Mister Tunnel triumphiert

Der neue Waadtländer FDP-Ständerat Olivier Français überrascht mit seinem Sieg selbst seine Partei. Wer ist der Mann, der auch vom Vater des Verlierers geprägt wurde?

Seinen Übernamen brachte ihm die Lausanner Metrolinie M2 ein: Als städtischer Baudirektor realisierte Français das Meisterwerk der Ingenieurskunst. Foto: Magali Girardin (Keystone)

Seinen Übernamen brachte ihm die Lausanner Metrolinie M2 ein: Als städtischer Baudirektor realisierte Français das Meisterwerk der Ingenieurskunst. Foto: Magali Girardin (Keystone)

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Als Alibi-Kandidat, Verlegenheitslösung und Lückenbüsser wurde der Waadtländer Olivier Français in den vergangenen Monaten durch die Medien geschleift. Nun hat er geschafft, wovor sich selbst FDP-Parteigrössen wie die amtierenden Staatsräte Pascal Broulis und Jacqueline de Quattro drückten. Nach einem sechs Monate dauernden Wahlkampf sprengte Français am Sonntag in der Stichwahl das etablierte Ständeratsduo Géraldine Savary (SP) und Luc Recordon (Grüne) und eroberte für die Waadtländer FDP den 2007 an die Linke verlorenen Sitz im Stöckli zurück.

Sein Ingenieurdiplom erlangte er bei Luc Recordons Vater.

Der Freisinn feierte Français’ Überraschungscoup überschwänglich. Nur einer blieb nüchtern: Der Gefeierte selbst. «Heute Morgen sind wir alle wieder arbeiten gegangen. Ich als Erster», rapportierte Français am Montag mit freundlich-wacher Stimme aus seinem Büro. Und er wurde noch deutlicher. Schon um 5 Uhr morgens sei er wieder auf den Beinen gewesen. «So funktioniert meine innere Uhr eben», so Français.

In die Berge und in den Boden

Eines ist klar: Mit seiner Kandidatur setzte sich der 60-jährige Lausanner Stadtrat, Ingenieur und dreifache Familienvater unter grossen Druck, obwohl sich seine Partei kaum Chancen für einen Wahlsieg ausrechnete. Français indes beteuert: «Ich trat den Ständeratswahlkampf an, um ihn zu gewinnen.» Sein sensationeller Wahlsieg wird ihn nicht verändern. Dafür ist der Waadtländer zu sehr geerdet. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Mechanik des Bodens ist seine Leidenschaft. Français, ein begeisterter Berggänger und erfahrener Teilnehmer der Patrouille des Glaciers, ist Spezialist für Geotechnik. Sein Ingenieurdiplom an der ETH Lausanne erlangte er einst bei Professor Edouard Recordon, dem Vater von Luc Recordon, den er bei der Stichwahl nun aus dem Ständerat drängte.

Ausgerechnet Vater Recordon gab ihm vieles mit, was er zum Leben brauchte. Unter anderem die Kenntnis, worauf man achten muss, wenn man sich durch den Untergrund bohrt. Bis heute konstruierte Français rund 30 Tunnelröhren. In jüngeren Jahren als eigenständiger Unternehmer an diversen Orten in der Westschweiz: vom Jura bis ins Wallis. Nach seiner Wahl in die Exekutive der Stadt Lausanne im Jahr 2000 bohrte sich Français aber auch in den städtischen Untergrund. Als städtischer Baudirektor plante er und realisierte er die mehrere Kilometer lange Metrolinie M2 von Anfang bis Ende. Das Bauwerk gilt als ein Meisterwerk der Ingenieurskunst und brachte Français einen Übernamen ein: «Mister Tunnel» nennt ihn die Bevölkerung liebevoll.

Er drängt sich nicht auf

Bei seiner Wahl in den Ständerat ging eines ganz vergessen: Olivier Français sitzt bereits seit 2007 im Nationalrat. Doch ein ruhiges Gemüt wie Français fällt im lauten Parlamentsbetrieb nicht auf. Und der Freisinnige drängt sich auch niemandem auf. Als Mitglied der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen und in der Neat-Aufsichtsdelegation war ihm bislang wohl. Im Ständerat wird er ungleich mehr Verantwortung übernehmen müssen. Français will sich nicht verstecken. Themen wie Infrastruktur, Energie und Umwelt sind seine Spezialgebiete, er könnte sich aber auch mit einem Sitz in der Finanz- oder Sicherheitspolitischen Kommission arrangieren. Eines ist klar: Was Olivier Français auch an Parlamentsarbeit bekommt, er packt als Erster an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2015, 18:59 Uhr

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