Mythos Rückkehr

Sie planten bloss einen beschränkten Aufenthalt. Doch dann bleiben sie für immer. Mehr und mehr Ausländer bleiben bis zum Lebensende in der Schweiz.

Migranten vor dem Bundeshaus: Viele planten zurückzugehen – und bleiben dann doch in der Schweiz.

Migranten vor dem Bundeshaus: Viele planten zurückzugehen – und bleiben dann doch in der Schweiz.

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Es ist für viele Ausländer in der Schweiz die Frage, die sie das ganze Auswandererleben lang beschäftigt: Kehren wir dereinst wieder in die Heimat zurück? Für viele ist die Antwort meistens klar – jedenfalls so lange, bis es dann eigentlich so weit wäre. Denn die Rückkehr in die Heimat, von der das Gros der Einwanderer zu Beginn wie selbstverständlich ausgeht, wird mit den Jahren im Land vielfach erst zum Traum und dann zum «Mythos», wie der Soziologe Bashkim Iseni gestern vor den Medien sagte.

Dies hat sich bereits bei den Italienern und Spaniern gezeigt, die als Erste in grossen Wellen in die Schweiz einwanderten – und von denen mehr als die Hälfte auch nach der Pensionierung blieben. Und dies zeigen nun auch fünf neue Studien über die Diaspora der Türken, Kosovaren, Portugiesen, Somalier und Eritreer in der Schweiz, die das Bundesamt für Migration gestern veröffentlichte. «Der Wunsch nach Rückkehr ist noch ziemlich verbreitet, vor allem unter den Migranten aus der Türkei der ersten Generation», stellen etwa die Autoren der Analyse über die türkische Migrantengemeinschaft fest. «Tatsächlich aber nimmt die Zahl der Rückwanderungen deutlich ab.»

Der Traum zerplatzt plötzlich

Ähnliches beobachteten die Autoren bei den Eritreern und selbst bei den Portugiesen, deren Heimatverbundenheit und Rückkehrwille jahrelang besonders ausgeprägt war. «Heute bleiben portugiesische Staatsangehörige immer länger oder sogar definitiv in der Schweiz.» Dies gilt auch für Einwanderer der ersten Generation. Die persönlichen Überlegungen hinter diesem Trend sind gemäss den Erfahrungsberichten in den Studien vielfältig und für die betroffenen Familien nicht einfach. Die einst Ausgewanderten müssen feststellen, dass sich ihre Heimat während der Jahre in der Schweiz stark verändert hat – und sie plötzlich mit der Lebensweise der Schweizer besser vertraut sind als mit jener in der fremd gewordenen Heimat. «Der Traum von der Rückkehr erleidet dann plötzlich einen herben Rückschlag», sagt Soziologe Bashkemi. Dazu kommt, dass die Kinder vielfach ohnehin die Schweiz nicht verlassen wollen, womit die Eltern in der alten Heimat im Alter plötzlich ganz alleine wären. Vor diesem Hintergrund vergleichen sie auch genauer, wo sie wie einfach Zugang zu medizinischer Versorgung oder Pflege erhalten.

Die Frage führt denn auch in Ausländerfamilien nicht selten zu Spannungen. Vielfach möchte der Mann zurück ins Heimatland, während es die Frau bei den Kindern und Enkeln in der Schweiz hält. Mit eine Rolle spielt auch, dass die Frauen – speziell in der Türkei – fürchten, in der alten Heimat auch wieder in die alte Rolle der Hausfrau gedrängt zu werden und die finanzielle und persönliche Autonomie zu verlieren, die sie in der Schweiz erworben haben.

Die Schweiz nachbilden

Die Mühe mit der Rückkehr geht teilweise so weit, dass der vermeintlichen Rückkehr in die «Heimat» wieder eine Rückkehr in die Schweiz folgt. Davon erzählt die Studie über die Portugiesen, unter denen einige einstige Auswanderer verwirrt feststellen mussten, wie stark sich das lokale Leben seit ihrer Auswanderung verändert hat. Und auch jene, die zurückwandern, lassen die Schweiz nicht einfach los. «Für sie bedeutet die Rückkehr eigentlich, dort eine kleine Schweiz nachzubilden», erzählt ein Migrationsfachmann.

Erstellt: 27.08.2010, 09:00 Uhr

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