Mühe mit der neuen Rolle

Ignazio Cassis’ Umgang mit seiner politischen Herkunft irritiert.

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Eine politische Bombe findet sich nicht in den über 500 Tweets, die Ignazio Cassis vor wenigen Tagen gelöscht hat. Genau das irritiert an seiner Aufräumaktion am meisten: Hätte es auf seinem Twitter-Konto Aussagen gegeben mit dem Potenzial, seine Aufgabe als Aus­senminister zu kompromittieren, hätte man die Löschung halbwegs nachvollziehen können. Doch so erscheint die Übung nur als eine etwas peinliche Imagepolitur für einen Politiker, der sich in seinem neuen Amt staatsmännischer geben möchte als vorher.

Noch irritierender wirkt die Löschaktion, weil Cassis nicht zum ersten Mal das Bild von sich nachzubessern versucht. Im August, anderthalb Monate vor seiner Wahl in den Bundesrat, gab er seine italienische Staatsbürgerschaft zurück. Im September, neun Tage vor seiner Wahl, trat er der Waffenlobby Pro Tell bei — nur um sogleich wieder auszutreten, als er deswegen in die Kritik geriet.

Jede neue Rolle eines Politikers macht die früheren nicht ungeschehen

Cassis’ Medienstelle begründet die Löschung der Tweets damit, dass der Tessiner nun eine neue Rolle habe und seine Profile in den sozialen Medien daran anpassen wolle. Solche Rollenwechsel gehören aber zum schweizerischen System. Cassis war zuerst Kantonsarzt, dann Nationalrat, dann Fraktionschef und jetzt Bundesrat. In jeder neuen Rolle hatte er sich anders zu verhalten und zu äussern — das kann die Bevölkerung wohl einordnen.

Gleichzeitig macht jede neue Rolle eines Politikers die früheren nicht ungeschehen. Sie gehören zu seiner Herkunft – so wie unsere Familie, unsere Schulzeit und frühere Arbeitsstellen zu unseren privaten Biografien gehören. Zu meinen, ein vollständiger Neuanfang sei im Internet überhaupt möglich, ist zudem naiv: So viel Aufmerksamkeit wie nach ihrer Löschung hätten Cassis’ Tweets ohne ihre Löschung nie erfahren. Bis jetzt ist Neo-Bundesrat Cassis vor allem damit aufgefallen, wie er an seinem eigenen Image arbeitet. Es ist zu hoffen, dass er seine nächsten Schlagzeilen mit politischer Arbeit generiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2017, 08:15 Uhr

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