Porträt

Missionar ohne Verfallsdatum

Der Ex-Nationalrat Jean Ziegler kämpft gegen die Mächtigen. Und für den Einsitz in einem UNO-Gremium.

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Er gehört zu den renommiertesten Schweizer Intellektuellen – wobei er selbst rasch relativiert: «Im Ausland schon. Im Inland nicht. Ich störe den Gottesdienst. Das mag man in der Schweiz nicht.» Jean Ziegler (79) war Soziologieprofessor und Genfer SP-Nationalrat, ist Autor von Büchern, die so erfolgreich wie umstritten sind, war bis 2008 Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, danach bis 2012 Mitglied im Beratenden Ausschuss des UNO-Menschenrechtsrats. In diesen will er nun erneut – voraussichtlich heute wird gewählt.

Warum tut er sich das an? Warum setzt er sich nicht zur Ruhe in seinem Haus in Russin bei Genf, geniesst das Leben und spielt Golf? «Golf?» Er starrt einen an mit ehrlichem Entsetzen: «Das wäre das Schlimmste. Das Symbol der Assimilation an die kannibalische Weltordnung.» Das Phänomen Ziegler besteht darin, dass er seit Jahrzehnten gegen die Mächtigen dieser Welt antritt, ohne Unterbruch gegen Banken und Grosskonzerne wettert, dabei mit dem stets gleichen Vokabular hantiert, immer wieder die «Raubtier»- und «Höhlenbewohner»-Vergleiche bemüht – und es trotzdem keine Ermüdungserscheinungen zu geben scheint, weder beim Publikum noch bei Ziegler selbst.

Und doch verhungere alle fünf Sekunden ein Kind

Ein Missionar ohne Verfallsdatum also – wie kann das gehen? Vielleicht macht es die Mischung von Charme und Leidenschaft aus. Ungefähr ab der dritten Frage des Journalisten beginnt er diesen zu duzen, erkundigt sich in seinem Berner Dialekt, dem auch die Jahrzehnte in Genf nichts anhaben konnten, wie es bei der Arbeit laufe, ob man Kinder habe und wie alt diese seien. Dazwischen immer wieder: «Verschteysch was ig meine?» Jean Ziegler will verstanden werden, und zwar ohne Umschweife, denn «seit ich 30 bin, habe ich das panische Gefühl, die Zeit laufe mir davon». Mit dem Charme öffnet er sein Gegenüber. Mit der Leidenschaft transportiert er seine Anliegen – es ist die Leidenschaft des wahrhaft Empörten. «Die globale Landwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren.» Und doch verhungere alle fünf Sekunden ein Kind. «Das heisst: Jedes Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet. Punkt.» Ein Opfer von Verteilungsproblemen, Spekulation, Profitgier.

Ziegler kämpft für die Opfer. «Man sagt mir immer: ‹Moralisch hast du recht.› Ich habe nicht moralisch recht, gopferteckel. Es geht doch nicht um Moral. Es geht um Fakten.» Ziegler kennt viele Fakten, er zitiert, verweist und referiert. Dass ihm seine Gegner vorwerfen, er nehme es dabei nicht immer so genau, bringt ihn nicht aus der Ruhe. Irrtümer? «Davon gibt es bei mir einen Haufen. Aber darüber rede ich nicht.» Stattdessen zitiert er einen Satz, den Karl Kraus auf einen Monarchie-Kritiker gemünzt hatte, den Ziegler aber auch für sich gelten lässt: «Er schiesst häufig über das Ziel hinaus, aber selten daneben.»

Tatsächlich ist es so, dass nicht wenige von Zieglers Aussagen, wegen denen er vor einigen Jahrzehnten vor Gericht gezerrt und zu hohen Zahlungen verurteilt worden ist, heute hellsichtig klingen. Etwa die Aussagen zu den Praktiken auf den Schweizer Finanzplätzen. Oder der Satz, Chiles Pinochet-Regime sei faschistisch. Dafür wurde er seinerzeit vom Polizeigericht Genf wegen Verleumdung gebüsst.

Dass Ziegler andererseits mit einigen Elogen auf linke Befreiungskämpfer, die später zu Drittweltpotentaten mutierten, gründlich danebenlag, gehört zu den Irrtümern, über die er weniger gern redet.

Erstellt: 25.09.2013, 17:31 Uhr

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