Münsterlinger Medikamententests werden untersucht

Forscher durchleuchten ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.

Der Ort der Versuche: Patienten in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen (undatiertes Bild). Foto: Urs-Oskar Keller (©ProLitteris, Zürich)

Der Ort der Versuche: Patienten in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen (undatiertes Bild). Foto: Urs-Oskar Keller (©ProLitteris, Zürich)

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«Müsst ihr wieder nach Münsterlingen Seeseite?» Diesen spöttischen Satz bekamen Zöglinge des Kinderheims St. Iddazell im Kloster Fischingen in den 60er- und 70er-Jahren oft von ihren Kameraden zu hören. Sie wurden regelmässig in Gruppen mit dem Kleinbus quer durch den Thurgau an den Bodensee gefahren – in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen. Dort erhielten die vermeintlich verhaltensauffälligen und schulisch schwachen Schüler Tabletten, die sie schlucken mussten, verpackt in Schachteln oder Säcklein mit Nummern – «G 35259» oder «Ciba 34276» stand da etwa drauf.

In den Krankenakten wurde genau festgehalten, was die Patienten über ihr Befinden berichteten: Oft klagten sie über Nebenwirkungen, sie wurden apathisch, müde, blass, abwesend, holten auffällig tief Atem oder verlangsamten sprachlich. In den Akten eines Schülers findet sich beispielsweise folgende Notiz:

«Die Sprache steht ihm wie nicht zur Verfügung, stutzt, als müsse (…) er ‹geistig umblättern›, (…) schreien in hoher Tonlage, Kontakt­angst (...) selten Lächeln und Blickkontakt. Mündliche Instruktionen werden gar nicht richtig verstanden.»

Was die Zöglinge nicht wussten: Bei den Medikamenten, die sie einnehmen mussten, handelte es sich um Psychopharmaka im Versuchsstadium, vermutlich um Neuroleptika oder Antidepressiva. Auf dem normalen Markt waren die Präparate von Firmen wie Ciba oder Sandoz nicht oder noch nicht erhältlich. Die Psychiatrische Klinik experimentierte mit deren Dosierung.

Viele Fragen offen

Wie viele Zöglinge des Kinderheims St. Iddazell an solchen Versuchen mit nicht zugelassenen Medikamenten teilnehmen mussten, ist nicht bekannt, ebenso wenig, wie viele der Patienten in der Münsterlinger Klinik insgesamt betroffen waren. Auch ist unklar, ob das Kinderheim in der psychiatrischen Behandlung eine Chance für die als schwierig taxierten Zöglinge sah und deswegen Kontakt zur Klinik suchte oder ob in erster Linie Münsterlingen an den Untersuchung dieser Zöglinge interessiert war.

All das steht im 169-seitigen Bericht über Misshandlungen und Missbräuche im Kloster Fischingen, der im Mai vor einem Jahr publiziert worden ist. Das Kapitel Münsterlingen sei «eben erst eröffnet und noch längst nicht abgeschlossen», heisst es darin.

Ein wichtiger Schritt in Richtung Aufklärung wird jetzt genommen: Wie der Thurgauer Regierungsrat gestern mitgeteilt hat, gibt er ein Forschungsprojekt in Auftrag, das die Psychopharmaka­forschung in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen zwischen 1946 und 1972 beleuchten soll. Der Fokus liegt auf Psychiater Roland Kuhn, der die Klinik von 1970 bis 1979 leitete und davor jahrzehntelang als Oberarzt tätig war.

Der Regierungsrat stellt für das Forschungsprojekt 750 000 Franken aus dem Lotteriefonds zur Verfügung. Zudem setzt er eine interdisziplinäre Projektgruppe ein, die mittels Ausschreibung ein Forschungsteam rekrutieren und dieses bei der Arbeit begleiten soll. Für die Projektgruppe ausgewählt wurden unter anderem die Zürcher Geschichtsprofessorin Monika Dommann, Stephan Krähenbühl, Chefarzt der Abteilung Klinische Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsspital Basel, sowie der St. Galler Rechtsprofessor Thomas Geiser.

70 Laufmeter Akten

Präsidiert wird die Projektgruppe vom Thurgauer Staatsarchivar André Salathé. Er war es, der das Konzept für das Forschungsprojekt formuliert hat. Und der seit Anfang 2013 zusammen mit fünf Mitarbeitern den Nachlass des 2005 verstorbenen Psychiaters Kuhn gesichtet, geordnet und elektronisch verzeichnet hat: 70 Meter Aktenordner, 800 Schachteln, randvoll gefüllt mit Dokumenten, Referaten, Publikationen, Testreihen, Patientenlisten und Briefen, allesamt zur Verfügung gestellt von Kuhns Erben. Diese waren in Zugzwang geraten, nachdem der «Tages-Anzeiger» und andere Medien die nicht zugelassenen Medikamententests ab Ende 2012 publik gemacht hatten.

Heute sind im Staatsarchiv in Frauenfeld 5000 Dossiers archiviert, wie Salathé sagt. Es sei das «komplizierteste und schwierigste Projekt» seiner 20-jährigen Amtszeit gewesen. Doch die Arbeit habe sich mehr als gelohnt: «Wir hätten den Fall Münsterlingen lieber nicht in unserem Kanton», sagt er. «Doch gleichzeitig ist er wohl repräsentativ für andere Fälle, die sich in der Schweiz ereignet haben, aber nicht oder zu wenig dokumentiert sind.» Damit habe das Material aus dem Nachlass Kuhn «eine Relevanz, die weit über den Thurgau hinausgeht».

Beleuchten werden die Forscher laut Salathé drei Themenfelder und unter anderem die folgenden Fragen:

Verantwortlichkeit von Psychiater Kuhn: Wie liefen die Medikamenten­versuche genau ab? Hielt er sich an die ethischen Berufsstandards? Wie standen die anderen Ärzte zu den Versuchen?

Verantwortlichkeit von Kuhns Vorgesetzten, sprich Klinikdirektor Adolf Zolliker, die über die Jahre zuständigen Gesundheitsdirektoren sowie der Gesamtregierungsrat: Was wussten sie und wie detailliert? Was segneten sie bewusst ab? Wie sind die Versuche im gesamtschweizerischen Kontext zu werten?

Verantwortlichkeit der Pharmaindustrie: Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit Münsterlingen? Inwiefern profitierte sie von Kuhns Versuchen?

Das Ziel ist es, das Forschungsprojekt innert dreier Jahre abzuschliessen. Im Herbst 2018 soll ein Buch zum Thema erscheinen. «Der Fokus», sagt Staatsarchivar Salathé, «muss dabei zwingend auf den betroffenen Patienten liegen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2015, 19:31 Uhr

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