Mit dem dicken Portemonnaie zum «Master»

Die Plagiatsaffäre um die Zürcher Nationalrätin Doris Fiala hat gezeigt: Nicht alle, die einen «Master» im Titel führen, haben dafür fünf Jahre studiert. Läuft im Weiterbildungsmarkt etwas schief?

Lukrativ für Dozenten: Weiterbildungsunterricht am St. Galler HSG-Institut für Klein- und Mittelunternehmen.

Lukrativ für Dozenten: Weiterbildungsunterricht am St. Galler HSG-Institut für Klein- und Mittelunternehmen. Bild: Keystone

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Wer bereit ist, mehrere Zehntausend Franken auszugeben, kann an einer Universität oder Fachhochschule während ein bis zwei Jahren einen Weiterbildungskurs besuchen und sich am Ende Master of Advanced Studies (MAS) nennen. Dafür ist weder ein herkömmlicher Master- noch ein Bachelorabschluss nötig. Die Universitäten und Fachhochschulen können Bewerber auch aufgrund der Berufserfahrung aufnehmen – wie die ETH Zürich dies bei Fiala tat. Für Insider ist der Fall – die Politikerin schrieb Teile ihrer MAS-Abschlussarbeit ab, ohne die Quellen anzugeben – symptomatisch für den boomenden Weiterbildungsmarkt.

Das Weiterbildungsangebot an Schweizer Universitäten und Fachhochschulen sei inflationär gewachsen und nicht mehr überschaubar, sagen Laufbahnberater, Wissenschaftler und Dozenten. Gemäss Angaben des Bundesamts für Statistik haben sich die MAS-Abschlüsse allein an den Universitäten zwischen 2005 und 2010 von knapp 600 auf über 1500 fast verdreifacht. Tendenz steigend. Robert Hasenböhler, Leiter Weiterbildung am Institut für Marketing und Unternehmensführung der Universität Bern, stellt vielerorts Qualitätsprobleme fest. Der Konkurrenz- und Kostendruck sei enorm: Unterrichtszeiten und Lerninhalte würden gekürzt. «Es ist wundersam, wie Leute mit 30 oder noch weniger Unterrichtstagen diplomierte Betriebswirte mit universitären Weihen werden können», sagt er.

«Wir haben in unserer Laufbahnpraxis viele Ratsuchende»

Der Kostendruck führe dazu, dass die Universitäten und Fachhochschulen regelmässig ungenügend qualifizierte Kursteilnehmer akzeptierten. Es brauche 15 Kursteilnehmer, damit sich eine Weiterbildung für die Veranstalter lohne, sagt Hasenböhler, der für verschiedene Hoch- und Fachhochschulen Weiterbildungen organisiert hat. Je schlechter gebucht ein Kurs sei, desto grosszügiger würden die Aufnahmekriterien ausgelegt. «Es gibt fast in jedem Kurs sogenannte Deckungsbeitragslieferanten», sagt er. Er habe schon Leute in Betriebswirtschaft unterrichtet, die keine Dreisatzrechnung bewältigen konnten. Auch Berufs- und Laufbahnberater berichten von «tiefen» Aufnahmehürden. Ein Titel sage wenig darüber aus, wie dieser erworben worden sei und welche Qualifikationen sich ein Absolvent angeeignet habe, sagt Hasenböhler. Es gebe hervorragende Kurse und solche, die nichts brächten. Er bezeichnet das Weiterbildungsangebot als «vielfältig und gelegentlich auch bizarr». Ein Blick auf die Weiterbildungsdatenbank der Kantone zeigt: Von einem Weiterbildungsmaster in «Tanzkultur» an der Universität Bern, in «Spiritualität» an der Universität Zürich bis zu «International Oil and Gas Leadership» an der Universität Genf ist vieles möglich.

Heute könne jeder Professor, der eine Idee habe, eine Weiterbildung auf die Beine stellen, sagt der Direktor des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB), André Schläfli. Die Qualitätssicherung sei intransparent. Auch sei oft nicht klar, wie viel ein Diplom in der Berufswelt wert sei. Berufs- und Laufbahnberater sind täglich mit diesen unklaren Verhältnissen konfrontiert: «Wir haben in unserer Laufbahnpraxis viele Ratsuchende, die sich über das vielfältige und auch undurchschaubare Weiterbildungsangebot an den Hochschulen informieren wollen», sagt Barbara Leu von der psychologischen Laufbahnberatung Aarau. Viele wollten vom guten Ruf der Hochschulen profitieren. «Es herrscht eine Diplom- und Zertifizierungsheischerei.» Leu erklärt dies auch mit der für die Schweiz typischen Weiterbildungskultur. Die Vorgesetzten erwarteten von den Angestellten eine hohe Bereitschaft, sich weiterzubilden.

4000 Franken pro Tag

Die Weiterbildungen seien lukrativ für die Dozenten, sagt Schläfli. Dem TA liegen Angaben vor, wonach ein Professor bis zu 4000 Franken pro Tag verdiene. Die Hochschulen beziffern die Entschädigungen nicht, sie betonen aber, sie verdienten in der Regel nichts an den Kursen. Nicht der Gewinn, sondern der gesellschaftliche Nutzen stehe im Vordergrund. Die ETH habe den gesetzlichen Auftrag, Weiterbildungen anzubieten, sagt eine Sprecherin. Die Weiterbildungsstudiengänge stärkten auch den Werkplatz Schweiz, schreibt die Berner Fachhochschule. Den Vorwurf, dass die Hochschulen aus finanziellen Gründen ungenügend qualifizierte Bewerber aufnähmen, weisen alle angefragten Hochschulen von sich. Die ETH und die Universität Zürich geben an, 80 Prozent der MAS-Absolventen verfügten bereits über einen Hochschulabschluss.

Für eine MAS-Ausbildung müssen Teilnehmer häufig 20 000 Franken bezahlen. Die teuersten Kurse kosten über 60'000 Franken. Gemäss Vorgabe der Hochschulrektorenkonferenz setzt ein MAS-Abschluss mindestens 600 Lehrstunden voraus. Die Universitäten und Fachhochschulen haben neben 400 MAS-Studiengängen über 500 sogenannte Certificate of Advanced Studies (CAS) und über 250 Diploma of Advanced Studies (DAS) im Angebot. Heute regeln die Universitäten und Fachhochschulen ihr Weiterbildungsangebot weitgehend autonom. Daran wird auch das vom Parlament 2011 verabschiedete Hochschulförderungs- und –koordinationsgesetz wenig ändern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2013, 06:15 Uhr

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