Darum stimmt der Star-Architekt für die Zersiedelungsinitiative

Den Initianten geht es um Landschaft und Natur. Mario Botta macht sich aber aus anderen Gründen für die Vorlage der Jungen Grünen stark.

«Wie kann ein so reiches Land wie die Schweiz derart hässliche, traurige Vorstädte bauen?», fragt Architekt Mario Botta. Foto: Claudio Bader

«Wie kann ein so reiches Land wie die Schweiz derart hässliche, traurige Vorstädte bauen?», fragt Architekt Mario Botta. Foto: Claudio Bader

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Architekten benötigen Bauland. Sie kämpfen für einen Stopp der Bauzonen. Warum handeln Sie gegen Ihre Interessen?
Ich glaube nicht, dass ich das tue. Das träfe höchstens dann zu, wenn man das Metier des Architekten als blosses «Bauen» versteht. Architekt sein heisst für mich: den Lebensraum gut bauen, richtig bauen.

Und was bedeutet «gut bauen»?
Weniger mit Geld und dafür mehr mit echten Werten arbeiten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich bin in einem Bauernhaus aufgewachsen. Es war ein einfaches, sehr altes Gebäude. Aber es war optimal auf den täglichen Sonnenzyklus ausgerichtet. Seine Balkone boten Schutz vor Wind, Schnee und Regen. Es ist diese Art Bauen, die mich fasziniert: Bauen im Dialog mit der Landschaft, mit der Geschichte des Ortes und mit den Jahreszeiten. Die Fähigkeit, so zu bauen, ist uns mehr und mehr abhandengekommen. Wenn ich nur schon an diese voll belüfteten und klimatisierten Bürogebäude denke: Man sperrt die Jahreszeiten aus, macht den Sommer zum Winter und umgekehrt …

Wie hilft die Zersiedelungsinitiative, den von Ihnen geschätzten Werten mehr Geltung zu verschaffen?
Für mich ist diese Initiative vor allem ein Instrument zum Schutz der Stadt. Den Initianten geht es um Landschaft und Natur. Das ist wichtig, doch mir liegt primär die Stadt am Herzen. Die Stadt – die europäische Stadt, um genau zu sein – ist die schönste, intelligenteste, flexibelste und kultivierteste aller menschlichen Gemeinschaftsformen. Ich kenne kein anderes von Menschen geschaffenes Modell, das so gut ist.

Video: Drohnenflug – hier wird die Zersiedelung der Schweiz sichtbar

Überflüssig oder überfällig? Die Zersiedelungsinitiative anhand zweier Orte erklärt. Video: Lea Koch und Adrian Panholzer

Sie sehen die Städte bedroht?
Jahrhundertelang zeichnete eine wunderbar klare Struktur die europäische Stadt aus: Sie hatte ein Zentrum, und sie hatte eine Grenze. Heute haben die religiösen und zivilen Zentren von einst ihre Bedeutung verloren. Aber vor allem haben sich die Stadtgrenzen aufgelöst. Das Ergebnis sind unsere wuchernden Vorstädte, alle von erschütternder Tristesse. Es fehlen dort Werte, die ein Recht auf Wohnen begründen. Dieser Entwicklung sollten wir Einhalt gebieten. Indem wir die Landschaft schützen, begrenzen und konsolidieren wir das Bebaute.

Wir können schwerlich wieder Stadtmauern errichten.
Das will niemand. Ich will ins Bewusstsein rufen, dass mit dem Wegfall der Stadtgrenzen Werte des Stadtlebens verloren gegangen sind. Es gilt jetzt, neue Werte zu schaffen.

Woran denken Sie da?
Für mich ist klar, dass intelligenter Städtebau in Zukunft vor allem eines bedeutet: Bauen auf dem bereits Gebauten. Das macht auch ökonomisch Sinn. Wer dort baut, wo schon gebaut ist, verfügt über Verkehrsanbindungen, Stromanschlüsse und so weiter.

Es ist möglich, dass die Mieten steigen würden.Mario Botta

Sie lieben die Städte, verabscheuen aber die Vorstädte …
Ich frage mich immer: Wie kann ein so reiches Land wie die Schweiz derart hässliche, traurige Vorstädte bauen? Nehmen Sie die Scairolo-Ebene, hier südlich von Lugano: Sie wurde unglaublich verschandelt in den letzten 30 Jahren – und dies stets in völliger Übereinstimmung mit den Gesetzen und mit stillschweigendem Konsens unserer Generation. Ist die Scairolo-Ebene wirklich das, was wir unseren Kindern als Vermächtnis hinter-lassen wollen?

Inzwischen haben wir ein besseres Raumplanungsgesetz. Es ermöglicht Rückzonungen von Bauland.
Dieses Gesetz schadet sicher nicht. Aber es genügt nicht. Man sagt, die Zersiedelungsinitiative sei radikal. Aber das hat man auch gesagt, als der Bund einst den Wald unter Schutz stellte. Einige Grundbesitzer riefenden Weltuntergang aus. Inzwischen ist der Waldschutz völlig akzeptiert.

Ihre Branchenverbände lehnen die Initiative ab.
Die guten Architekten, die ich kenne, unterstützen die Initiative. Es ist vor allem die Bau- und Investorenlobby, die uns bekämpft. Ich mache mir keine Illusionen. Das Kräfteverhältnis steht zehn zu eins gegen uns. Sie werden uns zermalmen. Es geht jetzt darum, dass wir mit dieser Initiative ein Signal aussenden. Es muss allen klar werden, dass wir ein Problem bei der Lebensqualität haben. In der Demokratie braucht es auch die Stimme der Minderheit. Angesichts unserer Umweltprobleme dürfen wir nicht kneifen, jeder ist davon betroffen.

Es ist eine interessante Tatsache, dass dort, wo das Klima härter ist, intelligenter gebaut wird.Mario Botta

Ein Problem könnten aber auch steigende Mieten werden, falls es trotzdem ein Ja gibt.
Es ist möglich, dass das geschehen würde.

Sie sehen kein Problem, wenn es für Ärmere dann eng würde?
Nein, wir müssen bloss richtig darauf reagieren. Es wird nötig sein, Wohnungsbau für weniger Begüterte zu fördern. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass Städte ein Gut sind, das etwas kostet. Sie taten dies während ihrer gesamten tausendjährigen Geschichte. Doch sie sind ein Gut und ein Recht, von dem jede und jeder profitieren kann.

Welche Schweizer Stadtschätzen Sie besonders?
Bern. Mir imponiert, wie die Geografie dort in die gebaute Stadt integriert ist. Die Altstadt ist wunderbar. Die Neustadt gefällt mir nicht, doch man hat sie in vorausschauender Weise auf Abstand zur Altstadt gehalten. Bern hat eine sehr hohe Lebensqualität.

Gibt es auch moderne Städte, die Ihnen gefallen?
Am ehesten im Norden. Ich habe sehr schöne moderne Städte in Finnland und in Holland gesehen. Dort leben möchte ich nicht. Aber es ist eine interessante Tatsache, dass dort, wo das Klima härter ist, intelligenter gebaut wird.

Politiker sind ein Menschenlag, den ich nicht verstehe.Mario Botta

Die Schweiz ist ein Einwanderungsland, bald könnten hier 10 oder 11 Millionen Menschen leben. Gibt es Platz für alle?
Nein. Das ist ein Problem. Wir stehen da ja erst am Anfang einer Entwicklung. Auf dem Kontinent Afrika tickt eine demografische Bombe.

Muss man die Einwanderung begrenzen?
Wahrscheinlich ja. Aber man muss den Menschen dort auch helfen. Ich habe letztlich keine Lösung. Schliesslich hat jeder das Recht, vor Krieg zu fliehen oder sich ein Stück Glück zu suchen. Migration hat es schon zu biblischen Zeiten gegeben, sie gehört zur Menschheitsgeschichte. Hier wären die Politiker gefordert. Leider scheint mir, dass sich mit diesen grossen Problemen eher kleine Köpfe beschäftigen, ohne globalen Blickwinkel.

Sie sind politisch sehr engagiert. Könnten Sie sich vorstellen, für ein Amt zu kandidieren?
Nein, nein. (lacht) Meine Arbeit ist mir Beruf genug. Und Politik werde ich nie begreifen. Ich kann mich in Musiker, Bildhauer und Maler hineindenken, aber Politiker: Das ist ein Menschenschlag, den ich nicht verstehe. Und ich meine das nicht despektierlich.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.01.2019, 20:53 Uhr

Berühmter Tessiner Architekt

Er ist bald 76 Jahre alt und noch immer weltweit gefragt: Der Tessiner Mario Botta gehört zu den berühmtesten Architekten der Schweiz. Botta hat Grossprojekte wie den Casino-Neubau von Campione d’Italia realisiert, doch mit besonderer Vorliebe errichtet er Sakralbauten. Er lebt in Mendrisio.
Mario Botta ist einer von mehreren Hundert Architekten, die die Zersiedelungsinitiative in einem gemeinsamen Aufruf unterstützen. Dagegen lehnen mehrere Branchenverbände die Initiative ab. (red)

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