Mehr Versicherungsbetrüger entlarvt

Die Basler Versicherung ermittelt mit einem neunköpfigen Team gegen Kunden, die missbräuchlich Leistungen geltend machen. Ein Ermittler gewährt Einblicke in einen Paradefall jahrelangen Rentenbetrugs.

Ertappt: Der angeblich zu 100 Prozent arbeitsunfähige Rentenbezüger H. E. konnte durch Observation regelmässig bei schwerer Arbeit beobachtet und schliesslich überführt werden. Hierbei handelt es sich um ein Standbild eines Observationsvideos.

Ertappt: Der angeblich zu 100 Prozent arbeitsunfähige Rentenbezüger H. E. konnte durch Observation regelmässig bei schwerer Arbeit beobachtet und schliesslich überführt werden. Hierbei handelt es sich um ein Standbild eines Observationsvideos. Bild: zVg Basler Versicherung

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Zur Deckung von Schadenfällen im sogenannten Nicht-Leben-Bereich fliessen in der Schweiz jährlich rund 16 Milliarden Franken von den Versicherungen an die Kundschaft – der Löwenanteil davon sind Entschädigungen aus den Kranken- und Motorfahrzeugversicherungen. «In der Versicherungswirtschaft gehen wir davon aus, dass bis ­ zehn Prozent der gesamten Schadenssumme von Versicherungsnehmern missbräuchlich geltend gemacht werden», sagt Sacha Truffer von der Basler Versicherung. Zu den klassischen Bereichen, in denen viel Schindluderei betrieben wird, zählen fingierte Verkehrsunfälle, Diebstahl von Hausrat, Fahrzeugen und sonstigen Mobilien sowie Brandfälle.

Dabei kann es im Einzelfall um Summen zwischen wenigen Hundert bis Millionen von Franken gehen. Solch hohe Summen treten insbesondere im seit einigen Jahren zunehmend betroffenen Versicherungsbereich Leben auf: jahrelange Fälle von missbräuchlichen Personenschäden. Aus eigener Erfahrung berichtet die Basler Versicherung, dass die Anzahl der aufgedeckten Versuche, sich Invalidenrenten zu erschleichen, gestiegen sei.

Spürnasen mit Gefühl

Um dem Versicherungsmissbrauch entgegenzuwirken, arbeiten bei der Baloise acht Spezialisten als Versicherungsermittler. In der schweizerischen Öffentlichkeit wird dies auch überwiegend befürwortet.

Nebst der juristischen Bekämpfung der unterschiedlich ausgeprägten kriminellen Energie hinter Missbrauchsversuchen, die vielfach strafrechtlich relevant ist, sei die Arbeit für die Versicherungsmitarbeiter auch eine emotionale Angelegenheit. «Niemand wird gerne übers Ohr gehauen», verdeutlicht Sacha Truffer. Ein gewisses Mass an Genugtuung können er und seine Mitarbeiter nicht verhehlen, ist es ihnen doch wieder gelungen, eine Person zu entlarven, die versuchte, die Versicherung und damit alle korrekt handelnden Versicherten über den Tisch zu ziehen.

Der 41-Jährige leitet bei der Basler Versicherung die Fachstelle zur Bekämpfung von Versicherungsmissbrauch (BVM). Seine achtköpfige Abteilung wird bei Bedarf von Sachbearbeitern der diversen Schadenabteilungen intern hinzugezogen. Sieben dieser acht Abteilungsmitarbeiter unternahmen den ersten Teil ihrer Karriere bei der Polizei: als Ermittler bei der Kriminalpolizei. Auch Truffer hat eine Vergangenheit bei den Justizbehörden. Vor seiner Zeit bei der Baloise war der Jurist unter anderem beim Baselbieter Untersuchungsrichteramt in der Abteilung Wirtschaftskriminalität tätig.

Deeskalation entscheidend

«Ehemalige Kriminalpolizisten sind für die Bedürfnisse einer Versicherung bestens geeignet», sagt Truffer. Nebst dem ausgebildeten Spürsinn verfügen die Kandidaten über die entscheidenden Fähigkeiten der Befragungstaktik. Dazu gehört etwa, mit der ablehnenden Haltung der unter Verdacht stehenden Personen umgehen zu können und sie nach erfolgter Befragung auch mit den unangenehmen Tatsachen zu konfrontieren.

Deeskalation ist dabei entscheidend: «Es kann schon mal um ganze Existenzen gehen», gibt BVM-Teammitglied Thomas G.* zu bedenken und erinnert sich an den Fall H. E.*: Ein mittlerweile gegen vierzigjähriger Schweizer bezog über neun Jahre missbräuchlich eine 100-Prozent-Rente aus der beruflichen Vorsorge seines ehemaligen Arbeitgebers. Die bei der Baloise versicherte Baufirma beschäftigte den Mann als Akkordmaurer. Nach lediglich zwei Wochen machte dieser geltend, es gehe nichts mehr.

Starke Schmerzen vorgetäuscht

Er könne nicht mehr arbeiten, da er unter dem Chronic-Fatigue-Syndrom leide, also unter krankhafter, chronischer Müdigkeit, von der man sich auch durch Ausruhen kaum befreien kann. Erschwerend, so gab er an, leide er zudem unter starken Schmerzen im Rücken sowie in sämtlichen Gelenken, die eine weitere Arbeit verunmögliche – das trug sich im Jahr 2002 zu.

2009 machte H. E.* einen entscheidenden Fehler: Er gründete eine Firma. Davon hellhörig geworden, zog der Sachbearbeiter das BVM-Team hinzu. So kam es kurz darauf zur ersten Befragung durch Thomas G. Während des rund eineinhalbstündigen Treffens beteuerte H. E., er könne weder zu Hause noch irgendwo sonst arbeiten – er sei immer so müde und habe Schmerzen. Eine Glühbirne wechseln oder den Rasen mähen sei die maximale Belastung, die er prestieren könne.

Die Aussagen passten für Thomas G. jedoch überhaupt nicht ins Bild: «Der Mann sah auffallend kräftig aus.» Auch der in Unterhalt wie Betrieb sehr teure Dodge Ram vor E.s schön gelegenem Einfamilienhaus, ein für die hiesigen Verhältnisse riesiger amerikanischer Pick-up-Truck, war G. aufgefallen.

Verdächtiger Querulant

Hinzu kam auch ein medizinisches Gutachten über E., in dem sich die Ärzteschaft den vorgebrachten Gesundheitszustand nicht richtig erklären konnte, sowie Berichte über E.s querulierendes Verhalten während einer nächtlichen Untersuchung in einem Schlaflabor. «Für uns war klar: Den stellen wir unter Beobachtung», sagt G.

Und siehe da: Der beauftragte Observant, ein von der Baloise beauftragter Privatdetektiv, konnte E. filmen, wie er um 5 Uhr in der Früh sein Haus verliess und in das Auto stieg. Sein Zwischenziel sei das Heim eines anderen Mannes gewesen, mit dem er zusammen auf eine Baustelle fuhr. Das alleine hätte bereits erheblichen Erklärungsbedarf aufgeworfen. Doch E. war auf dieser Baustelle während des ganzen Tags acht Stunden mit schweren Arbeiten beschäftigt, die er auch mit dem ihm eigenen Engagement erledigte. So trug er beispielsweise schwere Betonplatten vom Anhänger auf das aufgestellte Baugerüst oder stampfte mit schwerem Gerät eine frische Betonschicht an. Kurz: Er verrichtete uneingeschränkt schwere Bauarbeiten.

Mit dem einschlägigen Belastungsmaterial – von den BVM-Leuten als Observationsmaterial erster Güte bezeichnet – war der Anfang vom Ende des erschlichenen Rentensegens eingeläutet. Ein knappes halbes Jahr nach dem ersten Gespräch vereinbarte G. erneut einen Besprechungstermin mit dem Mann. «Bei der zweiten Befragung geht es jeweils darum, die Aussagen vom ersten Mal mit den neu gewonnenen Erkenntnissen zu verifizieren», erklärt G. Dabei hat der Versicherungsnehmer die letzte Möglichkeit, von sich aus die Wahrheit zu sagen. Es kann ja auch sein, dass die unter erdrückendem Verdacht stehende Person von einer substanziellen Verbesserung ihrer Gesundheit erzählt.

Der Moment der Wahrheit

«In diesem Fall aber blieb H. E. seiner ersten Darstellung zu 100 Prozent treu», sagt G. «Das hat mich schon enttäuscht. Er hat sich noch viel mehr reingeritten.» Somit war die grosse kriminelle Energie hinter dem Missbrauch zweifelsohne festgestellt. Anschliessend an die Befragung folgte noch vor Ort der «Moment der Wahrheit»: die Konfrontation. Auch hierin ist der ehemalige Polizist und Versicherungsermittler erfahren. Innert weniger Momente fiel H. E.s auf Lug und Trug gebaute Existenz in sich zusammen.

«Am liebsten haben wir klare Fälle – egal, ob in be- und entlastender Hinsicht», sagt Truffer. Und dieser Fall habe quasi Lehrbuchcharakter. Weil hier die kriminelle Energie beträchtlich war, folgte neben des Strafverfahrens wegen des Offizialdelikts Betrug auch ein von der Basler Versicherung geltend gemachter Schadenersatz für die über Jahre hinweg missbräuchlich bezogene Rente von H. E.

Für die Baloise ist der Fall abgeschlossen, neun Monate nach dem aufgetauchten Verdacht. Bei den Behörden ist der Fall aber nach wie vor hängig. Nach über zwei Jahren seien laut Truffer die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zwar abgeschlossen, aber man warte noch immer auf die Ansetzung eines Gerichtstermins. Für alle Beteiligten wäre es wohl wünschenswert, die Akten endlich schliessen zu können.

* Namen der Redaktion bekannt

Erstellt: 16.02.2013, 08:41 Uhr

Umfrage

Die Basler Versicherung zeigt, wie ihre Fachstelle zur Bekämpfung von Missbrauch in einem krassen Fall vorgeht. Haben Sie schon eine Ver­sicherung beschwindelt?

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Abklärungen begrüsst

Die jüngste Meinungsforschung dazu, eine Studie von Demoscope aus dem Jahr 2009, zeigt: 96 Prozent der befragten Personen begrüssen Abklärungen bei Betrugsverdacht. Und drei Viertel der Befragten erkennen, dass überhöhte oder falsche Forderungen an die Versicherungen primär der Gesamtheit der Versicherten schaden.

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