Mit Anreizen gegen Terrorismus

Statt mit drakonischen Strafen sollten wir zurückkehrende IS-Kämpfer mit Unterstützung empfangen.

IS-Kämpfer an der syrisch-türkischen Grenze. Foto: Lefteris Pitakarakis (AP, Keystone)

IS-Kämpfer an der syrisch-türkischen Grenze. Foto: Lefteris Pitakarakis (AP, Keystone)

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Uns überkommt die Wut, wenn wir von den unsäglichen Grausamkeiten des Islamischen Staates (IS) erfahren: die Verbrennung des jordanischen Piloten bei lebendigem Leib, die Hinrichtung der Mitarbeiter von «Charlie Hebdo» und die Enthauptung Unschuldiger sind empörend. Selbst friedfertige Menschen würden am liebsten mit gleichen Mitteln zurückschlagen.

Vorgeschlagen werden strengere Gesetze mit langjährigen Haftstrafen oder sogar die Todesstrafe. Rücksichtslos bestraft werden sollen alle, die sich der Terrororganisation angeschlossen haben. Insbesondere sollen Europäer, die für den IS kämpften, bei ihrer Rückkehr hart angepackt werden.

Die Reaktion ist verständlich. Aber: Strafen für Rückkehrer könnten den IS stärken statt schwächen. Wollen sich Kämpfer vom IS abwenden, haben aber in ihrem Heimatland brutale Vergeltung zu erwarten, werden sie kaum zurückkehren. Vielmehr werden sie noch entschiedener in die Arme der Terrororganisation getrieben. Die Alternative einer Abkehr wird ihnen erschwert oder verunmöglicht. Genau das ist im Sinn des IS, der so seine ausländischen Kämpfer im Griff behält.

Positive Anreize schaffen

Eine angemessene Reaktion dagegen unterhöhlt die Macht des IS, indem abkehrwilligen Kämpfern der Ausstieg und die Rückkehr in ihre Heimat erleichtert wird. Helfer müssen ihnen an Ort und Stelle zur Verfügung stehen, damit die Söldner die Terrorgruppe unbeschadet verlassen können. Ausserdem müssen positive Anreize gesetzt werden. Es lässt sich überlegen, ob nicht sogar Geld für einen Ausstieg angeboten werden sollte. Dies hat allerdings den Nachteil, dass der Ausstieg einen kommerziellen Anstrich erhält. Es könnte gewisse Charaktere auch veranlassen, für den IS zu kämpfen, weil sie dann bei einem Ausstieg Geld erhalten.

Allerdings ist die Gefahr gering. Denn das Risiko, bei den Kämpfen getötet zu werden, ist hoch. Fremde Kämpfer werden für besonders gefährliche Aufgaben eingesetzt und somit als Kanonenfutter behandelt.

Klüger ist es, den Aussteigern Gutscheine anzubieten, die im Heimatland zum Beispiel für eine Ausbildung verwendet werden können. Auf jeden Fall sollten diese Anreize breit propagiert werden, damit IS-Kämpfer davon Kenntnis erhalten. Die Aussteiger sollten nicht bestraft werden, wenn ersichtlich ist, dass sie entschieden mit ihrer Vergangenheit brechen. Sie können ihre Erfahrungen insbesondere gefährdeten jungen Menschen mitteilen und ihnen deutlich machen, dass es völlig unvernünftig ist, sich als Kanonenfutter für fremde Interessen (oder im Falle einiger Frauen als Prostituierte für IS-Mitglieder) missbrauchen zu lassen. Die Berichte aus eigener Erfahrung könnten naive junge Leute davon abhalten, für den IS zu kämpfen.

Machbar und vernünftig

Diese Reaktion darf nicht mit einer laschen Haltung gegenüber dem IS-Terror verwechselt werden. Wer zurückkehrt, um im Heimatland Propaganda für den IS zu machen, muss sofort vor Gericht gestellt und rasch bestraft werden. Die vorgeschlagene Politik ist machbar. Sie wird – wenn auch weniger weitgehend – in ähnlicher Weise und mit Erfolg von der dänischen Stadt Aarhus praktiziert. In Dänemark gibt es pro Kopf mehr Kämpfer als anderswo. In Aarhus werden ehemalige Jihadisten willkommen geheissen, und ihnen wird Arbeit, Ausbildung und unentgeltliche psychologische Beratung angeboten.

Es entspricht nicht unseren Wertvorstellungen und Emotionen, Leute, die sich an Verbrechen beteiligt haben, mit positiven Anreizen zu ködern. Ein solches Vorgehen ist jedoch vernünftig. Werden vergangene Fehler durch eine gut sichtbare Änderung im Verhalten gutgemacht, sollte verziehen werden (auch wenn dies schwerfällt). Für uns sollte wesentlich sein, dass der IS Kämpfer verliert, weniger Zustrom erhält und damit an Macht einbüsst.

Die Führung einer Terrororganisation ist bei weitem stärker betroffen, wenn ihnen die Mitglieder davonlaufen, als wenn diese mangels Alternativen an die Terrorgruppe gebunden bleiben. Deshalb haben paradoxerweise die terroristischen Führer ein Interesse daran, dass wir ihren Kämpfern den Austritt und die Rückkehr in ihr Heimatland erschweren oder verunmöglichen.

Wir sollten genau das Gegenteil tun.

Erstellt: 15.02.2015, 20:30 Uhr

Der Autor

Bruno S. Frey ist Forschungsdirektor von Crema (Center for Research in Economics, Management and the Arts) und emeritierter Professor der Universitäten Zürich und Basel.

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