Mythos Reduit

Hat der Gotthard im Zweiten Weltkrieg die Schweiz gerettet? Der Historiker Georg Kreis hat auf der Suche nach dem Alltag im Reduit in Kriegstagebüchern gestöbert.

Eingebettet in die Berge: Das Fort Airolo von aussen auf einer zeitgenössischen Postkarte.

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Hat der Gotthard im Zweiten Weltkrieg die Schweiz gerettet? In gewisser Hinsicht schon. Man stelle sich vor, die Schweiz hätte in den Ebenen Hollands gelegen – sie hätte keine Chance gehabt. Ob das Reduit in den Bergen aber tatsächlich standgehalten und sich bewährt hätte, ist wiederum eine andere Frage.

Schreckte das Reduit ab? Was wäre mit dem Rest der Schweiz geschehen? Im vergangenen Jahr blendete das Schweizer Fernsehen in einer Reality Show in diese Zeit zurück und setzte eine Debatte in Gang, in der sich die vielen Amateurstrategen, die es im Lande gibt, ereiferten. Wie aber wurde in der Zeit selbst darüber gedacht?

Wie kommt man an diese «echte» Vergangenheit heran? Vor ein paar Jahren gab es als Reaktion auf die in den 1990er-Jahren hochgekommene internationale Kritik am schweizerischen Verhalten während des Kriegs (und der kritischen Bearbeitung durch die Bergier-Kommission) eine Massenbefragung. Hunderte von Angehörigen der Aktivdienstgeneration konnten ihre Erinnerungen registrieren lassen.**

Sehr unterschiedlich

Das war aber nur der halbe Weg in die Vergangenheit, denn viele Zeitzeugnisse waren stark geprägt von nachträglich etablierten Meinungen. Die solideste Einsicht, die aus der Befragung zu gewinnen war: Schon damals waren die Einschätzungen sehr unterschiedlich. Vom Zorn, dass ausserhalb des Reduits «gopfertori» alles kaputtgeschlagen wurde (inklusive Weib und Kind), bis zur Überzeugung, dass sich die Deutschen am Reduit «die Zähne ausgebissen» hätten. Wichtig sind die Hinweise auf den Krieg der Finnen im Winter 1939/40 und ab 1941 auf die jugoslawischen Partisanen. Diese zeigten, dass Verteidigung nicht aussichtslos war.

Truppentagebücher

Den ganzen Weg in die Vergangenheit geht man, wenn man im Bundesarchiv in Bern die Schachteln mit den Truppentagebüchern öffnet. Man kommt dabei allerdings auch nicht ganz an die Truppe heran, weil diese Tagebücher in der Regel vom Kader geführt wurden und die Aufzeichnungen nach vorgegeben Punkten formalisiert waren. Über das meteorologische Wetter erfährt man mehr als über die Stimmung in der Truppe, das geistige Wetter sozusagen.

Eher selten sind die etwas substanziellen Aussagen, wie im September 1940 über einen Filmvortrag über den finnischen Winterkrieg, der einen «ausgezeichneten Eindruck» hinterlassen habe. «Wir wollen, sollte es so weit kommen, den Finnen an Mut und Tapferkeit nicht nachstehen!» Am Bettag 1943 der Aufruf, die Kraft und Verteidigungsbereitschaft aus dem Glauben an den allmächtigen Gott zu schöpfen. Dicht daneben eine Kritik, dass der Kriegskommandoposten aus einer «splitternackten Holzbaracke» ohne Wasser, Licht und Abortanlagen bestünde. Manchmal auch Notizen zu Sport- und Verkehrsunfällen.

Alles in allem dominierte die kleine Optik auf den täglichen Dienstbetrieb, zum Beispiel auf den Mangel, dass während des Dienstes nicht richtig «gemeldet» und im Ausgang nicht richtig gegrüsst würde und dass auf dieses Vergehen zwei Tage scharfer Arrest während des grossen Urlaubs drohten. Die grossen Gedanken über die Verteidigungsaufgabe – und das Reduit – stellte man sicher an, man sprach sie während einer Rauchpause vielleicht sogar aus – in diesen Tagebüchern fanden sie jedoch kaum ihren Niederschlag.

Wo war das Reduit?

Doch das Reduit beschränkte sich bei Weitem nicht auf den Gotthard! Als Napoleon um 1803 den Eidgenossen in den Mund legte, diese würden sich gerne verschanzen und dem Ausland zurufen: «Kommt her und esst unsere Berge!», dachte er wohl eher an die Walliser denn an die Zentralalpen.

Das Reduit selbst im engeren Sinn umspannte einen breiten Alpenraum, der sich vom Unterwallis (St-Maurice) bis nach Sargans hin zur Linthebene erstreckte. Das Reduit im weiteren Sinn umfasste, auf den Punkt gebracht, eigentlich die ganze Schweiz (wie sich auch die Gotthardlinie nicht auf die Strecke Amsteg–Faido beschränkt, sondert bei Basel beginnt und bei Chiasso endet). Das Reduit begann im Grunde bereits an der Grenze, wo der Rest der Welt begann und ab der ersten Verteidigungslinie der Verzögerungskampf aufgenommen wurde.

Wichtig war bereits das Vorgebirge. Der Zeitzeuge M. B. (Jg. 1920) erklärte: «Ich war im Entlebuch. Wenn man vom Gebirgskampf spricht, darf man nicht nur an die Viertausender denken, sondern auch an die kleinen Höger, die bewaldet sind.»

Fertig im vierten Kriegsjahr

Das Reduit war erst 1943 einigermassen ausgebaut, kurz bevor man wegen des Kriegsverlaufs wieder aus den Bergen herauskommen musste. Als Begriff und Schlagwort wurde es erst damals populär beziehungsweise popularisiert. Gewiss gab es schon vorher die starke Vorstellung der Alpen als Rückzugsort. Die im Dezember 1942 in grosser Auflage verteilte Propagandaschrift «Wir halten durch» spricht nicht vom Reduit. Ihre Formulierung: «An unsern Bergen haben wir starke Verbündete.» Die zentrale Botschaft lautete damals, dass die Stellungen uneinnehmbar seien, wenn die Soldaten jedes Opfer zu ertragen bereit seien.

Die Wehrpropaganda von 1943 musste das Reduit, gestützt auf den französischen «Dictionnaire littré», zuerst erläutern. Das von Oberst Louis Couchepin verfasste Schriftchen räumte ein, dass es besser gewesen wäre, wenn man die Bevölkerung schon früher aufgeklärt hätte. Die Alpenstellung wurde als zusammen mit Gott gebaute Verteidigung präsentiert, hier werde bis zur letzten Patrone, ja bis zum letzten Felsblock ausgeharrt. In einem Dialog zwischen einem «Besorgten» und einem «Soldaten» wurden wie in einem Katechismus auf alle möglichen Einwände die «richtigen» Antworten formuliert. Etwa: Das Reduit sei nicht nur eine Rückzugsstellung, sondern auch eine Ausgangsbasis für Gegenangriffe.

Der Text hält auch fest, dass Strassen- und Eisenbahndurchgänge mit verborgenen Sprengladungen «im Herzen des Berges oder in den Pfeilern der Brücken» geschützt seien. Diese Vorkehrungen bilden noch in der heutigen Reduit-Debatte ein wichtiges Argument. In der gefährlichsten Zeit, im Sommer 1940, war das aber erst im Projektstadium mit einem Mann-, Material- und Geldbedarf, der gar nicht gedeckt werden konnte. Die Züge rollten unkontrolliert zwischen den Achsenpartnern Deutschland–Italien und lösten bei der Bevölkerung, die das sehr wohl wahrnahm, allerhand Spekulationen aus. Die Zerstörungspläne wurden erst im April 1941 vom Bundesrat bewilligt, die Tunnels erst 1942 zur Sprengung vorbereitet.

«Gruss vom Fort Airolo.»

Das Reduit, das waren die Alpen. Der Kern des Kerns, das war aber doch der Gotthard, der damals als Symbol das Zentrum der Schweiz bildete.

Der Reduit-Geist wird gerne als Produkt des Aktivdienstes 1939–1945 verstanden. Er ist aber älter. Er bildete sich entweder während des Ersten Weltkrieges 1914–1918 heraus oder sogar ein paar Jahre zuvor. Die Gotthardfestung war eigentlich die Folge des erleichterten Gotthard-Transits. Die Eröffnung des Eisenbahntunnels von 1882 rief nach zusätzlichen Verteidigungsmöglichkeiten – speziell gegen Italien.

1885 wurde der erste Kredit für die Festungsbauten gesprochen, 1888 mit den Arbeiten begonnen. Anfänglich war diese Festung überhaupt nicht geheim, es bestand offenbar im Gegenteil ein Interesse, diese Verteidigungsmöglichkeit gleichsam aller Welt bekannt zu machen. Eine Postkarte (Bild) aus der Zeit um 1900 zeigt stolz die eine der Anlagen unter dem Titel «Gruss vom Fort Airolo».

Das neutrale Herz

In dem Masse, als das schweizerische Umfeld eine irritierende Grösse wurde, schrieb man dem Zentrum auch gerne die Funktion zu, das neutrale Herz von ganz Europa zu sein. Gonzague de Reynold machte in einer Schrift von 1915 aus der «forteresse» Gotthard das Zentrum nicht nur der Schweiz, sondern auch eines grösseren, europäischen Reichs. Im St. Gotthard wollte er vor allem darum einen besonderen Berg sehen, weil hier drei grosse Kulturräume (der französische, der italienische und der deutsche) zusammenkamen und von da aus – die Wasser offen in allen Richtungen strömten.

Die Vorstellung vom Reduit-Geist bedarf noch in einer anderen Hinsicht einer Korrektur: Es war nicht der Geist eines sich einrollenden und bloss die Stacheln stellenden Igels. Das bessere Bild ist dasjenige des Murmeltiers, das vor seinem Bau Wache und Ausschau hält, mit witternder Nase und permanenten Alarmpfiffen. Zu den vielen Attributen, die man dem Gotthard gibt, gehört die Eigenschaft des Aussichtspostens auf dem Dach Europas.

Vielleicht kann man einmal feststellen, dass – gegen den Urinstinkt und die historische Erfahrung – das Umfeld nicht mehr derart feindselig ist, wie es einmal gewesen ist. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.08.2010, 14:48 Uhr

Infos

Georg Kreis ist Leiter des Europainstituts, Universität Basel

Christof Dejung u.a. (Hg.), Landigeist und Judenstempel. Erinnerungen einer Generation 1930–1945. Zürich 2002.

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