«Mmh», sagt Schneider-Ammann, als er den Schafskopf verzehrt

Der Wirtschaftsminister reist durch Zentralasien. Er will die Tür aufstossen zu einem verheissungsvollen Markt – und tut fast alles dafür.

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Es gibt in Kasachstan keine grössere Ehre als die Darreichung eines gekochten Schafskopfes. Wer so beschenkt wird, muss den Schädel mit Gabel und Messer zerlegen und daraufhin vom Fleisch kosten.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann (FDP), Sohn eines Tierarztes, ­erledigt die Aufgabe tadellos. Ein beherzter Schnitt über die Schädeldecke. Zwei feinere Bewegungen. Dann führt er ein Stück Schädelfleisch zum Mund. «Mmh», sagt Schneider-Ammann, laut genug, dass es der ganze Tisch hört.

Yeraly Tugschanov lässt vor Freude fast das Mikrofon fallen. Dann winkt der Gouverneur von Mangghystau, einer kargen Steppenregion im Westen ­Kasachstans, seine Assistenten herbei. Das nächste Präsent! Sie ziehen ein opulent besticktes Kostüm aus einer Tasche. ­Johann Schneider-Ammann weiss, was jetzt kommt. Die Anprobe. Ungefragt streckt er die Arme aus. «Very nice.»

Sekunden später hält er eine Dombra in den Händen, eine traditionelle Laute mit langem Hals. Schneider-­Ammann deutet eine Rockstarpose an und schrummt lässig über die Saiten. In seinem Kostüm funkelt Schneider-­Ammann wie ein Christbaum. Gouverneur Tugschanov ­vibriert vor Stolz. Die Schweiz und Mangghystau – oh wunderbare Freundschaft!

Wo gehts hier zum Geschäft?

Johann Schneider-Ammann jettet derzeit mit 20 Wirtschaftsvertretern durch Zentralasien. Im Vordergrund steht dabei das Geschäft: Der Wirtschaftsminister möchte den Schweizer Unternehmen die Türe aufstossen zu einem verheissungsvollen Markt. Er tut fast alles, ­damit das gelingt.

Die Perspektiven sind aber auch aussergewöhnlich: Entlang der historischen Seidenstrasse entsteht ein neuer, hypermoderner Verkehrsweg. Eine ­Expresslinie für den Warentransport zwischen China und Europa. Gut 40 Tage dauert die Reise per Schiff. Auf dem Landweg durch Zentralasien ­sollen es bald unter zwei Wochen sein. Eine Revolution.

Geht es nach den Experten, wird das «Jahrhundertprojekt» (Chinas Staatschef Xi Jinping) neue Seidenstrasse drei Dinge fundamental verändern. Erstens die Handelsflüsse zwischen Ost und West. Zweitens das wirtschaftliche Klima im schlecht ­erschlossenen Zentralasien. Ein Boom kündigt sich an. Drittens das geopolitische Gefüge in Eurasien. Viele ehemalige Sowjetrepubliken emanzipieren sich von Moskau und richten ihren Blick nach Peking.

Zunächst aber muss diese neue Verkehrsachse gebaut werden: Tausende Kilometer Strassen und Schienen, Hunderte Tunnels und Brücken, Dutzende Häfen und Frachtterminals warten auf ihre Realisierung. Das Investitionsvolumen wird auf 1000 Milliarden Dollar geschätzt. Das sind etwa 50 Neat. Klar, dass da auch die Schweizer Industrie ein Stück vom Kuchen will.

«We are here because we are business people», sagt Johann Schneider-Ammann am Montagmorgen bei einem Gespräch mit dem Wirtschaftsminister Aserbeidschans. «Wir wollen alles ­wissen über die neue Seidenstrasse, und wir haben viel Know-how anzubieten. Let us create win-win situations.» Aber wie schafft man das? Wie kommt man ins Spiel? Kann ein Bundesrat dabei wirklich helfen? Soll er das überhaupt? Ausgerechnet in diesen postsowjetischen, autoritären Regimes?

Die Antwort des Wirtschaftsministers könnte klarer nicht sein: Der 66-jährige Freisinnige absolviert ein extrem dichtes Programm. Sein Arbeitstag beginnt kurz nach 6 Uhr und endet selten vor Mitternacht. In acht Tagen klappert Schneider-Ammann sieben Metropolen in vier Staaten ab (siehe Karte). Er trifft rund zwei Dutzend Minister, Gouverneure und Bürgermeister, besichtigt ­Fabriken und Häfen, speist mit Unternehmern und Investoren. Frühstück in Astana. Mittagessen in Almaty. Abendessen in Taschkent. Schneider-­Ammann, ein Held der Arbeit.

Gegroundet in Baku

Auch logistisch ist es eine Meisterleistung. Die Delegation fliegt mit drei ­Privatjets: Im Bundesratsjet sitzen auch Schneider-Ammanns Entourage, FDP-Ständerat Damian Müller (Luzern) und zwei ­Regierungsräte. Die übrigen Jets sind für die Manager bestimmt, die sich beim Wirtschaftsdachverband Economie­suisse für rund 11’000 Franken pro Sitzplatz in diese Reise eingekauft haben. Im Slang der Delegation wird das eine Flugzeug nur «Jet Nummer zwei» genannt, beim anderen bürgert sich rasch der Übername «Spuhler» ein, weil Eisenbahnunternehmer Peter Spuhler diesen Charterflug grosszügig mitfinanziert (seine Zusage zur Reise musste er in letzter Minute zurückziehen).

«Es gibt noch offene Fragen», sagen die Manager. Aber die
Dynamik, die passe.

Als die Jets am Sonntag in Bern-Belp abheben, halten sie sich strikt ans Protokoll: Der Bundesratsjet voraus, dann Jet Nummer zwei, dann Spuhler. Doch bereits nach der ersten Etappe ver­komplizieren sich die Dinge. Der Bundesratsjet groundet in Aserbeidschan, ein technischer Defekt. Man entscheidet, die Maschine zur Reparatur zurückzulassen und Spuhler fortan als ­Shuttlejet einzusetzen. Spuhler bringt also zuerst die wichtigen Gäste ans Ziel. Dann fliegt Spuhler zurück und holt die weniger wichtigen Leute, namentlich die Journalisten und die Regierungsräte. Erst nach zwei Tagen schliesst der reparierte Bundesratsjet wieder zum Geschwader auf.

Jede Kurve ein Abenteuer

Auch der Strassenverkehr hat seine ­Tücken: Am Dienstagnachmittag besucht die Delegation bei weit über 35 Grad Hitze den neuen Seehafen ­Kurik am Kaspischen Meer. Die Anlage ist ein Vorzeigeobjekt in Westkasachstan: ­Güterzüge rollen direkt auf die mit Schienen ausgestatteten Fähren – und drüben, in Aserbeidschan, gleich weiter Richtung Westen. Die Reisezeit zwischen China und Europa wird dadurch um einige Stunden gestrafft.

Für die neun Wirtschaftsvertreter im Minibus Nummer 6 ist der bleibendste Eindruck dieser Exkursion aber die anschliessende Fahrt zum Flughafen. Es stellt sich heraus, dass der kasachische Chauffeur einen lahmen rechten Arm hat und den linken hauptsächlich dazu verwendet, sein Handy an sein Ohr zu halten und animierte Telefongespräche zu führen. So wird jede Kurve zum Abenteuer.

Nach mehreren Beinaheunfällen beraten sich die Manager im Minibus Nummer 6 und beschliessen, per Telefon Alarm zu schlagen. Ein Polizist stoppt den Bus, verjagt den Chauffeur und übernimmt selbst das Steuer.

Speeddating für Kapitalisten

Und irgendwo dazwischen muss natürlich noch Zeit sein, damit die Manager ihre Kontakte knüpfen und ihre Geschäfte anbahnen können. Wie das abläuft, zeigt sich am Montagmittag in Baku. 50 Geschäftsleute in einer grossen Halle: Sie tauschen Visitenkarten aus, reden über Zement und Kredit­finanzierung und tolle Perspektiven und verabschieden sich nach 30 Minuten mit dem Versprechen, den Kontakt auf ­jeden Fall «as soon as possible» vertiefen zu wollen. «Yes, very interesting.»

Grosse Erwartungen, ­wenig Zeit: Es ist wie Speeddating für ­Kapitalisten.

Aber da und dort soll es doch gefunkt haben. Insbesondere der Besuch in ­Astana, der Hauptstadt Kasachstans, sei ermutigend gewesen, versichern mehrere Manager. Natürlich, es gebe noch viele offene Fragen. Die Korruption, die Rechtsstaatlichkeit, die geopolitischen Risiken. Aber die Stimmung, die Dynamik in Kasachstan, die passe.

Trotz seines grossen Einsatzes hat auch Johann Schneider-Ammann nur moderate Erwartungen. «Wenn aus ­dieser Wirtschaftsreise nur eine Handvoll gute Projekte entstehen, hat es sich bereits gelohnt. Für Zentralasien und für uns», sagt er am vierten Tag. Doch auch bei ihm hat Kasachstan einen bleibenden Eindruck hinterlassen. An einem Anlass der Handelskammer in Astana schwärmt er: «Ich habe hier den besten unternehmerischen Spirit angetroffen, seit ich die Schweiz verlassen habe.»

Er meinte nicht die Sache mit dem Schafskopf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 20:24 Uhr

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