«Mit 20 Prozent Zweitwohnungen kann eine Tourismusregion nicht leben»

Die Gemeindepräsidenten von St. Moritz und Saanen äussern sich zur Beschränkung des Zweitwohnungsbaus. Sie sehen der Umsetzung der Initiative bange entgegen.

«Elektriker, Schreiner und Maler werden die Beschränkung des Zweitwohnungsbaus zu spüren bekommen»: St. Moritz (Anteil der Zweitwohnungen beträgt rund 50 Prozent).

«Elektriker, Schreiner und Maler werden die Beschränkung des Zweitwohnungsbaus zu spüren bekommen»: St. Moritz (Anteil der Zweitwohnungen beträgt rund 50 Prozent). Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

28'451 Stimmen gaben den Ausschlag: Die Initiative gegen den Bau von Zweitwohnungen wurde mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 50,6 Prozent angenommen. «Ein Zufallsmehr», sagt Aldo Kropf, Gemeindepräsident von Saanen BE. Überrascht hat ihn das Ständemehr. Von einigen Kantonen, «die sich Tourismuskanton» nennen, hätte er ein Nein erwartet, sagt er zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Was die Annahme der Initiative für die Gemeinde Saanen, zu der auch Gstaad gehört, bedeutet, sei schwer abzuschätzen, sagt Kropf. «Das müssen wir jetzt analysieren.» Er hoffe auf Versprechen, die im Vorfeld der Abstimmung seitens der Initianten gemacht worden seien: Bewirtschaftete Wohnungen und Resorts würden nicht unter die Definition «Zweitwohnung» fallen, für strukturschwache Gebiete werde es Ausnahmen geben.

«Es braucht die kritische Masse»

Zwar sei Saanen nicht strukturschwach, doch verdanke es dies gerade auch Zweitwohnungen. «Die betroffenen Gemeinden können kein Gewerbe, keine Industrie ansiedeln. Ihre Hauptindustrie ist der Tourismus.» Er rechnet mit wirtschaftlichen Einbussen, die in ihrer Höhe schwer absehbar seien. «Mit 20 Prozent Zweitwohnungen kann eine Tourismusregion nicht leben. Es sei denn, man hat jede Menge Hotels. Damit der Tourismus funktioniert, braucht es die kritische Masse.»

Zahlreiche Fragen seien jetzt offen. «Es ist nicht definiert, inwiefern Handänderungen möglich sind. Ob Leute Immobilien als Altersvorsorge kaufen und sie später wieder verkaufen können. Oder ob Kinder das Haus ihrer Eltern, wenn diese nicht mehr darin wohnen, behalten dürfen oder verkaufen müssen.» Auch befürchtet Aldo Kropf, dass jetzt ein Bauboom losgehen werde in den Ortschaften, die mit dem Zweitwohnungsbestand noch zulegen dürfen. «Das ist das Gegenteil von dem, was die Initianten wollten.»

«Wir müssen vorwärts schauen»

Sigi Asprion, Gemeindepräsident von St. Moritz, das wie Saanen einen Zweitwohnungsanteil von rund 50 Prozent hat, befürchtet einen grossen Einbruch beim Bau- und Baunebengewerbe. «Elektriker, Schreiner, Maler – sie werden das zu spüren bekommen.» Doch er wolle nicht jammern, «wir müssen vorwärts schauen». Für Strategien und Prognosen sei es noch zu früh. Immerhin habe man mit einem Zufallsmehr auf der anderen Seite gerechnet.

«Jetzt müssen wir schauen, wie sich das entwickelt, wann und wie die Initiative greift.» Daneben gelte es für St. Moritz wie für andere betroffenen Gemeinden, sich neu zu positionieren, beispielsweise mit Fördermassnahmen für die Hotellerie. Aber das sei alles noch nicht spruchreif.

Vorschlag aus dem Departement Leuthard wird erwartet

Im Abstimmungskampf engagiert hat sich auch die Bündner SP-Nationalrätin Silva Semadeni, die als Vertreterin ihres Kantons und Präsidentin von Pro Natura sowohl für die Interessen des Tourismus als auch für jene der Initianten kämpft. Für Semadeni kein Widerspruch. Denn: «Gerade ein so schöner Kanton wie Graubünden braucht eine qualitative touristische Entwicklung, nicht Investitionen in den Zweitwohnungsbau.» Man müsse auf die touristischen Leistungen aufbauen, sagt sie auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «B&B-Angebote einrichten, die Hotellerie, den Agritourismus und die Vermietung von Wohnungen fördern.»

Mittel- und langfristig werde die Beschränkung des Zweitwohnungsbaus dem Tourismus nützen, sagt Semadeni. Denn sie zwänge die Regionen, mit ihrem Grundkapital, «der Natur, der Ortsbilder», sorgfältig umzugehen. «Wir müssen zur Landschaft Sorge tragen und Authentizität pflegen. Wir müssen uns selber bleiben.» Kurzfristig habe die Annahme der Initiative für die Bauwirtschaft Folgen, sagt Semadeni. Denn: «Mit Zweitwohnungen kann das schnelle Geld gemacht werden.» Aber für die einheimische Industrie werde es genügend Aufträge für den Bau von Erstwohnungen und die Sanierung von Erst- und bestehenden Zweitwohnungen geben. «Insbesondere auch für die energetische Sanierung, die von den Kantonen gefördert wird.»

Dass die Gemeindepräsidenten der betroffenen Gebiete gegen die Initiative gekämpft haben, kann Semadeni nachvollziehen. «Sie sind unter starkem Druck der Baulobby, der Immobilienfirmen, der Bodenbesitzer. Es ist nicht einfach, einer solchen Gemeinde vorzustehen.» Bei der Definition der Zweitwohnungen, die das Parlament nun vornimmt, wünscht sich Semadeni Rücksichtnahme auf jene Talschaften, die von Abwanderung betroffen sind. «Ich bin aber froh, wenn sich hier Fachleute dazu äussern und erwarte einen guten Vorschlag vom Departement Leuthard.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.03.2012, 19:13 Uhr

Artikel zum Thema

Zweitwohnungs-Initiative: Weber ist «stolz auf die Schweiz»

Eine hauchdünne Mehrheit der Schweizer Stimmbürger sagte heute Ja zur Beschränkung des Zweitwohnungsbaus. Umweltschützer Franz Weber zeigt sich nach der Annahme seiner Initiative euphorisch. Mehr...

Frage des Tages: Bau von Zweitwohnungen beschränken?

Höchstens 20 Prozent Anteil an Zweitwohnungen pro Gemeinde fordert die Initiative «Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen». Darüber wird am 11. März abgestimmt. Was meinen Sie? Stimmen Sie am Ende des Artikels ab! Mehr...

Wie der Nationalrat die Aufhebung der Lex Koller abfedern will

Der Nationalrat will die geplante Aufhebung der Lex Koller mit flankierenden Massnahmen begleiten. Er hat am Freitag eine entsprechende Revision des Raumplanungsgesetzes beschlossen. Mehr...

Blog

Kommentare

Blogs

Politblog Eine Abstimmung kommt selten allein
Sweet Home Zeitreise im Zickzack

Paid Post

Profis lassen sich nicht von Emotionen leiten

Intelligente Roboter verbessern unseren Alltag. Warum nicht auch unsere Investments?

Die Welt in Bildern

Unendlich: Die Kunstinstallation «Wald der nachhallenden Lichter» im Mori Building Digital Art Museum in Tokio. (21. Juni 2018)
(Bild: Shuji Kajiyama/AP Photo) Mehr...