«Mühleberg und Fukushima sind nur bedingt vergleichbar»

BKW-Chef Kurt Rohrbach warnt vor voreiligen Schlüssen aus der Atomkatastrophe in Japan. Die Anlage in Mühleberg sei mit derjenigen in Fukushima nur sehr beschränkt vergleichbar.

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Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Nachrichten zur gefährlichen Lage im Atomkraftwerk in Fukushima hören?
Kurt Rohrbach: Wir verfolgen die Situation nach diesem Schicksalsschlag für Japan mit grosser Aufmerksamkeit. Wir werten alle verfügbaren Informationen aus, sind in Kontakt mit Behörden, externen Fachleuten und versuchen uns ein möglichst genaues Bild zu machen. Das ist aber von hier aus äusserst schwierig.


Vor Monatsfrist hat die Berner Bevölkerung knapp Ja gesagt zu einem neuen AKW in Mühleberg. Haben Sie punkto Sicherheit zu viel versprochen?
Die Sicherheit und die Vorkehrungen, die wir treffen wollen, sind offen und transparent dargestellt. Die Frage stellt sich, ob die Bedrohung, die diesen Sicherheitsvorkehrungen zugrunde liegt, neu beurteilt werden muss. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Ausgangslage von Japan und diejenige der Schweiz doch sehr unterschiedlich sind und dass die Anforderungen an die Ersatzkraftwerke bereits strenger sind. So müssen sie zum Beispiel über weiterentwickelte passive Sicherheitssysteme verfügen.

Hatte man bei den AKW-Betreibern ein solches Szenario, wie es in Japan eingetroffen ist, auf dem Radar?
Zusammen mit den Behörden werden regelmässig Notfallszenarien durchgespielt, und da werden auch Situationen simuliert, die über die zu erwartenden Naturereignisse hinausgehen.

Könnte ein solcher Störfall auch in Mühleberg passieren?
Das ist die Frage, über die wir möglichst rasch Klarheit haben müssen. In Mühleberg wurden umfangreiche Nachrüstungsprogramme vorgenommen und zusätzliche Sicherheitssysteme eingebaut, sodass sich ein Vergleich mit den betroffenen Anlagen in Japan nicht einfach gestaltet. Er wird erst möglich werden, wenn wir besser wissen, was genau in Fukushima passiert ist. Dann können wir auch die nötigen Massnahmen treffen.

Das AKW Mühleberg sei vom ähnlichen Typ wie der havarierte Reaktor in Fukushima, heisst es. Können Sie das bestätigen?
Die Reaktoren sind beides Siedewasserreaktoren und haben fast das gleiche Baujahr. In Mühleberg bestehen neben den umfangreichen Nachrüstungen wie dem Susan – ein unabhängiges System zur Abführung der Nachzerfallswärme – schon im Design Unterschiede: Das Kernkraftwerk Mühleberg hat beispielsweise einen Torus, in welchem Dampf kondensiert werden kann. Die Anlagen sind nur bedingt vergleichbar.

Wie ist die Notstromversorgung in Mühleberg konzipiert?
Zusätzlich zur mehrfachen Anspeisung und der Notstromversorgung mit Dieselaggregaten verfügt Mühleberg über einen unabhängigen Anschluss aus dem Wasserkraftwerk Mühleberg mit einer Turbine, welche ausschliesslich diese Aufgabe hat.

Die SP des Kantons Bern fordert, dass das AKW Mühleberg abgeschaltet wird. Was sagen Sie dazu?
Der Betrieb wird laufend von den Behörden überwacht. Hätten diese Zweifel, so könnten sie jederzeit eingreifen.

Wie beurteilen Sie die Chancen, dass die Schweizer Bevölkerung trotz dieses Störfalls Ja zu neuen AKW sagen wird?
Für diese Beurteilung ist es zu früh. Die Schweizer Bevölkerung wird sich ihr Bild auch aufgrund der Analyse machen wollen, was in Japan geschehen ist und welche Folgerungen für die Schweiz gelten.

AKW-Befürworter ärgern sich hinter vorgehaltener Hand darüber, dass die AKW-Gegner nun den Unfall in Japan für ihre Zwecke ausschlachten. Ärgert Sie dies auch?
Die Diskussion ist aufgrund möglichst verlässlicher Fakten zu führen, und wir sind sicher gut beraten, wenn wir diese Fakten möglichst rasch aufarbeiten.

FDP-Ständerat Rolf Büttiker verlangt eine erneute Sicherheitsüberprüfung der Schweizer AKW. Was halten Sie davon?
Wir haben alle Interesse daran, die Überwachung und laufende Überprüfung unserer Anlagen mit den Erkenntnissen aus den Vorgängen in Japan zu ergänzen.

Wie werden Sie vorgehen, um die nötigen Lehren zu ziehen?
Der erste Schritt ist, ein vollständiges Bild von den Vorgängen zu erhalten. Dazu sind wir auf die Zusammenarbeit mit den Betreibern, mit den internationalen Betreiberorganisationen, mit den Behörden, aber auch mit den Hochschulen angewiesen. Dann geht es um die Analyse, dann ist der Link zu unseren Anlagen herzustellen, und die Massnahmen sind zu definieren.

Die Katastrophe zeigt doch, dass Atomkraft einfach nicht beherrschbar ist.
Der Vorfall zeigt auf, wie sorgfältig und konsequent man bei den Fragen, mit welchen Einwirkungen von aussen man rechnen muss und welche Fälle abzudecken sind, und bei der Beurteilung der Reaktionsmöglichkeiten, vorgehen muss.

Das Interview wurde schriftlich geführt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.03.2011, 08:19 Uhr

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Er will Fakten abwarten: BKW-Chef Kurt Rohrbach. (Bild: Urs Baumann)

Kontroverse um Laufzeit

Infolge des Atomunfalls in Japan ist auch eine Kontroverse um die Laufzeit des AKW Mühleberg entstanden. Der Bund hat dem AKW Mühleberg im Dezember 2009 eine unbefristete Betriebsbewilligung erteilt.

Die BKW möchte gestützt darauf das AKW «bis nach 2020» betreiben. Ursprünglich hatte die BKW nur eine bis zum Jahr 2012 befristete Betriebsbewilligung. Aufgrund von Einsprachen liegt das Verfahren nun beim Bundesverwaltungsgericht.

Die Grünen erklärten am Wochenende, dass die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) im Jahr 2002 festgehalten habe, dass Mühleberg keinem Erdbeben standhalten würde. Deshalb müsse Mühleberg wie ursprünglich vorgesehen 2012 stillgelegt werden. Kritik am AKW Mühleberg kam auch von bürgerlicher Seite: «Im Zweifelsfall sollten die Betriebszeiten von Kernkraftwerken nicht verlängert werden», sagte der Solothurner CVP-Nationalrat und Verwaltungsrat des AKW Gösgen, Pirmin Bischof. «In Bezug auf Mühleberg sollte der Bundesrat seinen Entscheid nochmals überdenken. Die Welt ist nicht mehr die gleiche wie vorher», fügte er an.

Neu aufgeflammt ist auch die Diskussion um den Kernmantel des AKW Mühleberg. In diesem sind sehr kleine Risse entstanden. Deshalb wurde der Mantel mit Zugankern – das heisst riesige Klammern – verstärkt. Für die Atomkritiker ein Risiko. BKW-Chef Kurt Rohrbach betont hingegen, dass der Kernmantel «keinen Druck führe».

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