Interview

«Mit drei Klicks sehen Sie so viel nackte Haut, dass es Ihnen schlecht wird»

Der künftige Chefredaktor des «Blicks» sagt im Interview, welche Schwerpunkte er bei der Boulevardzeitung setzen will.

«Wichtig ist, dass eine Zeitung Kreativität an den Tag legt»: René Lüchinger.

«Wichtig ist, dass eine Zeitung Kreativität an den Tag legt»: René Lüchinger. Bild: Keystone

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Herr Lüchinger, Sie treten beim Blick als «Frauenverhinderer» an. Wie schwer wiegt dieses Stigma?
Man muss die Dinge auseinanderhalten. Der bisherigen Interimschefredaktorin Andrea Bleicher wurde beim «Blick» ein Angebot gemacht, aber sie hat sich aus persönlichen Gründen entschieden, einen anderen Weg zu gehen. Ich kann dies nachvollziehen, auch wenn ich sie gerne an Bord gehabt hätte. Bleichers Entscheidung hat aber nichts mit meiner Person zu tun, sondern mit ihrer Situation und ihren Zukunftsplänen.

Worin hätte das Angebot für Andrea Bleicher bestanden?
Diese Information ist intern und gehört nicht an die Öffentlichkeit.

Welche Ideen wollen Sie beim «Blick» verwirklichen?
Der «Blick» ist in vielerlei Hinsicht schon sehr gut gemacht. Im Sport ist die Zeitung das Beste, was die Schweiz zu bieten hat. Zum «Täschligate» um Oprah Winfreys Einkauf an der Bahnhofstrasse in Zürich wurden hervorragende Geschichten geschrieben. Gewisse Defizite existieren nach meinem Erachten in der Politik und der Wirtschaftspolitik. Mein Ziel ist, diese beiden Bereiche auf dasselbe Niveau zu führen wie die restlichen Ressorts.

Wird der «Blick» eine politischere Zeitung?
Unser Land ist innen- und aussenpolitisch in einer schwierigen Situation. Insofern sind die Zeiten selbst politischer geworden. Dies sollte sich in der grössten Bezahlzeitung der Schweiz auch widerspiegeln.

Wie bringt man die Leser dazu, sich für Politik zu interessieren?
Eine NZZ macht dies sicher anders als der «Blick». Hier ist der Zugang stärker personalisiert. Grundsätzlich geht es darum, komplexe Zusammenhänge einfach zu beschreiben, um dem Leser die Meinungsbildung zu ermöglichen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Mehr Politik und Wirtschaft: Verjagt man damit nicht die meisten Leser?
Wir leben heute in einem Überangebot an Informationen. Die grosse Chance einer Boulevardzeitung ist, dass sie wenig bis gar keinen Pflichtstoff hat und jeden Tag ihr Menü frei zusammenstellen kann. Wenn die Ingredienzien zu diesem Menü aus People, Sport, Politik und Wirtschaft gut sind, dann besteht auch ein Kaufanreiz.

Zu welchem Zeitpunkt haben Sie sich diese Ausrichtung überlegt?
In dem Moment, wo die Gespräche stattfanden, haben der designierte stellvertretende Chefredaktor Andreas Dietrich und ich uns die entsprechenden Gedanken gemacht. Übrigens werden unsere Überlegungen im Newsroom geteilt: Dass es gewissen Verbesserungsbedarf gibt, ist ein Konsens. Wir rennen beim «Blick» keine Mauern ein. Bei der heutigen Bekanntmachung habe ich hoch motivierte Redaktionsmitglieder angetroffen. Man hat harte Zeiten durchgemacht, aber die Leidenschaft für das Produkt ist gross.

Ringier will den «Blick»-Newsroom verstärken – das deutet eher auf die schnelle Nachrichtenverarbeitung hin.
Es soll generell in den Journalismus investiert werden. Das sagt auch Konzernchef Marc Walder. Ringier will die Recherchekraft in den oben genannten Bereichen stärken. In Zeiten, wo die meisten Zeitungen Stellen abbauen, ist das eine gute Neuigkeit.

Wie lange existiert der «Blick» noch als gedruckte Bezahlzeitung?
Wichtig ist, dass eine Zeitung Kreativität an den Tag legt. Eine sekundäre Frage ist, ob Informationen gedruckt oder online verbreitet werden. Wenn Konsumenten den Eindruck haben, dass ein Medium ihnen sowohl Unterhaltung als auch Lebensberatung bietet und darüber hinaus auch politische Zusammenhänge erklärt, dann wird die Zahlungsbereitschaft auch in Zukunft da sein. Das digitale Informationsgewitter ist eine Chance für Zeitungen und Zeitschriften.

Ihr eigener Hintergrund sind die Magazine «Facts» und «Bilanz». Wollten Sie schon immer einmal zum Boulevardjournalismus wechseln, die Seriosität zugunsten der Provokation abstreifen?
Boulevard ist nicht «unseriös», sondern einfach eine andere Spielart von Journalismus: personalisierter, zugespitzter, im positiven Sinne vereinfachender. Boulevardjournalismus ist eigentlich der anspruchsvollste Journalismus, den es gibt. Es ist wesentlich schwieriger, Zusammenhänge in geraffter und lustvoller Form aufzuzeigen als auf einer gesamten Textseite mit 15'000 Zeichen.

Stichwort lustvoll: Welche Rolle wird der Faktor «nackte Haut» beim «Blick» künftig spielen?
Manche Boulevardzeitungen zeigen nackte Haut, andere nicht – für mich ist das keine zentrale Frage. Ich bin auch nicht sicher, welche Rolle dieser Faktor konkret beim «Blick» spielt. Seien wir ehrlich: Mit Nacktheit provozieren, das hätte man vor dreissig Jahren noch tun können. Heute sehen Sie mit drei Klicks im Internet so viel nackte Haut, dass es Ihnen schlecht wird. Insofern ist diese Frage wirklich von vorgestern.

Also künftig weniger Sex im «Blick»?
Wir werden sehen. Ich beginne erst am 1. Januar 2014.

Werden Sie die Tarierung anderen Leuten überlassen?
Sexualität wird als ein Thema unter vielen weiterhin behandelt werden, wenn eine gewisse Relevanz und Aktualität vorhanden ist. Auch der «Tages-Anzeiger» berichtet über Sexboxen in Zürich, bevor sie überhaupt aufgestellt sind. Ich sage schlicht und einfach, dass die Frage nach Sexinhalten und nackter Haut tendenziell überbewertet wird.

Hat man bei Ihnen zu Hause den «Blick» gelesen?
Ich finde, der Blick gehört für einen Journalisten zum täglichen Informationsprogramm.

Erstellt: 20.08.2013, 17:39 Uhr

Der neue «Blick»-Chefredaktor

René Lüchinger übernimmt per Anfang 2014 die Leitung der Chefredaktion des «Blicks». Der ehemalige Chefredaktor des Nachrichtenmagazins «Facts» (1998 bis 2000) sowie Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins «Bilanz» (2003 bis 2007) und Moderator des «Bilanz Talk» auf SF 2 ist heute als Autor von Sachbüchern und Biografien tätig. Aus der Feder des 54-jährigen Journalisten stammen die Bücher «Der Fall der Swissair», «Der Jacobs Weg - Klaus J. Jacobs» und «Stephan Schmidheiny». Im Dezember veröffentlicht er die Biografie der früheren Bundesrätin Elisabeth Kopp. Lüchinger ist auch Partner der eigenen Corporate-Publishing-Agentur Lüchinger Publishing GmbH, deren Anteile er allerdings per Ende Jahr abgeben wird, bevor er die «Blick»-Chefredaktion übernimmt.

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