Hintergrund

Mindestlöhne sind im Tessin tiefer – und gelten später

Um Mindestlöhne in der Maschinen- und Metallindustrie einzuführen, machten die Gewerkschaften in der Südschweiz erhebliche Zugeständnisse. Ob das vereinbarte Lohnniveau erreicht wird, ist fraglich.

In der Tessiner Maschinen- und Metallindustrie verdient jeder fünfte Angestellte weniger als 3000 Franken: Graphitofen der Firma Timcal in Bodio.

In der Tessiner Maschinen- und Metallindustrie verdient jeder fünfte Angestellte weniger als 3000 Franken: Graphitofen der Firma Timcal in Bodio. Bild: Carlo Reguzzi (Ti-Press)

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3300 Franken mal 13. Diesen Mindestlohn sieht der neue Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Maschinen- und Metallindustrie für Ungelernte im Tessin vor. Das bringe den Angestellten im Tessin Lohnerhöhungen von 100 bis 700 Franken pro Monat, teilte die Unia nach dem Abschluss der GAV-Verhandlungen mit. Was die Gewerkschaft nicht schrieb: Die 23 Tessiner Arbeitgeber, die dem GAV unterstehen, haben fünf Jahre Zeit, die Mindestlöhne einzuführen. Weil der neue GAV auf fünf Jahre befristet ist, ist damit nicht garantiert, dass das vereinbarte Lohnniveau überhaupt erreicht wird.

Von solchen Szenarien will der Berner SP-Nationalrat Corrado Pardini, bei der Unia für den Sektor Industrie zuständig, nichts wissen. Entscheidend sei, dass die Maschinen- und Metallbauer nach 75 Jahren GAV erstmals überhaupt Mindestlöhne hätten. Im Tessin werde man nun mit jeder Firma den Dialog suchen, um die Löhne Schritt für Schritt zu erhöhen. Für die Angestellten der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) im Tessin und im Jurabogen liegt der neu vereinbarte Mindestlohn unter jenen 4000 Franken, welche die Unia mit ihrer Volksinitiative für alle fordert. Insgesamt 6 Prozent aller vom GAV erfassten Beschäftigten bleiben laut Unia unter dieser Marke.

«Als Gewerkschafter muss ich die reale ökonomische Situation berücksichtigen», sagt Pardini dazu. Für die Südschweiz heisst dies: Die Löhne sind tiefer als im Rest der Schweiz. Das Tessin sei «Teil eines in sich geschlossenen Wirtschaftsraumes», sagt Hans Hess, der Präsident der Branchenorganisation Swissmem. Der Mindestlohn in der nahen Lombardei liege in der Industrie unter 1600 Franken. «Deshalb ist das gesamte Lohngefüge in der Region tiefer.»

Zürcher Löhne deutlich höher

Ein Blick auf die Statistik bestätigt den Befund: Der Medianlohn aller Branchen und Beschäftigten lag 2010 im Tessin bei 5076 Franken, so tief wie in keiner anderen Region der Schweiz. Dieser Mittelwert steht für jene Zahl, bei der die eine Hälfte der Beschäftigten weniger und die andere Hälfte mehr bezieht. In Zürich betrug der Medianlohn im gleichen Jahr 6349 Franken, im Espace Mittelland 5890. In der Kategorie «Einfache und repetitive Tätigkeiten» lag der Tessiner Medianlohn mit 3948 Franken gar unter den in der Mindestlohninitiative geforderten 4000 Franken.

Laut Tieflohnbericht des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes gab es 2010 im Tessin 31'100 Angestellte mit einem Bruttolohn von unter 4000 Franken. Umgerechnet auf alle Beschäftigten ergibt dies einen Anteil von fast 18 Prozent, höher als in allen anderen Regionen. In der Tessiner MEM-Branche verdiene heute fast jeder fünfte Angestellte weniger als 3000 Franken, teilte die Unia mit. In einem sogenannten Normalarbeitsvertrag für die Branche will die Tessiner Kantonsregierung neu Mindestlöhne von 3000 Franken festschreiben.

Noch tiefere Saläre im Tessin

Ein Rekurs des Tessiner Industrievereins dagegen ist allerdings vor Bundesgericht hängig. Soeben hat der Staatsrat einen solchen Normalarbeitsvertrag fürs Reinigungsgewerbe in Kraft gesetzt. Er ist für Firmen mit mehr als sechs Angestellten allgemein verbindlich und erfasst 2100 von 2500 Beschäftigten. Die Mindestlöhne belaufen sich je nach Qualifikation auf 15.30 bis 21.90 Franken pro Stunde, allesamt unter den Anforderungen der Mindestlohninitiative. Der tiefste Ansatz entspricht einem Monatslohn von unter 3000 Franken.

Vom Tieflohnkanton Tessin profitiert auch die Swatch-Gruppe, die nicht zur MEM-Branche gehört und daher dem neuen GAV nicht untersteht. Sie zahlt in der Tessiner Niederlassung Mindestlöhne von 2600 Franken pro Monat. Das sei «zu wenig. Da müssen wir etwas tun», sagte Swatch-Chef Nick Hayek kürzlich in der Gewerkschaftszeitung «Work». Allerdings müsse man es auch differenziert sehen: Für einen Grenzgänger, der in Italien lebe, seien «2600 Franken schon ein sehr guter Lohn».

Und überhaupt gebe es im Tessin ja noch tiefere Saläre. Hayeks Tieflöhne missfallen auch den Gewerkschaften. Man sei miteinander im Gespräch, sagt Unia-Mann Pardini dazu. Allzu gross scheint das Pressing allerdings nicht zu sein. Im «Work»-Interview durfte Hayek 22 Fragen lang zu schweizerdeutschen Jahresberichten, zur Swissness, zu seiner Dienstzeit in der Armee und zu Ökoautos plaudern, bevor man sanft zu den Tieflöhnen überging. Streiks und Blockaden, wie sie die Unia soeben in einem Spar-Tankstellenshop in Dättwil AG mit Löhnen von 3600 Franken durchgeführt hat, seien in den Tiefstlohnwerken von Hayek nicht vorgesehen, sagt Pardini.

GAV für die halbe Branche

Pragmatischer als in Dättwil ist die Unia auch beim neuen GAV in der MEM-Branche vorgegangen, insbesondere im Tessin. Nicht nur die Mindestlöhne sind dort tiefer als im Rest der Schweiz auch die Übergangsfrist zu deren Einführung dauert zwei Jahre länger als auf der Alpennordseite. «Wir standen vor der Wahl, gewisse Firmen für den GAV zu verlieren oder sie langsam an Mindestlöhne heranzuführen», sagt Pardini.

Vertragspartner auf Arbeitgeberseite ist der Arbeitgeberverband der Maschinenindustrie (ASM). Der GAV ist daher nicht für die ganze MEM-Branche verbindlich. Bei Swissmem machen rund 1000 Firmen mit rund 180'000 Angestellten mit. Im ASM sind es 560 Firmen mit 96'000 Beschäftigten. Bei Swissmem will man nicht ausschliessen, dass einzelne Arbeitgeber den neuen GAV umgehen, indem sie den ASM verlassen. Allerdings erwartet Präsident Hans Hess «nur wenige Austritte», weil der GAV ausgewogen sei. Für Corrado Pardini wäre mit solchen Manövern die rote Linie überschritten, insbesondere im Tieflohnkanton Tessin. «Bei Austritten gehen wir zu Konfrontation und Kampfmassnahmen über», stellt er klar.

Erstellt: 24.06.2013, 06:51 Uhr

(Zum Vergrössern auf das Bild klicken) (Bild: TA-Grafik kmh/Quelle: BfS, SGB)

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