Mehr Mut zum Wettbewerb

Unser Bildungssystem hat in der Mädchen- und Frauenförderung einen blinden Fleck. Nun sind die Pädagogen ­gefordert.

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Manchmal fördert Forschung unangenehme Zusammenhänge zutage. Dieser gehört mit Sicherheit dazu: Mädchen suchen den Wettbewerb weniger offensiv als Knaben. Darum fehlen Frauen später in gut bezahlten Berufen und auf der Führungsetage. Es kommt noch schlimmer: Je talentierter, desto deutlicher ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern, zeigt eine aktuelle Schweizer Forschungsarbeit. Knaben mit ­guten Noten wollen es erst recht wissen, während Mädchen mit guten Noten sogar weniger risikofreudig sind als weniger begabte. Schweizer Schülerinnen und Schüler verhalten sich da nicht anders als deutsche.

Das ist brisant in Zeiten, in denen Lohnanalysen und Geschlechterquoten politisch mehrheitsfähig geworden sind. Denn Frauen hätten es gemäss diesem kontroversen Beitrag aus der Forschung quasi selber in der Hand, ihr Los zu verbessern.

In der emotionalen Debatte um Geschlechtergerechtigkeit wäre nun der Weg zur Häme kurz. Das wäre billig und der Nachgeschmack schal. Das Pro­blem hat zu viele Facetten. Geschlechterrollen ändern sich langsam. Daraus ergeben sich jedoch mittlerweile handfeste Nachteile für unsere Gesellschaft. Der Wirtschaft fehlen zum Beispiel ganz besonders im naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich Fachkräfte, wie der gestern publizierte nationale Bildungsbericht anmahnt. 2015 kam in der Schweiz auf ­vier Hochschulabschlüsse von Männern im Bereich ­Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik nur einer von Frauen. Dieses Phänomen ist zwar international zu beobachten. Doch gibt es ­dabei Unterschiede. Russland hat beispielsweise deutlich mehr Topmathematikerinnen, und in China schaffen es selbst in Männerdomänen mehr Frauen in Kader­funktionen.

Unser hochgelobtes Bildungssystem hat jedenfalls in der Mädchen- und Frauenförderung einen blinden Fleck. Es ist suboptimal, wenn Mädchen ihre Chancen nicht nutzen. Unsere Pädagogen sind also ­gefordert. Etwas allerdings kann den Mädchen auch die beste Lehrerin nicht abnehmen: Auf den Wett­bewerb muss sich jedes selber einlassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2018, 22:39 Uhr

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