Hintergrund

Mit Schweizer Gewehren im Kampf gegen Islamisten

Sturmgewehre der Schweizer Marke SIG sind im ägyptischen Sicherheitsapparat weit verbreitet. Die Qualitätswaffen werden offenbar auch vor Ort produziert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schweizer Sturmgewehre der Marke SIG sind begehrte Arbeitsgeräte. Das SIG SG550 ist das Sturmgewehr 90 der Schweizer Armee, das jeder Soldat kennt. Varianten davon, etwa die kürzeren Kommandoversionen SG552 und SG553, sind weltweit bei Sicherheitskräften im Einsatz. Auch in Ägypten, wo die Armee diesen Sommer die Regierung des Muslimbruders Mohammed Mursi abgesetzt hat, sind Sicherheitskräfte damit bewaffnet. Die ägyptische Armee hat die Waffen einerseits aus der Schweiz von der Herstellerin Swiss Arms AG aus Neuhausen am Rheinfall geliefert bekommen. Auch von deren US-Ableger Sigsauer Inc. dürften SIG-Gewehre nach Ägypten gelangt sein. Beide Unternehmen gehören zur deutschen L&O-Holding der Unternehmer Michael Lüke und Thomas Ortmeier.

Was in der Schweiz hergestellt und von hier aus exportiert wird, unterliegt trotz Holdingstruktur dem Schweizer Recht. Seit 2009 gilt faktisch ein Ausfuhrverbot für diese Waffen nach Ägypten. Der Bundesrat änderte damals die Praxis wegen der Menschenrechtslage. Nimmt der Nationalrat heute die Änderung der Kriegsmaterialverordnung an, sind solche Exporte wieder denkbar.

SIG-Waffen selbst hergestellt

Doch offenbar kommt Ägypten nicht nur auf diesem Weg zu SIG-Gewehren: Gut informierte Kreise behaupten, dass diese Gewehre in Ägypten von industriellen Betrieben des Verteidigungsministeriums hergestellt werden. Ein Indiz dafür liefert ein Video, das der Sender CBC Egypt vor einem Jahr ausstrahlte: Während eines Interviews mit dem Chef des Staatsministeriums für Militärproduktion werden diverse Rüstungsgüter westlicher Herkunft gezeigt, hergestellt in den Fabriken des ägyptischen Militärs. Darunter sind neben US-Panzern vom Typ M1 Abrams auch SIG-Sturmgewehre zu erkennen – kurz, aber eindeutig.

Dass dies unter Lizenz eines der ursprünglichen Hersteller geschieht, scheint klar. In der Rüstungsbranche dienen Technologietransfers als Gegenleistung bei Geschäften, etwa für grosse Bestellungen. Ägypten ist der grösste Waffenhersteller in der arabischen Welt. Seit einigen Jahren läuft zudem eine industrielle Offensive: Die Produktion soll moderner und besser werden.

«Die SIG ist eine hochpräzise Qualitätswaffe. Das bauen ägyptische Ingenieure nicht einfach nach», sagt ein früherer US-Militärdiplomat, der auch als Militärattaché in Kairo diente, gegenüber dem TA. Fachwissen und Handwerk könnten nur von aussen kommen – also aus den USA oder der Schweiz.

Nicht mehr in Schweizer Hand

Beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) heisst es, die Schweiz habe nie einen Technologietransfer für Sturmgewehre oder Teile davon nach Ägypten bewilligt. Auch Peter Forster, einst NZZ-Nahostkorrespondent und heute Chefredaktor der Zeitschrift «Schweizer Soldat», tippt auf die Amerikaner: «Auf dem Gebiet der Rüstung läuft in Ägypten seit 40 Jahren fast alles über die USA.»

Wie und wohin sich hiesige Waffentechnologie verbreitet, liegt bei aller Rechtstreue längst nicht mehr in Schweizer Hand. Ein weiterer Umstand, der dies unterstreicht: Die Schweiz hat laut Seco «ausschliesslich Sturmgewehre für das ägyptische Verteidigungsministerium, nie aber für die Polizei oder andere Sicherheitskräfte bewilligt». Bilder auf einschlägigen Internetforen zeigen jedoch mit SIG-Gewehren ausgerüstete Elitekämpfer, deren Uniformen und Abzeichen auf Spezialkräfte des Innenministeriums schliessen lassen.

Dies bestätigen auch Informationen eines Schweizer Insiders. Er pflegt seit Jahrzehnten gute Beziehungen zu israelischen Offizieren. Die Israelis, sagt er, wüssten über Ägyptens Arsenale genau Bescheid. Ein israelischer Ex-General und heutiger Kaderausbildner meint demnach, nicht nur die Armee, sondern auch Einheiten der ägyptischen Polizei benutzten SIG-Gewehre.

Genaue Zahlen zum Umfang der Lieferungen aus der Schweiz sind nicht abschliessend zu eruieren. Die Herstellerfirma Swiss Arms AG nimmt keine Stellung. Das Seco weist für 2006 und 2008 die Lieferung von total 642 Sturmgewehren und 61 daran montierbare Granatwerfer aus. In den sechs Jahren davor gingen für knapp 2,7 Millionen Franken Rüstungsgüter der Kategorie KM1 nach Ägypten. Sturmgewehre fallen unter diese Kategorie. Bei einem Stückpreis von rund 2500 Franken wären dies gut 1000 weitere Sturmgewehre.

Mit SIG-Gewehren ausgerüstet sind unter anderem die Amaliyat al-Khasa, ein Sondereinsatzkommando der Polizei, Bataillone der Fallschirmjäger, die Sturmtruppe al-Saaqa, die Antiterroreinheit 777 Combat, die Eingreiftruppe 999 sowie die Republikanische Garde. Von «mindestens mehreren Tausend» SIG-Gewehren in Ägypten spricht der Schweizer Insider mit israelischen Kontakten. Auch im ägyptischen Sicherheitsapparat sei es mittlerweile Standard, ganze Bataillone mit derselben Dienstwaffe auszurüsten. Ein Bataillon ist 800 bis 1000 Mann stark – für die Israelis ist klar, dass in Ägypten mehrere Tausend SIG-Sturmgewehre in Gebrauch sind.

Massaker an Mursi-Anhängern

Die Polizeitruppe Amaliyat al-Khasa sowie einige der Armeeeinheiten werden auf der Sinai-Halbinsel im Kampf gegen Drogenbanden und islamistische Terrorzellen eingesetzt. Die Republikanische Garde hingegen geriet Anfang Juli in den Fokus, als Präsident Mohammed Mursi nach seiner Absetzung durch die Armeespitze in deren Hauptquartier festgehalten worden sein soll. Am 8. Juli kam es vor dem Gebäude zu einem Massaker, bei dem mindestens 51 Anhänger Mursis durch Schüsse von Armee und Polizei ums Leben kamen.

Ob die Republikanische Garde daran beteiligt war und ob Schweizer SIG-Gewehre zum Einsatz kamen, kann weder bestätigt noch ausgeschlossen werden. Sowohl gegen die Armee als auch gegen das Innenministerium erheben Menschenrechtsorganisationen seit Beginn des politischen Umbruchs vor drei Jahren Vorwürfe wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.11.2013, 22:58 Uhr

Rüstungsexporte
In dieser Session entscheidet der Nationalrat

Im September hat der Ständerat eine Motion angenommen, die eine Lockerung für Kriegsmaterialexporte verlangt. Sagt demnächst auch der Nationalrat Ja, werden die Ausfuhrbestimmungen gelockert. Die Zustimmung des Rats wird erwartet, nachdem sich die CVPFraktion am Dienstag für ein Ja entschieden hat. Auch FDP und SVP sind dafür. Die Motion der ständerätlichen Sicherheitskommission beruft sich auf einen Bericht des Bundesrats aus dem Jahr 2010, der eine Benachteiligung der Schweizer Rüstungsindustrie gegenüber der ausländischen festgestellt hat – namentlich gegenüber jenen aus Schweden und Österreich. Wegen dieser Benachteiligung erleide die Branche in der Schweiz Umsatzeinbussen, sagen die Befürworter der Motion. Die Kriegsmaterialstatistik des Staatssekretariats für Wirtschaft bestätigt dies: 2012 seien die Exporte im Vergleich zum Vorjahr von 873 auf 700 Millionen Franken gesunken. Die «SonntagsZeitung» hat jedoch Zahlen publiziert, wonach 2012 für 3,1 Milliarden Rüstungsgüter exportiert wurden – wenn man die sogenannten besonderen militärischen Güter wie Trainingsflugzeuge, Funkgeräte oder Simulatoren mitrechnet. (TA)

Video


Das Video, in dem um die Minute 8:14 die SIG-Gewehre zu sehen sind.

Artikel zum Thema

Schweiz exportiert viel mehr Rüstungsgüter als bisher bekannt

Die Schweiz exportiert mehr Rüstungsgüter als öffentlich ausgewiesen. Die bisher unbekannten Zahlen könnten nun die geplante Lockerung der Kriegsmaterialverordnung infrage stellen. Mehr...

Kerrys Flirt mit General Sisi

Seit dem Putsch im Juli setzen die USA jegliche Militärhilfen an Ägypten aus. Bei seinem ersten Besuch in Kairo seit März schlug Aussenminister John Kerry jedoch äusserst versöhnliche Töne an. Mehr...

USA drosseln Militärhilfe für Ägypten

Ägyptens Generäle müssen auf einen Teil der 1,5 Milliarden Dollar verzichten, die sie jedes Jahr aus Washington erhalten. Die USA wollen so auf politische Reformen drängen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...