Meerfisch aus dem Mittelland

Kingfish, Dorade und Wolfsbarsch aus der ökologischen Salzwasserfarm: Unternehmer Dirk van Vliet will dieses Projekt in Buttisholz LU realisieren. Es wäre die erste Schweizer Indoor-Zucht von Meeresfischen.

«Die Meere entlasten»: Eine herkömmliche Schweizer Fischzucht im Wallis.

«Die Meere entlasten»: Eine herkömmliche Schweizer Fischzucht im Wallis. Bild: Keystone

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Der Fall des deutschen Investors Hans Raab, der mit seiner Melander-Produktion im sankt-gallischen Rheintal wegen umstrittener Tötungsmethoden gescheitert ist, hält den Glarner Dirk van Vliet nicht von seinen Fischfarmplänen ab. Bereits 2013 will er im luzernischen Buttisholz mit der Zucht von Meeresfischen beginnen und damit eine Marktlücke füllen. Denn die Nachfrage der schweizerischen Fischliebhaber steigt, während die Fänge in den Weltmeeren langsam versiegen.

An seinem Wohnort im glarnerischen Mollis war der Unternehmer Dirk van Vliet noch gescheitert. Die Bürgergemeinde hatte die Erschliessung von 36 000 Quadratmetern Land zwischen dem Flugplatz und der Linth und damit auch den Verkauf des Industriegrundstücks vor zwei Jahren abgelehnt. Im Luzerner Rottal aber steht Van Vliets Traum vom grössten Fischzuchtbetrieb der Schweiz kurz vor der Realisierung. Das Baugesuch ist eingereicht, und die Bevölkerung begrüsst das Projekt, das 21 Millionen Franken kosten und 35 Arbeitsplätze bringen soll. Reto Helfenstein, Gemeindeschreiber von Buttisholz und Mitglied der kommunalen Wirtschaftsförderung, bestätigt, dass keine Einsprachen eingetroffen sind. Jetzt liegt das Baugesuch beim Kanton.

Fünf Tonnen Fisch pro Tag

In einer Halle, die grösser ist als ein Fussballfeld, will der 44-jährige Elektro- und Wirtschaftsingenieur Van Vliet das steigende Bedürfnis der Schweizer nach Meeresfisch stillen. Bis zu fünf Tonnen Fisch pro Tag oder mehr als 1000 Tonnen pro Jahr soll der geschlossene Indoor-Kreislauf abwerfen, der sechs Zuchtpools mit je 1800 Kubikmetern Salzwasser umfasst.

An Interessenten für garantiert frische Wolfsbarsche (Loup de Mer) und Goldbrassen (Dorade) mangle es im Schweizer Detailhandel und der Spitzengastronomie nicht, sagt Van Vliet. Gemäss der Importstatistik des Bundes zahle die Schweiz jährlich über 670 Millionen Franken für Fische und Meeresfrüchte aus dem Ausland. Die Produktion in der Schweiz decke nur etwa drei Prozent des Bedarfs.

Die Meere entlasten

Van Vliet ist auf Reisen mit seiner Familie «immer wieder auf die sich stetig verschlechternde Situation im Bereich der Meere und Seen gestossen» und hat daraus eine «Passion» für dieses Ökosystem entwickelt. Mit der 2010 gegründeten Oceanswiss Alpine Seafood AG will er «die strapazierten Meere entlasten» und in der marinen Aquafarm umweltschonend Speisefische produzieren – «etwa Kingfish als Alternative zum Blauflossenthunfisch, der als Sushi verspeist wird und in den Meeren praktisch leergefischt ist». Die Fischfarm setzt laut Van Vliet auf Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Ökologie, braucht für die Fischtanks Trinkwasser, wärmt es mit Energie aus Solarzellen und produziert mit Abfällen in Biogasanlagen Strom.

Vom Bau der Fischfarm bis hin zur Produktion ist es allerdings ein weiter Weg. Der grösste Stolperstein könnte das Tierschutzgesetz sein. Bei der Fischzucht handelt es sich laut Thomas Kalbermatten vom Veterinärdienst des Kantons Luzern um eine gewerbsmässige Wildtierhaltung, für die Van Vliet eine Bewilligung brauche. Gemäss Tierschutzverordnung müssen die Fische mit einem Stromschlag nicht nur betäubt, sondern getötet werden.

Der Melander-Züchter Raab, dessen Welse vor der mechanischen Entschleimung und Köpfung heruntergekühlt wurden, war in Oberriet SG gescheitert, weil er nicht nachweisen konnte, dass die Fische genügend bewusstlos waren, um von ihrer Tötung nichts mitzubekommen. Laut Oceanswiss-Verwaltungsrat Peter Zeller erfüllt das Projekt in Buttisholz alle gesetzlichen Vorgaben in Bezug auf Tierhaltung, Betäubung und Schlachtung. Es sehe Haltungsdichten vor, die weit unter jenen der üblichen Netzkäfigzuchten – wie etwa für Doraden in Griechenland – und auch unter den zugelassenen Schweizer Quoten lägen. Diese schreiben seit 2008 Bestände von 25 bis 100 Kilogramm Fisch pro Kubikmeter Wasser vor, sind allerdings für Meeresfische nicht klar definiert.

Ein Pionierprojekt

Ein Risiko gehen die Investoren trotzdem ein, denn ihre Fischfarm ist ein Pionierprojekt. Laut Billo Heinzpeter Studer von der Tierschutzorganisation Fair Fish ist die kommerzielle Indoor-Zucht von Meeresfischen noch nirgends erprobt. Sie sei mit der Produktion von Süsswasserfischen, wie in der Egli-Farm in Raron VS, nicht vergleichbar. Auch Thomas Kalbermatten vom Luzerner Veterinäramt ist keine ähnliche Anlage bekannt.

Ein detailliertes Gesuch um eine Betriebsbewilligung werde das Bundesamt für Veterinärwesen beurteilen müssen, sagt Kalbermatten. Laut Studer ist der Bund mit konkreten Vorschriften zur artgerechten Haltung von Fischen allerdings in Verzug. Das Bundesamt habe die Entwicklung verschlafen – auch zum Nachteil innovativer Fischzüchter, die ohne Planungssicherheit investierten. Dirk van Vliet rechnet aber fest damit, dass er die Betriebsbewilligung 2012 erhalten wird. Nach einem Jahr Bauzeit dauere es noch einmal mindestens sechs Monate, bis die ersten Zuchtfische genug gewachsen sind und in Schweizer Küchen konsumiert werden können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2011, 08:56 Uhr

Plant eine Fischfarm: Dirk van Vliet. (Bild: Keystone )

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