Millionen für Schweizer Soldaten – und saubere Wäsche dazu

Die Stiftung Schweizerische Nationalspende unterstützt Armeeangehörige seit hundert Jahren – nicht nur finanziell.

Eine Mitarbeiterin der Schweizerischen Nationalspende bedient in einer Militärkantine Soldaten. Foto: Nationalspende

Eine Mitarbeiterin der Schweizerischen Nationalspende bedient in einer Militärkantine Soldaten. Foto: Nationalspende

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Es war eine andere Zeit. Vor über hundert Jahren tobte in Europa der Erste Weltkrieg. Den Schweizer Soldaten, die Aktivdienst zu leisten hatten, ging es zweifellos besser als jenen, die in den Schützengräben weiter nördlich litten und starben.

Und trotzdem gerieten viele Schweizer Soldaten damals in finanzielle Not, denn sozial sichergestellt waren die Armeeangehörigen nicht. Einen Schutz vor Erwerbsausfall, wie er heute mit der Erwerbsersatzordnung besteht, gab es damals nicht.

Noch vor Ende des Ersten Weltkriegs sammelte die Armee acht Millionen Schweizer Franken, eine Riesensumme, die im Januar 1919 in eine bleibende Stiftung einfloss. Die Stiftung besteht bis heute, sie weist ein Vermögen von 67 Millionen Franken auf und gibt jährlich eine Million für individuelle Direktunterstützung aus – nach wie vor an Armeeangehörige und deren Familien.

Geld für Beisetzung

Das erstaunt auf den ersten Blick – denn die Sozialhilfe ist heute ausgebaut und somit ungleich besser als während und nach dem Ersten Weltkrieg. Werner Merk, der Stiftungsratspräsident, sagt, die Schweizerische Nationalspende (SNS) übernehme heute nur Unterstützungsaufgaben, die nicht von Gesetzes wegen vom Bund, den Kantonen oder von den Gemeinden zu erfüllen sind.

«Wenn Wehrpflichtige Unfälle erleiden und sie oder ihre Familien in Notlagen geraten, stehen wir gerne zur Seite.»Werner Merk, Stiftungspräsident

«Solange es eine Schweizer Milizarmee gibt, braucht es uns», sagt Merk, Milizoberst und ehemaliger Banker bei der Grossbank Credit Suisse. «Wenn Wehrpflichtige Unfälle erleiden und sie oder ihre Familien in Notlagen geraten, stehen wir gerne zur Seite», sagt er. Man habe auch schon geholfen, als Familien eine Beisetzung nicht finanzieren konnten.

Hilfskraft für den Bauernhof

Merk schildert die für heute beispielhaften Fälle eines Berner und eines Waadtländer Rekruten. Rekrut Daniel Oberholzer (Name geändert) kommt aus dem Berner Oberland und musste mit 20 Jahren den Bauernhof übernehmen, als sein Vater schwer verunfallte. Der Druck zu Hause und die Verantwortung für den Hof machten ihm das Leben schwer, als er in die Rekrutenschule einrücken musste, die er zuvor zwei Mal verschoben hatte. Seine Arbeitskraft schien auf dem heimischen Hof unersetzbar.

In der Rekrutenschule wandte er sich an den Sozialdienst der Armee. Er konnte dank Beratung und finanzieller Mittel aus der Stiftung Nationalspende während der Zeit in der RS finanzielle Zusatzleistungen beantragen. Damit konnte Oberholzer die Lohnkosten für einen Betriebshelfer übernehmen, der ihm vom regionalen Bauernverband während der Abwesenheit vermittelt wurde.

Mittagessen in einem gestifteten Soldatenhaus. Foto: Nationalspende

Seit der Primarschule litt der Jungbauer zudem an einer Lese- und Schreibschwäche, was im Fachunterricht und bei Prüfungen in der Armee unübersehbar war. Die administrativen Aufgaben auf dem Hof konnte er dadurch auch nicht selbstständig erledigen. Auch hier half der Sozialdienst der Armee, der von der SNS mitgetragen wird. Lese- und Schreibkurse in der Armee konnte Oberholzer während der RS besuchen. Die Lektionen fanden in einer anderen Kaserne statt, so bekamen die anderen Rekruten nichts davon mit. Und durch Vermittlung des Sozialdienstes erhielt Oberholzer auch Unterwäsche, Socken und Turnhosen – denn er hatte auch Kleider nötig.

Weg aus der Schuldenfalle

Ein anderer typischer Fall, bei dem die SNS einspringt, liefert Marc Favre. Der Westschweizer hatte vor der RS keinen festen Job und arbeitete temporär auf Baustellen. Mit den gut 4000 Franken, die er monatlich so nach Hause brachte, unterstütze er seinen arbeitslosen Vater und drei Geschwister, die noch zur Schule gingen. In die Armee rückte Favre zudem mit einem grossen Rucksack an Schulden ein. Die SNS hat die unbezahlten Rechnungen nicht übernommen, doch der Sozialdienst der Armee bot eine konkrete Finanzberatung an. Diese erlaubte es Favre, die Übersicht über seine finanzielle Situation zu gewinnen und aus der Schuldenfalle zu finden.

Stiftungspräsident Merk spürt in seiner Tätigkeit, dass heute Banken und Grosskonzerne weniger bereit sind als früher, Militärmuseen, Waffenläufe oder Militärspiele finanziell zu unterstützen. «Solche Gesuche landen heute vermehrt bei uns», sagt er und fragt: «Oder können Sie mir sagen, wer sonst heute noch eine Soldatenwäscherei finanzieren möchte?» Wohl niemand.

Steigende Nachfrage in der Soldatenwäscherei. Foto: Herbert Zimmermann

Eine Soldatenwäscherei finanziert die Stiftung Nationalspende bis heute – so wie zur Anfangszeit vor hundert Jahren. Dort stellen die Verantwortlichen seit einigen Jahren eine stark steigende Nachfrage fest. Wurden 2004 noch wenige Hundert Wäschesäcke verarbeitet, waren es 2017 gegen 13000 und damit bis zu hundert pro Tag. Die Kosten trägt die Schweizerischen Nationalspende zu hundert Prozent.

Erstellt: 16.10.2019, 11:31 Uhr

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