Mit Mehrjahresverträgen lässt sich die Abzockerinitiative austricksen

Aktionärsschützer sprechen sich gegen Zwei- bis Fünfjahresverträge für Konzernchefs aus.

Der Kämpfer gegen die Abzockerei: Ständerat Thomas Minder während der Frühlingssession 2012.

Der Kämpfer gegen die Abzockerei: Ständerat Thomas Minder während der Frühlingssession 2012. Bild: Keystone

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Als Unternehmerlegende Klaus Jacobs als Chef des Personalvermittlers Adecco 2006 den deutschen Konkurrenten DIS kaufte, hievte er den DIS-Chef gleich an die Spitze von Adecco. Das war ihm viel wert: Dieter Scheiff erhielt einen Fünfjahresvertrag. Als er 2009 gehen musste, fand Adecco ihn deshalb mit 4,1 Millionen Franken ab.

Ähnliches spielte sich im Herbst 2012 bei Schmolz + Bickenbach ab: Weil Konzernchef Benedikt Niemeyer und Finanzchef Axel Euchner Verträge mit 24 Monaten Kündigungsfrist hatten, zahlte der Stahlkonzern ihnen eine Abfindung von gesamthaft 5,2 Millionen Euro.

«CEO-Verträge mit einer Laufzeit von über zwölf Monaten können auch als versteckte Abgangsentschädigung dienen», sagt Michael Madjar von der Corporate-Governance-Agentur Schweiz, die institutionelle Investoren in ihrer Stimmrechtsausübung unterstützt. Die Agentur spricht sich deshalb gegen solche überlangen Verträge aus.

DKSH-Chef Wolle hat fünf Jahre

Egal, ob am 3. März Thomas Minders Abzockerinitiative oder der Gegenvorschlag durchkommt: Fälle wie die eingangs beschriebenen wird es auch in Zukunft geben. So wurde der Vertrag von DKSH-Chef Jörg Wolle Ende 2012 um volle fünf Jahre bis Ende 2017 verlängert. Der Chef des Handels- und Vermarktungsspezialisten sei massgeblich für die Erfolgsgeschichte verantwortlich, die mit dem Börsengang im Frühjahr 2012 einen Höhepunkt erreicht habe, begründete DKSH den Entscheid. Die Verlängerung sichere die langfristige Kontinuität in der Führung.

Daran stösst sich Gregor Greber vom Vermögensverwalter zCapital: «Warum braucht ein CEO einen Fünfjahresvertrag? Bei dieser langen Laufzeit sowie der hohen durchschnittlichen Vergütung von 3,75 Millionen Franken pro Geschäftsleitungsmitglied können solche Verträge für die Gesellschaft zu einer Belastung werden. Ist denn die Gefahr so gross, dass der mit DKSH bekannt gewordene Wolle das Unternehmen verlässt?»

Einen Vertrag mit 24 Monaten Kündigungsfrist hat auch Riet Cadonau, Chef des Sicherheitstechnikkonzerns Kaba. Die Frage, ob er Angst vor Misserfolgen habe und deshalb eine Absicherung benötige, hat Cadonau in einem Interview in der «Handelszeitung» von vergangener Woche verneint. «In meinem früheren Vertrag gab es die gleiche Kündigungsfrist, die übernommen wurde. Das ist der Hintergrund und nicht, dass ich Angst habe.» Kaba wollte die «Vereinbarung zwischen CEO Riet Cadonau und dem Verwaltungsrat» nicht weiter kommentieren.

Trend geht in die andere Richtung

Beim Luzerner IT-Dienstleister Also-Actebis haben CEO Gustavo Möller-Hergt und Finanzchef Ralf Retzko einen Arbeitsvertrag mit zwei Jahren Laufzeit. Autoneum-Chef Martin Hirzel hat ebenfalls einen Dreijahresvertrag, laut Sprecherin Anahid Rickmann aber nur vorübergehend: «Autoneum ging aus der Automotive Division der Rieter hervor. Um Stabilität in der Führung sicherzustellen, wurde der CEO für drei Jahre verpflichtet. Ab April 2014 beträgt die Kündigungsfrist 12 Monate.»

In ihrem Rating straft zCapital jene Unternehmen ab, die mit ihren Chefs Mehrjahresverträge abschliessen. «Ein guter Manager hat einen Marktlohn und begründet seine Höhe unter anderem mit dem hohen Risiko. Weshalb braucht es dann langfristige Verträge zur Absicherung?»

Immerhin geht der Trend in die andere Richtung: Nur gerade 7 Prozent der 150 Schweizer Unternehmen, die Vermögensverwalter zCapital in seinem Universum regelmässig analysiert, kennen eine Vertragsdauer, die länger als 12 Monate dauert. «Damit hat sich der Prozentsatz der Unternehmen mit dieser Praxis in den letzten Jahren ungefähr halbiert», sagt Greber.

Eine klare Verbesserung

Für Corporate-Governance-Spezialist Madjar bringen sowohl die Initiative als auch der Gegenvorschlag in einem Punkt eine klare Verbesserung. «Die Dauer der Arbeitsverträge muss bei der Initiative in den Statuten und beim Gegenvorschlag im Vergütungsreglement festgelegt werden. Überlange Verträge müssen also offengelegt werden, und dies ermöglicht es den Aktionären, entsprechenden Einfluss zu nehmen.» Auch Gregor Greber von zCapital stösst sich daran, dass diese Konditionen heute nicht bereits bei der Bekanntgabe der Neuanstellung eines CEO publik gemacht werden müssen.

Deshalb weiss man weder beim neuen Konzern- noch beim neuen Finanzchef von Schmolz + Bickenbach, ob sie einen Zweijahresvertrag haben oder nicht.

Erstellt: 29.01.2013, 10:56 Uhr

Dienstleistungen für engagierte Aktionäre im Paket

Pensionskassen warnen im Vorfeld der Abstimmung zur Abzockerinitiative, der darin formulierte Stimmzwang würde bei ihnen hohe Kosten auslösen; das Verfolgen und Beurteilen der vielen Unternehmen sei äusserst aufwendig. Der Druck auf institutionelle Investoren, ihre Stimmrechte auszuüben, nimmt allerdings so oder so weiter zu. Bei Annahme des indirekten Gegenvorschlags sollen die Vorsorgeeinrichtungen – sofern möglich – ihre Stimmrechte ausüben. In die gleiche Richtung gehen Selbstregulierungsbemühungen von Economiesuisse und anderen Organisationen.

Um den Aufwand zu verringern und die Stimmausübung zu vereinfachen, hat der Zuger Vermögensverwalter zCapital die bestehende Internetplattform www.generalversammlung.net ausgebaut. Diese umfasst neben detaillierten Angaben zur Praxis der Unternehmensführung von rund 150 Schweizer Publikumsgesellschaften relevante Informationen zur Stimmausübung – etwa Termine, Einladungen und Traktanden zu Generalversammlungen sowie begründete Stimmempfehlungen. Die Stimminstruktion für den unabhängigen Stimmrechtsvertreter und der Rechenschaftsbericht können automatisch generiert werden. Dies ermöglicht institutionellen Investoren, ihre Stimmrechte schnell und effizient wahrzunehmen.

Die Preise bringen keine Pensionskasse ins Trudeln: Begründete Stimmempfehlungen mit Stimmabgabemöglichkeit und detailliertem Reporting, das «Verwöhnpaket» sozusagen, kosten für die SPI-Unternehmen 9000 Franken, bei SMI-Unternehmen 5000 Franken. ZCapital wird aber weiterhin keine Anleger an Versammlungen vertreten.

Die Initiative ist Teil einer neuen ­Kooperation dreier Partner im Bereich Aktionärsunterstützung. Die Corporate-Governance-Agentur Schweiz bietet seit 2006 Stimmempfehlungen und Stimmrechtsausübungen an; nun kann sie Stimmrechte bündeln, um den Einfluss der Aktionäre zu stärken. Die Nachhaltigkeitsagentur Inrate zeigt Engagements im Bereich der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit auf. zCapital betreibt seit einiger Zeit auch eine Partnerschaft mit Actares, der Aktionärsvereinigung für nachhaltiges Wirtschaften. Für Anleger entwickelt sich somit eine Alternative zur Anlagestiftung Ethos. (meo)

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