förderung der Selbstmedikation um.

Hinter den Kulissen wird zurzeit heftig darüber gestritten, welche Arzneimittel künftig in den Ladenregalen von Migros, Coop und anderen Detailhändlern stehen sollen. Die betroffenen Branchen können dazu bei Swissmedic ihre Vorschläge einreichen. Schon lange Druck auf eine Liberalisierung macht die Migros. Der Detailhandelsriese orientiert sich an den Regulierungen in Deutschland. «Wir wollen deutsche Verhältnisse, die aber im Vergleich mit England oder Amerika immer noch sehr moderat sind», sagt Martin Schläpfer, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik bei der Migros. Heute deckten sich Schweizer Kunden im grenznahen Raum mit Produkten ein, die in der Schweiz nur in Apotheken und Drogerien verkauft werden dürfen.

Die Migros will Preisdruck

In Drogeriemärkten in Deutschland seien frei verkäufliche Arzneimittel zum Teil erheblich günstiger, sagt Schläpfer. Ein Grund für die hohen Preise in der Schweiz sei der fehlende Preiswettbewerb. Die Konkurrenz durch die Detailhändler werde die Preise in der Schweiz endlich ins Rutschen bringen. Ins Regal stellen will die Migros künftig sämtliche Einreibemittel (Salben, Öle) gegen Muskel-, Gelenk- und Rheumabeschwerden, aber auch Schmerzmittel auf pflanzlicher Basis mit Weidenrinde-Pulver. Den freien Verkauf fordert Migros zudem für Magen-Darm-Mittel gegen Übersäuerung des Magens und Sodbrennen, für pflanzliche Abführmittel und Vitaminprodukte in allen Dosierungen. Auch Tropfen gegen trockene Augen, Mittel gegen Neurodermitis, Psoriasis und Ekzeme sollen künftig zum Sortiment gehören.

Möglich werden soll dies durch die vorgesehene Neuordnung der bisherigen Abgabekategorien für Medikamente. Die Kategorien A und B für rezeptpflichtige Medikamente bleiben bestehen. Aufgehoben wird die bisher den Apotheken vorbehaltene Kategorie C für rezeptfreie Medikamente. Neu dürfen alle rezeptfreien Heilmittel auch von Drogerien verkauft werden. Gleichzeitig soll aber eine Reihe rezeptfreier Arzneimittel, für die heute eine Fachberatung in Apotheken oder Drogerien verlangt wird (Kategorie D), in die Kategorie E umgeteilt werden. Produkte auf dieser Liste können ohne Fachberatung verkauft werden.

Doch ob in der Schweiz künftig das gleiche Sortiment an Arzneimitteln in den Ladenregalen stehen wird wie in Deutschland, ist offen. Die Apotheker und Drogisten warnen davor, den Wünschen der Detailhändler nachzugeben. Manche der genannten Präparate bedürften durchaus der fachlichen Beratung. Dazu zählten auch Vitaminpräparate in hohen Dosierungen. Als Beispiel nennt der Apothekerverband Pharmasuisse das Multivitaminpräparat Supradyn Vital 50+, bei dem Überdosierungen Schäden verursachen könnten. Auch weist der Verband darauf hin, dass die Kundschaft im Detailhandel vermehrt durch «Pseudomedikamente» getäuscht werden könnte. Dabei handle es sich um speziell verpackte Medizinprodukte, Ernährungsergänzungsmittel oder Nahrungsmittel, die eine unrealistische Wirkung versprächen. «Im Selbstbedienungsladen gibt es an der Kasse niemanden, der die Leute berät», sagt Pharmasuisse-Generalsekretär Marcel Mesnil. Die Patienten müssten sich auf ihre eigene Einschätzung verlassen, die auch falsch sein könne. In der Apotheke oder Drogerie könne eine falsche Selbsteinschätzung im Beratungsgespräch korrigiert werden.

Auch der Drogistenverband macht auf Gefahren aufmerksam, wenn man sich unbesehen an den Verkaufsvorschriften anderer Länder orientiere. So dürften in Deutschland etwa Johanniskraut-Dragées im Supermarkt verkauft werden. Diese gegen Depressionen und Stimmungsschwankungen eingesetzten pflanzlichen Mittel könnten im Zusammenhang mit anderen Medikamenten unerwünschte Nebenwirkungen haben, sagt Martin Bangerter, Zentralpräsident des Schweizerischen Drogistenverbandes. Unter anderem könne Johanniskraut die Wirkung der Pille zur Schwangerschaftsverhütung abschwächen. Dieses Beispiel zeige, weshalb eben auch bei scheinbar unproblematischen Heilmitteln eine Fachberatung nötig sei.

Kein Aspirin im Ladenregal

Das Beispiel mit hoch dosiertem Johanniskraut führten die Drogisten immer wieder an, kontert Jürg Maurer, bei Migros stellvertretender Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik. «Wir fordern keine Höchstdosierungen, sondern moderat dosierte Präparate, die in Deutschland in jedem Supermarkt seit Jahren erhältlich und absolut selbstbedienungstauglich sind.» Der Migros sei kein einziger Fall bekannt, bei welchem es mit einem frei verkäuflichen Johanniskrautpräparat zu den genannten Interaktionen gekommen sei. Das Gleiche gelte im Übrigen auch für hoch dosierte Vitaminpräparate.

Die Liberalisierung des Medikamentenverkaufs soll auf 2019 in Kraft treten. Klar ist, dass die Schweizer Regelung nicht zu amerikanischen Verhältnissen führen wird. Dort dürfen auch Schmerzmittel wie Aspirin im Ladenregal stehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2017, 08:21 Uhr

Hochpreisinsel Schweiz

Werden Fisherman’s billiger?

Die Detailhändler erhoffen sich von der Liberalisierung des Medikamentenverkaufs, dass einige Produkte von der Liste E der frei verkäuflichen Medikamente gestrichen werden. Als solche gelten in der Schweiz auch Fisherman’s Friend. Und solange die Pastillen als Arzneimittel gelten, ist der Parallelimport verboten. Dies hat zur Folge, dass die Fisherman’s nur über den offiziellen Importeur eingeführt werden dürfen – mit entsprechenden Kostenfolgen. In der Schweiz kostet ein Päckchen Fisherman’s bis zu 2.90 Franken, in Deutschland sind sie ab 79 Cent zu haben. In der Schweiz sind die Fisherman’s also gut dreimal teurer. Migros hofft, dass solche Pastillen in der Schweiz künftig als Lebensmittel gelten. (br)

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