Mehr Babys, aber kein Boom

Erstmals seit Jahren ist die Geburtenzahl wieder auf 1,5 Kind pro Frau gestiegen. Dank den Müttern über dreissig.

Mehr Babys braucht das Land: Für den Generationenerhalt dürften es mindestens 2,1 pro Frau sein.

Mehr Babys braucht das Land: Für den Generationenerhalt dürften es mindestens 2,1 pro Frau sein. Bild: Keystone

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Diese Woche wird das Bundesamt für Statistik eine frohe Nachricht verkünden: 2009 sind in der Schweiz 6400 Kinder mehr zur Welt gekommen als 2003 – das ist ein Plus von 9 Prozent. Mit 78'200 Geborenen ist die Geburtenrate erstmals wieder auf 1,5 Kinder pro Frau gestiegen – zuletzt war sie 1996 gleich hoch. Damit setzt sich der seit sechs Jahren erkennbare Trend hin zu mehr Kindern fort, der nur 2005 vorübergehend unterbrochen wurde.

Über die Gründe des Kindersegens kann man spekulieren. Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf dank mehr Krippen und Tagesschulen «könnte eine Rolle spielen, lässt sich aber nicht beweisen», sagt Demografiespezialist Marcel Heiniger vom Bundesamt für Statistik. Ähnlich zurückhaltend äussert er sich zum weit verbreiteten Eindruck, dass es heute wieder Mode ist, Kinder zu haben: «Vielleicht. Aber auch das kann man nicht erhärten.»

Aufgeschobener Kinderwunsch

Statistiker Heiniger traut lieber den harten Zahlen – und diese sprechen eine klare Sprache: Ausschliesslich Frauen über 30 gebären wieder mehr Kinder. Unter dieser Altersgrenze ist die Geburtenzahl weiterhin rückläufig. In anderen Worten: Die Mütter von heute sind Frauen, die sich ihren aufgeschobenen Kinderwunsch erfüllen, nachdem sie zwischen 20 und 30 auf Ausbildung, Beruf und Karriere gesetzt haben.

Heiniger spricht von einem «Nachholeffekt» – und macht damit klar, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Denn die Zahl der potenziellen Mütter nimmt insgesamt nicht zu. Konkret rechnen die Demografen damit, dass die Geburtenziffer auch in den nächsten Jahren bei 1,5 oder etwas darüber liegen wird – bis in rund zehn Jahren prognostizieren sie 83'000 Geburten pro Jahr. Danach aber wird die durchschnittliche Kinderzahl auf jeden Fall wieder sinken – weil dann die Frauen der geburtenschwachen Jahrgänge ins Alter kommen, wo sie Kinder haben.

Gebär-Tiefpunkt überwunden

Zahlenmann Marcel Heiniger warnt allein schon mit Blick auf die Proportionen davor, von Anzeichen eines neuen Babybooms zu reden.

Gemessen am Gebär-Tiefpunkt von 2001 – damals betrug die Geburtenziffer 1,38 – ist der heutige Wert von 1,5 zwar ein Fortschritt. Doch er verliert sofort an Glanz, wenn man an die Babyboom-Spitze von 2,68 im Jahr 1964 zurückdenkt. Und man sich daran erinnert, dass für den Generationenerhalt 2,1 Kinder pro Frau nötig wären – ein Wert, der letztmals 1970 erreicht wurde.

Ausländerinnen passen sich an

Ausländerinnen, die in der Schweiz leben, gebären im Durchschnitt immer noch mehr Kinder als die Schweizerinnen – 2008 waren es 1,88 Kinder pro Frau gegenüber 1,37. Seit 2001 jedoch sinkt ihre Geburtenrate, während die der Schweizerinnen steigt – die gestiegene Geburtenrate von 2009 ist also das Werk von Schweizer Frauen.

Die Ausländerinnen passen sich der Lebensweise in der Schweiz an. Mit der neuen Ausländerpolitik, die verstärkt auf Einwanderung aus der EU setzt, kommen zudem immer häufiger Menschen ins Land, die sich kulturell nicht stark von der hier wohnhaften Bevölkerung unterscheiden.

Die steigende Geburtenzahl bleibt nicht ohne Wirkung auf die Politik. So müssen die Verantwortlichen zum Beispiel rechtzeitig auf die wachsenden Schülerzahlen reagieren.

Trotzdem doppelt so viele Alte

In Domänen wie der AHV aber ändert sich nichts am Megatrend: Selbst mit einer Geburtenziffer von 1,5 oder 1,6 wird der Anteil der älteren Menschen in den nächsten Jahrzehnten stark zunehmen. Heute sind von 100 Personen 32 Senioren – 2060 aber werden es doppelt so viele sein, wie die Bundesstatistiker in neuen Prognosen voraussagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2010, 23:24 Uhr

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