«Mehr Fleisch heisst mehr Ställe»

Der oberste Landschaftsschützer der Schweiz unterstützt den neuen Verfassungsartikel zur Ernährungssicherheit. Er will die Bauern aber stärker in die Pflicht nehmen.

Das Ziel ist eine effiziente Produktion: Kühe auf einer Weide im Zürcher Oberland. Foto: Urs Jaudas

Das Ziel ist eine effiziente Produktion: Kühe auf einer Weide im Zürcher Oberland. Foto: Urs Jaudas

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Bauernverbandspräsident Markus Ritter warnte kürzlich, das Mittelland werde in 200 Jahren überbaut sein. Teilen Sie die Sorge?
Ganz klar.

Er warb für den Verfassungsartikel zur Ernährungssicherheit, der den Kulturlandschutz verankern soll. Bringt das etwas?
Nach meinem Verständnis muss umgesetzt werden, was in der Verfassung steht. Wir befürworten den Artikel, weil der Kulturlandschutz ernst genommen werden muss.

Kulturlandschutz ist für Sie aber nicht dasselbe wie für die Bauern.
Es gibt durchaus gemeinsame Ziele. Viel Kulturland geht an Bauzonen und Infrastruktur verloren. Die Diskussion, wie viele Strassen und Eisenbahnlinien das Land eigentlich verträgt, hat man bisher nie geführt. Tatsächlich trägt die Landwirtschaft ausserhalb der Bauzonen aber zu einem grossen Teil zur Versieglung des Kulturlandes bei. Die Bauern haben in den letzten Jahren derart viele Geflügelmasthallen und Gewächshäuser gebaut, dass sie nun auch in die Pflicht genommen werden müssen.

Wird das dem Bundesrat gelingen? Er will das Bauen in den Landwirtschaftszonen neu regeln.
Der Entwurf des Bundesrats verlangt immerhin, dass Speziallandwirtschaftszonen, in denen grosse Masthallen und Gewächshäuser zulässig sind, das Kulturland nicht zerstückeln dürfen. Auch ist die Beseitigungsauflage für Neubauten zu begrüssen. Das Bauen in den Landwirtschaftszonen muss aber grundsätzlich neu geregelt werden.

Wie denn?
Die Landwirtschaftszonen brauchen mehr Planungsqualität. Für die Bauzonen haben wir heute detailliert fest­gelegt, wo was gebaut werden darf. Für die Landwirtschaftszonen fehlt es aber an ortsangepassten Regelungen. In Appenzell etwa bestehen viele kleine, über die Landschaft verstreute Höfe. In dieser Landschaft haben grosse Masthallen einfach keinen Platz. Und im Mittelland muss es ausserhalb der Siedlungsgrenzen Zonen geben, in denen aufgrund des Ortsbildschutzes gar keine landwirtschaftlichen Hochbauten erlaubt sind.

Ein Bauer muss aber dort bauen können, wo er Land besitzt.
Das stimmt so nicht. Ein Bauer kann immer auch Land abtauschen. Dafür gibt es das Instrument der landwirtschaftlichen Planung, das derzeit etwa im solothurnischen Gäu angewendet wird im Zusammenhang mit dem Ausbau der Autobahn A 1 auf sechs Spuren. Wir sind der Meinung, dass mit diesem Instrument auf relativ schlanke Weise die besten Standorte für Aussiedlungshöfe oder Masthallen festgelegt werden können.

Die Ernährungssicherheitsartikel sieht eine Stärkung der inländischen Produktion vor. Das bedeutet mehr Ställe und mehr Gewächshäuser.
Wir befinden uns an der oberen Grenze dessen, was die Schweizer Landwirtschaft sinnvollerweise erzeugen kann. Mehr Fleisch zu produzieren, hiesse in der Tat, mehr Ställe zu bauen und mehr Futtermittel zu importieren. Dabei leisten wir uns für die Fütterung unserer Tiere bereits jetzt eine Ackerfläche im Ausland, die gleich gross wie jene in der Schweiz ist. Das böse Ausland soll dann aber ja nicht seine Tomaten liefern, so die widersprüchliche Haltung der Bauern. Entscheidend ist für uns, dass der Artikel eine standortangepasste und ressourceneffiziente Produktion vorsieht.

Wie könnte eine solche aussehen?
Wir fordern eine regionalisierte Agrarpolitik. Nicht jeder Bauer muss dieselben Leistungen erbringen. Während in einigen Gegenden sinnvollerweise die Produktion im Vordergrund steht – mit der nötigen Pestizid- und Nitrat­reduktion allerdings –, ist in anderen die Landschaftspflege wichtiger. Mit dem 2350 Hektaren grossen Parco del Piano di Magadino zeigt eine Tessiner Planung vorbildlich auf, wie ein Nebeneinander von intensiver Landwirtschaft, Erholungsnutzung, Biodiversität und Ressourcenschonung erreicht werden kann.

Der Bau von Gewächshäusern für Tomaten könnte verhindert werden, indem die Zölle gestrichen würden.
Eine importierte Tomate weist im Winter tatsächlich eine bessere Ökobilanz auf, wobei diese noch nicht einmal Aspekte des Landschaftsschutzes berücksichtigt. Aus Sicht von Landschafts- und Umweltschutz ist aber weder eine komplette Abschottung noch eine vollständige Öffnung des Agrarmarkts sinnvoll. Was es neben einer regionalisierten Agrarpolitik braucht, sind realistischere Erwartungen von Detailhandel und Konsumenten und mehr Mitsprache der Bauern entlang der Handelskette.

Haben Sie für die Unterstützung des Verfassungsartikels ein Zugeständnis der Bauern erhalten?
Der Bauernverband hat uns im Zusammenhang mit der Ernährungssicherheitsinitiative schriftlich zugesichert, sich nicht für eine Kürzung der Landschaftsqualitätsbeiträge an Bauern einzusetzen. Diese Zusicherung gilt aus unserer Sicht auch nach Rückzug der Initiative. Im Juni haben die meisten Bauernvertreter im Nationalrat aber einer Motion zugestimmt, die die Landschaftsqualitätsbeiträge zugunsten der Produktionssubventionen kürzen will. Markus Ritter hat sich in der Abstimmung zwar enthalten. Wir stellen aber fest: Der Bauernverband hält nicht Wort.

Die Bauern sind nicht die Einzigen, die ausserhalb der ­Bauzonen bauen. In den Berggebieten liegen Hängebrücken im Trend. Ein Ärgernis?
Diese Brücken werden oft nur der Aufmerksamkeit wegen gebaut. Ich kenne manche, die kaum benutzt werden. Angesichts des Klimawandels muss man sich auch fragen, ob sie das nächste Jahrzehnt überleben. Es gibt aber solche, die einen nachvollziehbaren Zweck erfüllen, so jene auf dem Weg zur Trifthütte, die sonst nicht mehr erschlossen wäre.

Sie haben das neue Energiegesetz unterstützt, obwohl dieses die Windkraft fördern will. Gegen wie viele Projekte kämpfen Sie derzeit?
Wir sind mit Einsprachen gegen sechs Projekte engagiert. Bei sehr viel mehr Projekten können wir oft bereits in der Planungsphase konstruktiv mitwirken. Kommen solche nicht zustande, liegt dies meist an der betroffenen Bevölkerung. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass in der Schweiz 150 bis 200 Projekte möglich sind, ohne Schutzgebiete oder wertvolle Landschaften zu opfern. Wir haben aber immer gesagt, dass die Ziele des Bundes nur erfüllbar sind, wenn wir die Windstromimporte einrechnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 18:57 Uhr

Raimund Rodewald


Der promovierte Biologe leitet seit 1992 die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz.

Wacklige Allianz

Konkrete Vorhaben umstritten

In seltener Einigkeit befürworten Politiker von links bis rechts den neuen Verfassungsartikel über die Ernährungssicherheit, der am 24. September zur Abstimmung kommt. Unterstützt wird der Gegenvorschlag zur Ernährungssicherheitsinitiative des Bauernverbands auch von der Agrarallianz, in der sich Landwirtschaftsorganisationen wie IP Suisse und Bio Suisse sowie Umweltschutzorganisationen wie Pro Natura, WWF und die Stiftung Landschaftsschutz zusammen­geschlossen haben. Bei konkreten Vorhaben gehen die Ziele von Parteien und Verbänden aber weit auseinander, so auch bei der Revision des Raumplanungsgesetzes, zu der sich derzeit neue Vorschläge des Bundesrats in der Vernehmlassung befinden. Keine Einigkeit besteht auch bei den Landschaftsqualitätsbeiträgen, für deren Kürzung sich der Nationalrat im Juni mit 93 zu 89 Stimmen ausgesprochen hat. Zum Vorwurf, der Bauernverband habe bei den Landschaftsqualitätsbeiträgen sein Wort gebrochen, schreibt Präsident Markus Ritter auf Anfrage, dieser habe keine Empfehlung abgegeben, den Vorstoss zu unterstützen. Es sei noch verfrüht, die Weichen in die eine oder andere Richtung zu stellen, äussert sich Ritter unter Verweis auf eine geplante Analyse des Bundes zur Wirkung der Projekte. (mw)

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