Interview

«Mit Jammern und Klagen hilft man niemandem»

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz könne Probleme nicht lösen, aber erreichen, dass es den Leuten weniger schlecht gehe, sagt Präsident Peter Maurer.

«Jetzt erfahre ich die reale Welt und kann etwas gegen das Leid tun»: IKRK-Präsident Peter Maurer.

«Jetzt erfahre ich die reale Welt und kann etwas gegen das Leid tun»: IKRK-Präsident Peter Maurer. Bild: Keystone

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Herr Maurer, bevor Sie IKRK-Präsident wurden, bewegten Sie sich als EDA-Staatssekretär auf dem diplomatischen Parkett. Nun haben Sie kürzlich Flüchtlingslager in Mali und Niger besucht. Wie erleben Sie diesen Wechsel?
Ich empfinde ihn als Befreiung. Als Diplomat wusste ich durchaus, dass es viel Leid auf der Welt gibt. Aber es ist schwierig, von der Ebene diplomatischer Diskussionen aus konkret zu handeln. Jetzt erfahre ich die reale Welt und kann etwas gegen das Leid tun. Als ich in Afghanistan, Syrien und Mali war, wurde ich beim Besuch von Einsätzen im Feld direkt mit den Folgen von Krieg und Vertreibungen konfrontiert.

Ist das nicht bedrückend?
Bilder und Einzelschicksale haben sich mir eingeprägt. Diese vergesse ich nicht so leicht wie einen Tag in einem Konferenzsaal. Wenn man nur auf der diplomatischen Ebene tätig ist, fühlt man sich machtloser. Als IKRK-Präsident ist die Bandbreite der Eindrücke viel grösser. Am selben Tag kann es vorkommen, dass ich am Morgen den Staatspräsidenten treffe und am Nachmittag in einem Keller Verwundete mit Schussverletzungen besuche.

Sie waren früher Schweizer UNO-Botschafter. Sind Sie frustriert über das bisherige Scheitern der Diplomatie im Fall Syrien?
Als Vertreter einer humanitären Organisation darf man nie glauben, man könne mit Hilfsaktionen politische Probleme lösen. Das IKRK kann nur dazu beitragen, dass es den Leuten etwas weniger schlecht geht. Darin haben wir 150 Jahre Erfahrung, und wir sind stets nahe an der Realität. Mit Jammern und Klagen hilft man niemandem. Dagegen kann gute humanitäre Arbeit dazu beitragen, dass ein Friedensprozess in Gang kommt.

Gelingt Ihnen das derzeit in Mali?
Der Staat ist kollabiert und kann die Menschen im Norden nicht mehr betreuen. Über eine Million sind in Not. Es ist offen, wie sich die Lage entwickelt. Mali steht an einem Scheideweg. Ich habe allen Gesprächspartnern gesagt, sie müssten die humanitären Kosten der Strategien, die sie als Ausweg aus dieser Krise entworfen haben, stärker in ihre Überlegungen einbeziehen. Dass noch mehr Menschen in Nachbarländer fliehen, kann im Interesse keiner Gruppe sein.

Wie stehen Sie zu einer Militärintervention in Mali, die die Afrikanische Union, aber auch Frankreich und Deutschland erwägen?
Dazu äussere ich mich als IKRK-Präsident nicht. Das humanitäre Völkerrecht, die Basis unserer Arbeit, sagt nichts zur Legitimität eines bewaffneten Konflikts. Wir sind im Dilemma, das eine neutrale Haltung mit sich bringt. Für uns geht es darum, wie Zivilisten in Kämpfen und wie Gefangene behandelt werden. Gäbe ich meine private Meinung zu dieser Frage ab, würde ich die Glaubwürdigkeit des IKRK als unparteiische Organisation untergraben. Nur sie verschafft uns Zugang zu allen Konfliktparteien.

Können Sie mit den Islamisten, die den Norden Malis kontrollieren, überhaupt vernünftig reden?
In den vergangenen drei Monaten trafen wir mit allen bewaffneten Gruppen Arrangements, um Hilfsgüter an die Bevölkerung zu liefern. Wir begannen mit Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe. Wir unterstützen das einzige im Norden funktionierende Spital. Bisher haben wir 420'000 Menschen geholfen.

Sie hatten als Staatssekretär mit Oberst Ghadhafi verhandelt und erreicht, dass Libyen eine Schweizer Geisel freiliess. Wie gehen Sie mit so schwierigen Menschen um?
Ich bemühe mich, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Es ist aber ein Unterschied, ob sie als Vertreter eines Landes oder des IKRK verhandeln. Als Staatssekretär musste ich die Interessen der Schweiz verteidigen und versuchen, einen Kompromiss zu finden. Das ist Machtpolitik. Als IKRK-Präsident versuche ich, das Gegenüber davon zu überzeugen, dass es uns Spielraum für unabhängige Hilfseinsätze gibt. Da geht es um ein humanitäres Minimum.

Was haben Sie durch Ihr Treffen mit dem syrischen Diktator Bashar al-Assad erreicht?
In dem sehr sachlich geführten Gespräch verlangten wir, dass Syrien den Import von Hilfsgütern erleichtert und dem IKRK erlaubt, eigene Warenlager zu betreiben und die Hilfsgüter selbst mit Lastwagen im Land zu verteilen. Wir sprachen auch über die Bedürfnisse der Spitäler und die nötige rasche Erteilung von Bewilligungen, damit Hilfsequipen nach Homs oder Aleppo fahren können. Dabei gab es wichtige Fortschritte. Dagegen hat die Regierung dem IKRK die versprochene Ausdehnung der Gefangenenbesuche noch nicht erlaubt.

Wo ist die Arbeit des IKRK derzeit am schwierigsten?
Fast überall, wo Gewalt herrscht, wird unseren Hilfsequipen oft der Zugang zu den Opfern durch Gefechte, durch die Regierung oder bewaffnete Gruppen erschwert. Dass sich solche Gruppen weiter aufspalten, macht die Sache noch komplizierter. Die Taliban in Afghanistan sind zwar immer noch die Taliban, aber es entstehen laufend neue Untergruppen. Wir müssen also mit einer Vielzahl bewaffneter Gruppen verhandeln. Das gilt auch für Syrien. Dort verhandeln wir heute über den Zugang zu einer Strasse oder einem Quartier, nicht mehr zu einer ganzen Region. Unsere Ansprechpartner sind zunehmend lokal.

Wie sicher können Ihre Leute im Feld noch arbeiten?
Spitäler und medizinisches Personal werden nicht mehr als besonders schützenswert behandelt, wie es die Genfer Konventionen verlangen, sondern als strategisch wichtige Orte. So besetzen bewaffnete Gruppen oder Regierungssoldaten Krankenhäuser, die dadurch zu Angriffszielen werden. Oder Ärzte werden gezwungen, gewisse Verwundete zu operieren, andere dagegen nicht. Das verunsichert die Bevölkerung, und die Leute wagen sie nicht mehr in die Spitäler. Dadurch droht das gesamte Gesundheitssystem zusammenzubrechen.

Am Dienstag wird in den USA gewählt. Ihr Vorgänger kritisierte die US-Regierung Bush stark wegen Guantanamo. Präsident Obama hat sein Versprechen, Guantanamo zu schliessen, nicht eingelöst. Fordern Sie ebenfalls die Schliessung?
Das IKRK drängt stets auf Klarheit des Status von Gefangenen und auf eine bessere Behandlung. Das Dossier ist bei uns und in Washington offen.

Die USA geben dem IKRK am meisten Geld. Sind Sie deshalb gegenüber den USA weniger kritisch?
Ich wehre mich gegen die Unterstellung, das IKRK verhalte sich gegenüber seinen grössten Geldgebern konzilianter. Nicht nur die USA, sondern auch andere Geberländer begrüssen, dass wir kritisch sind. Viele Länder haben in den vergangenen zehn Jahren am Beispiel der USA etwas gelernt: dass es besser ist, einen vertraulichen Dialog über die Verhaltensregeln bei Kämpfen und über den Umgang mit Gefangenen zu führen und Empfehlungen des IKRK umzusetzen, als nötige Reformen auf die lange Bank zu schieben und durch Skandale in Schwierigkeiten zu geraten.

Sind Sie für Obama oder für Romney im Weissen Haus?
Das sage ich nicht. Die Beziehungen zwischen dem IKRK und den USA haben sich jedoch klar verbessert. Wir sind nicht mehr in den Jahren 2002 oder 2003. Als ich kürzlich in Afghanistan war, habe ich mit US-General John R. Allen gesprochen (Kommandant der Isaf-Truppen, die Red.). Wir sind froh, dass die Amerikaner bei der Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen eine völkerrechtskonforme Behandlung von Gefangenen unterstützen.

Ihrer Karriere im sonst bürgerlichen Diplomatenmilieu hat es nicht geschadet, dass Sie der SP nahestehen . . .
Ich bin nicht bloss SP-nahe, sondern ein stolzes Mitglied der SP Bern. Ich habe aus meiner politischen Gesinnung nie ein Geheimnis gemacht. Aber ich unterscheide, in welcher Funktion ich bin. Niemand auf der Welt hat nur eine Identität. So handelte ich als Staatssekretär nicht als SP-Mitglied, sondern ich hatte die Interessen der Schweiz zu vertreten und Politik des Bundesrates umzusetzen. Jetzt darf ich das Mandat des IKRK-Präsidenten erfüllen.

Haben Sie demnach ideologische Differenzen mit Ihren bürgerlichen Diplomatenkollegen gemieden?
Meine Meinungen reflektieren ein Weltbild, das ideologisch dem Gedankengut der SP nähersteht als jenem der SVP. In meiner beruflichen Tätigkeit bemühte ich mich stets, ohne politische Vorurteile zu argumentieren. Ich frage mich immer wieder: Stimmt das, was ich gerade gesagt habe? Oder habe ich es nur aus dem Gefühl heraus gesagt, dass es stimmt?

Spüren Sie als IKRK-Präsident häufiger, dass Ihr Herz links schlägt?
Das habe ich mir noch nie überlegt. Ich fühle mich in der Rolle des IKRK-Präsidenten einfach sehr wohl (lacht).

Sie nahmen sich zwei Monate Zeit, um Ziele für das IKRK zu definieren. Was sind Ihre wichtigsten Ziele?
Das Wichtigste ist, die Glaubwürdigkeit einer neutralen, unabhängigen und unparteilichen humanitären Hilfe international zu verstärken. Denn das ist die Kernaufgabe des IKRK. Dazu müssen wir uns in einem neuen internationalen Umfeld zurechtfinden, Beziehungen zu neuen Akteuren in der Weltpolitik aufbauen und sich der Entwicklung neuer Formen von Gewaltkonflikten anpassen.

Zu welchen neuen Akteuren der Weltpolitik?
Zu allen aufstrebenden Staaten in Regionen, in denen das IKRK tätig ist, weil diese Länder Einfluss auf Krieg führende Parteien nehmen können. Das sind zum Beispiel Brasilien und Argentinien, Indien und Indonesien sowie Südafrika.

Welche neuartigen Gewaltkonflikte beunruhigen Sie am meisten?
In Lateinamerika und in Zentralamerika erleben wir Fälle, wo organisierte Verbrecherbanden bezüglich Bewaffnung und Verhalten auftreten, als wären sie eine Armee. In Mali sehen wir, was passiert, wenn staatliche Strukturen zusammenbrechen: Internationale kriminelle Netzwerke stossen sofort in solche Territorien vor und ziehen ihre illegalen Geschäfte mit Drogen und Waffen auf. Durch den Zufluss von mehr Geld und Waffen entsteht ein Teufelskreis.

Bis heute dürfen nur Schweizer Bürger Mitglied des Komitees werden, obwohl die Organisation global tätig ist und vier Fünftel der neu rekrutierten Mitarbeitenden Ausländer sind. Wollen Sie den Schweizer Charakter des IKRK bewahren?
Je länger ich in dem neuen Amt bin, desto mehr stelle ich fest, wie stark diese multinationale Organisation durch typisch schweizerische Werte geprägt ist. Zum Beispiel durch die Art, wie man Probleme angeht, oder durch die Kultur des Konsenses. Zudem ist die Neutralität für manche Ausländer, die wir rekrutieren, fast wichtiger als für langjährige Schweizer Mitarbeiter. Das IKRK beweist, wie stark die politische Kultur der Schweiz ist – wie attraktiv für Menschen aus anderen Kulturkreisen und wie nützlich für die humanitäre Arbeit.

Die USA, Grossbritannien, Deutschland und andere grosse Geldgeber des IKRK sind hoch verschuldet. Wie wollen Sie die Finanzierung des Milliardenbudgets sichern?
Wir müssen zeigen, dass wir mit weniger Mitteln mehr leisten. Dann sind Geberländer trotz ihrer Budgetprobleme weiterhin bereit, überzeugende humanitäre Aktionen zu finanzieren. Wichtig ist zudem die Lobbyarbeit bei den Regierungen. Wir müssen Verständnis wecken für die politische Unterstützung der nicht politischen humanitären Hilfe.

Mangelt es an diesem Verständnis?
Politische Agenden werden zunehmend mit humanitären Slogans angereichert. Der Sündenfall waren die sogenannt humanitären Interventionen in den 1990er-Jahren auf dem Balkan. Eine humanitäre Intervention ist nichts anderes als ein militärisches Eingreifen, aber man will dies nicht zugeben. Der Begriff humanitär wird heute derart inflationär verwendet und die Fronten sind so verwischt, dass – wie die Berner sagen – ein Gnusch im Fadenkorb entstanden ist. Daher muss das IKRK glaubwürdig zeigen, dass es Menschen in Not durch unabhängige und unparteiliche Arbeit wirkungsvoll hilft.

Sie haben im IKRK offensichtlich viele Baustellen. Wie entspannen Sie sich vom Dauerstress?
Ich jogge jeden Morgen früh. Ansonsten versuche ich, Ruhe zu bewahren.

Genügen Ihnen tatsächlich vier Stunden Schlaf pro Nacht?
Ich schlafe nicht viel. Das ist nun mal so. Ich habe keine aufwendigen Hobbys und auch keine Zeit für irgendwelche kompensatorischen Aktivitäten. Einen Ausgleich finde ich in meiner Familie, da kann ich relativ gut vom beruflichen Engagement abschalten.

Wie verarbeiten Sie es, sich ständig mit Menschen in Not zu befassen?
Ich muss mich nicht therapieren wegen der vielen Bilder von Leid, die ich im Kopf habe. Ab und zu lese ich ein Buch, das anders ist als die üblichen Akten in A4-Format, oder steige auf einen Berg.

Sie sind in Thun aufgewachsen unter dem Panorama der Berner Hochalpen. Sind Sie schon auf einem dieser Gipfel gestanden?
Ich bin kein Kletterer. Aber ich steige auf den Niesen, das Stockhorn und andere bekannte Gipfel der Voralpen.

Aber die Eigernordwand lassen Sie beiseite?
Ich bin kein mutiger Mensch, der steile Wände hinaufklettert. Ich bin aber gern hoch oben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2012, 15:11 Uhr

Peter Maurer

Peter Maurer, Jahrgang 1956, ist in Thun geboren und aufgewachsen. Er studierte Geschichte und Völkerrecht in Bern und Perugia. Nach Abschluss des Studiums war er Assistent am Historischen Institut. 1987 trat er in den diplomatischen Dienst ein. In den folgenden Jahren war er u. a. im Büro des Staatssekretärs tätig und am EWR und den bilateralen Verhandlungen beteiligt. Von 1996 bis 2000 arbeitete er für die Schweizer UNO-Beobachtermission in New York. Von 2000 bis 2004 leitete er die Abteilung für menschliche Sicherheit im EDA. Danach war er Botschafter der Schweiz bei der UNO in New York. Seit dem 1. Juli dieses Jahres präsidiert er das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, eine Organisation mit 13'000 Mitarbeitern und einem Budget von über einer Milliarde Franken. Peter Maurer ist verheiratet und Vater zweier Töchter. (bur/di)

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