Meldungen über Gewalt an alten Menschen nehmen zu

2010 wurden der Beschwerdestelle für das Alter über 100 Fälle physischer und psychischer Gewalt gegenüber pflegebedürftigen Betagten gemeldet.

Die meisten Fälle psychischer und physischer Gewalt an Betagten wurden aus Heimen gemeldet.

Die meisten Fälle psychischer und physischer Gewalt an Betagten wurden aus Heimen gemeldet.

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An die Öffentlichkeit gelangen meist nur die schlimmsten Übergriffe und Gewalttaten an Pflegebedürftigen. Für Schlagzeilen sorgte 2009 die entwürdigende Behandlung von Demenzkranken durch Pflegerinnen im Zürcher Pflegezentrum Entlisberg. Im Oktober 2010 schockierte die Tat eines 64-Jährigen aus Rupperswil AG, der offenbar von der Pflege seiner dementen Frau überfordert war und die 73-Jährige erdrosselte. Solche krassen Fälle sind in der Schweiz die Ausnahme. Allerdings zeigen Zahlen der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA), dass weniger schwere Formen der Gewalt gegenüber alten Menschen alltäglich sind. 2010 wurden der UBA 317 Fälle gemeldet, die eine Intervention bei Pflegeinstitutionen, Behörden oder Privatpersonen erforderten.

Meldungen über körperliche Misshandlungen gingen 56 ein: 29 Übergriffe geschahen in Alters- und Pflegeheimen, 27 im privaten Bereich. Unter den 56 Fällen sind laut UBA-Geschäftsleiter Bertino Somaini solche, in denen Anzeige erstattet wurde. Meldungen über psychische Gewalt gingen 61 ein, der überwiegende Teil (52) betraf Heime. Ein Fünftel der Beschwerdeführer meldete Grundrechtsverletzungen: Alte Menschen wurden in Heimen gegen ihren Willen oder ohne das Einverständnis der Angehörigen angebunden. In anderen Fällen wurden Pflegebedürftige von Angehörigen zu Hause isoliert, indem ihnen jeglicher Besuch verweigert wurde.

Nimmt die Gewalt zu?

Bei knapp der Hälfte der Fälle ging es allerdings um «finanzielle Gewalt». «Es handelte sich um Aktionen zum Nachteil der Betroffenen», sagt Somaini. Unter «finanzieller Gewalt» laufen etwa Vermögenshinterziehung oder Fälle, in denen sich Angehörige und Betagte nicht gegen überhöhte Rechnungen der Pflegeinstitutionen wehren konnten.

«Immer häufiger werden ältere Mitmenschen Opfer von Gewaltanwendungen», kommentiert die UBA die Zahlen. Somaini räumt jedoch ein, dass aus der steigenden Zahl der Meldungen noch keine Zunahme der Gewalt abgeleitet werden kann. Der Anstieg sei auch auf die zunehmende Sensibilisierung der Öffentlichkeit zurückzuführen. Die UBA-Statistik umfasst vorläufig nur einen Teil der Deutschschweiz: die Region Zürich-Schaffhausen, die Zentral- und die Ostschweiz. Eine gewisse Entwicklung zeigt die Statistik der Regionalstelle Zürich-Schaffhausen. Bis 2004 gingen dort pro Jahr rund 100 Fälle ein.

Danach stieg die Zahl kontinuierlich bis auf 200 im 2010. Ziel der UBA ist es, in allen Kantonen Meldestellen zu errichten. So gibt es im Kanton Bern eine Ombudsstelle für den Heimbereich, es fehlt jedoch eine Stelle für Privatpflege. In der Westschweiz existiert eine Beschwerdestelle, die Zahlen fliessen aber noch nicht in eine gesamtschweizerische Statistik ein. Die UBA wird getragen von Pro Senectute, dem Heimverband Curaviva, Spitex und dem Schweizerischen Roten Kreuz.

Spardruck verschärft die Lage

Der Schweizer Berufsverband des Pflegepersonals (SBK) begrüsst die Arbeit der Beschwerdestellen, die zur Sensibilisierung beitrage. SBK-Geschäftsführerin Elsbeth Wandeler warnt jedoch davor, Gewalt gegen Betagte als neues Phänomen zu sehen. «Das gab es schon immer, und es ist schwer zu sagen, ob solche Gewalt zugenommen hat.» Allerdings rechnet Wandeler damit, dass die steigende Zahl Demenzkranker aufgrund der Alterung der Bevölkerung und der Spardruck in der Pflege die Situation verschärfen wird.

Das effektive Ausmass der Misshandlungen dürfte schon heute grösser sein, als es die UBA-Zahlen zeigen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass 3 bis 5 Prozent der über 64-Jährigen Gewalt erfahren. Die Dunkelziffer dürfte im Privatbereich weit höher sein als in Pflegeinstitutionen. In der Schweiz seien Heime durch Fälle wie im Pflegezentrum Entlisberg sensibilisiert, sagt Wandeler. «Im Heimbereich existiert zudem eine gewisse soziale Kontrolle, die es im häuslichen Bereich viel weniger gibt.» Dies dürfte der Grund sein, warum zwei Drittel der gemeldeten Fälle Heime betreffen. Deren Verband begrüsst die Beschwerdestellen ebenfalls und weist darauf hin, dass 10 Prozent der Meldungen von Pflegeinstitutionen selbst kamen.

Elsbeth Wandeler sieht die Gewalt gegenüber Betagten als Ausdruck fehlender Wertschätzung alter Menschen in der Gesellschaft. Zudem sei die Alterspflege sehr anspruchsvoll. «Pflegende sind immer wieder mit aggressiven und ungeduldigen Patienten konfrontiert.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2011, 23:15 Uhr

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