Ecopop

Mit Gärten gegen Betonwüsten

Führende Ecopop-Initianten besitzen ein Haus mit Umschwung. Das weckt Kritik. Grüne Politiker werfen ihnen vor, sich im Kampf gegen die Zubetonierung der Schweiz widersprüchlich zu verhalten.

Vor allem einheimische Familien leben gern allein im «Hüsli»: Einfamilienhäuser in Niederhasli ZH.

Vor allem einheimische Familien leben gern allein im «Hüsli»: Einfamilienhäuser in Niederhasli ZH. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Unser ökologischer Fussabdruck sei zu gross. Der das sagt, lebt selber auf grossem Fuss, zumindest, was seinen Raumbedarf anbelangt: Benno Büeler. Der Präsident des Initiativkomitees Ecopop lebt in einem grünen Einfamilienhausquartier am Stadtrand von Winterthur. Sein Haus mit Garten beansprucht eine Fläche von rund 1300 m2. Auch Ecopop-Geschäftsführer Andreas Thommen besitzt in Effingen AG ein Haus und gar 7000 m2 Land, was der Grösse eines Fussballfeldes entspricht.

Für die Gegner der Ecopop-Initiative steht das Duo für die Widersprüchlichkeit der Initianten, welche aus Sorge um die Umwelt die Nettozuwanderung in die Schweiz auf jährlich 0,2 Prozent der Bevölkerung begrenzen wollen: «Ausgerechnet jene, welche die Zersiedlung und den Dichtestress beklagen, verbrauchen selber viel Platz», sagt Andreas Kyriacou, Mitglied der Stadtzürcher Grünen und Delegierter der Grünen Schweiz. Würden alle so leben wie Büeler und Thommen, wäre das Land noch zersiedelter, als es ohnehin schon sei. Kyriacou selber wohnt gemäss eigenen Angaben in der Zürcher Altstadt, zu dritt in einer (nicht städtischen) 5-Zimmer-Mietwohnung, die circa 100 m2 gross sei.

«Subversiv gegen den Bauwahn»

Benno Büeler hat diese Kritik erwartet. Es sei ihm klar gewesen, dass er seines Hausbesitzes wegen «aufs Dach kriegen» werde. Als widersprüchlich sieht er sein Verhalten jedoch nicht. Büeler spricht von einer «subversiven Politik gegen den grassierenden Bauwahn». Seine Logik: Indem er neben seinem «kleinen Häuschen aus den 30er-Jahren» einen grossen Garten besitzt, erhält er Grünfläche im Siedlungsraum. Der Agronom ruft dazu auf, Bauland zu kaufen und unüberbaut zu lassen. Kritiker wenden ein, dies sei Wunschdenken, weil sich eine derartige Investition nur wenige leisten könnten, der Effekt somit marginal sei.

Seine Haltung führt Büeler auf die «ernüchternden Erfahrungen» mit der Raumplanungspolitik der letzten Jahrzehnte zurück. Verdichtung sei ein Schlagwort geblieben, sagt er. Auch im verschärften Raumplanungsgesetz sieht er bloss eine «Beruhigungspille für Optimisten». «Alle reden von Verdichtung, aber niemand will sie dort, wo er selber wohnt.» Verdichtetes Wohnen werde bloss bei Neubauten gefördert, doch würden diese auf der grünen Wiese erstellt, sagt Büeler. Er selber habe bis zum Kauf des Hauses wenig Platz zum Wohnen gebraucht, in der Regel unter 30 m2. Jetzt seien es etwa 35 m2.

Auch Thommen verwahrt sich gegen die Kritik aus den Reihen der Grünen. «Sollen wir unseren Kindern etwa nur noch zubetoniertes Bauland hinterlassen?», fragt er rhetorisch. Die 7000 m2 Land befänden sich in der Landwirtschaftszone und seien zum Hauptteil als Heuwiese an einen Landwirt verpachtet. Den Rest benötige er, um für den Eigenbedarf Gemüse und Obst zu produzieren. Wie Büeler versteht sich Thommen als Kämpfer gegen die Zersiedelung. Sein Haus, das ehemalige Schulhaus Effingens, sei zwar gross, aber besetzt, weil er leere Zimmer vermiete.

Die Argumentation der Ecopop-Initianten vermag freilich nichts daran zu ändern, dass der Bewohner eines Einfamilienhauses mit 52,4 m2 mehr Platz braucht als den landesweiten Durchschnitt, der bei 45 m2 liegt. Das zeigt eine neue, bis dato nicht publizierte Auswertung des Bundesamts für Statistik. Diese Zahl zeigt jedoch nur die reine Wohnfläche. Da Einfamilienhäuser zumeist beträchtlichen Umschwung haben, liegt der effektive Platzbedarf um einiges höher. Gemäss dem Immobilienberatungsunternehmen Wüest & Partner beträgt die mittlere Grundstücksfläche eines heute gehandelten Einfamilienhauses knapp 600 m2. Typischerweise wohnen darin drei bis vier Personen. Wie gross das Verdichtungspotenzial sein kann, illustriert Wüest & Partner anhand eines Beispiels: Im Zürcher Quartier Unterstrass wurde letztes Jahr an der Stelle von zwei Einfamilienhäusern mit 7 Bewohnern ein Mehrfamilienhaus mit drei Vollgeschossen und einem Attikageschoss erstellt – für 32 Personen.

Fast 1 Million Einfamilienhäuser

Zu diesen vergleichsweise schlechten Werten kommt hinzu, dass der Anteil der Einfamilienhäuser am Gebäudebestand in den letzten 40 Jahren von 40 auf 58 Prozent gestiegen ist. 962 000 sind es mittlerweile. Die Folgen dieses Booms skizzierte Jo Lang, Vizepräsident der Grünen, unlängst in der «Basler Zeitung». Der «Wunsch nach dem eigenen Hüsli» habe die meisten Dörfer in den letzten Jahrzehnten arg verunstaltet. Als besonders zerstörend taxiert Lang die mit der Sehnsucht nach dem eigenen Haus und dem Dorf verbundene Automobilität, die zusätzliche Grünflächen in Grauzonen verwandelt habe.

Wer in den «Hüsli» wohnt, ist unklar. Das Bundesamt für Statistik verfügt über keine entsprechenden Auswertungen. Hinweise liefert aber der Grundlagenbericht zu einer Studie, welche die Zürcher Volkswirtschaftsdirektion 2012 unter dem Titel «Zuwanderung im Kanton Zürich» veröffentlicht hat. Demnach ist der Anteil der Schweizer Haushalte, die in einem Einfamilienhaus leben, rund doppelt so hoch wie bei Ausländern aus den «neuen» Herkunftsländern. Dazu zählt der Bericht jene Zuwanderer, die im Durchschnitt besser gebildet sind als Schweizer, etwa aus Deutschland und Grossbritannien. Im Vergleich zu Menschen aus den «alten», typischen Gastarbeiterländern wie Italien ist der Anteil bei Schweizern gar viermal so hoch.

Erstellt: 19.03.2014, 21:18 Uhr

Schweizer verbrauchen im Kanton Zürich mehr Wohnlfäche als Ausländer. Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

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