NZZ opfert den Chefredaktor

Markus Spillmann wird als erster Chef der «Neuen Zürcher Zeitung» abgesetzt. Der Verwaltungsrat reagiert damit auf die zuletzt lauter gewordene interne Kritik.

Markus Spillmann bereitete der NZZ-Leitung einige Sorgen. Foto: Christoph Ruckstuhl (NZZ)

Markus Spillmann bereitete der NZZ-Leitung einige Sorgen. Foto: Christoph Ruckstuhl (NZZ)

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Markus Spillmann rang um Fassung. Kämpfte gegen Ende gar mit den Tränen, als er gestern Nachmittag die NZZ-Redaktion über seinen Weggang informierte. Die Nachricht kam für ihn aus heiterem Himmel. Tage zuvor lud er die Belegschaft noch auf ein vorweihnachtliches Glühweintrinken ein. Und auch sein jüngster Auftritt anlässlich einer Medientagung in Österreich machte nicht den Eindruck, dass der 47-jährige Spillmann ahnte, wie es um seine Karriere stand.

Als erster Chefredaktor in der jüngeren Geschichte der «Neuen Zürcher Zeitung» muss Spillmann unfreiwillig von seinem Posten zurücktreten. Gestern informierte das Unternehmen, dass man sich trenne. Der Schritt wurde mit unterschiedlichen Vorstellungen begründet. Über die Stossrichtung der angepeilten Veränderungen seien sich Spillmann und der Verwaltungsrat einig gewesen, über die konkrete Umsetzung nicht.

Dass es seit einiger Zeit bei der NZZ brodelt, ist kein Geheimnis. Und es gab klare Hinweise, dass Spillmann zunehmend unter Druck geriet. Seit Monaten hört man von Machtkämpfen in der Redaktion an der Falkenstrasse, was der Verwaltungsrat mit Sorge beobachtet haben soll. Im September sagte Präsident Etienne Jornod der Wirtschaftszeitung «Finanz und Wirtschaft», dass man in Sachen Qualität nicht auf dem Maximum sei. Spillmann musste die Kritik unvorbereitet in der Zeitung lesen.

Geschwächt wurde Spillmanns Position auch durch die Entwicklung des Digitalangebots. Seit Jahren macht die Internetseite der NZZ Sorgen. Mehrfach liess er das Produkt überarbeiten und setzte sich bei Uneinigkeiten durch. Doch die Seite musste herbe Leserverluste hinnehmen und kann seit Jahren nicht an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen.

Er soll im Unternehmen bleiben

Zusätzlich litt Spillmanns Reputation in der Öffentlichkeit in den letzten Monaten. So wurde der Chefredaktor in der ­Selfiegate-Affäre heftig kritisiert. Die Zeitung berichtete über eine frivole Bundeshaussekretärin, was schliesslich zu ihrer Freistellung führte. Unvorteilhaft war auch ein Artikel in der «Weltwoche», der Spillmanns freizügige Facebook-Aktivitäten thematisierte, was den Verwaltungsrat offenbar ärgerte. Schliesslich sorgte jüngst Spillmanns ­öffentliche Rüge an die Adresse einer Wirtschaftsautorin für internen Aufruhr. Sie hatte das Coming-out von Apple-Chef Tim Cook kritisiert, was Spillmann als Fehlleistung bezeichnete. Seine Reaktion wurde intern als Führungsschwäche ausgelegt.

Wie es mit Spillmann Ende Jahr weitergeht, ist noch unklar. Der VR will ihn im Unternehmen behalten. Mit der Trennung von Spillmann definiert er aber die künftige Rolle des NZZ-Chefredaktors neu. Stets war der Chefredaktor auch Leiter Publizistik im Geschäftsbereich NZZ. Die bisher in Personalunion ausgeübten Funktionen sollen neu definiert und die publizistischen Prozesse entsprechend geordnet werden, steht in einer Medienmitteilung. Im Klartext heisst das: Der künftige Chefredaktor wird künftig weniger mächtig sein als bisher. Wer Spillmanns Nachfolge antritt, ist noch offen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.12.2014, 09:52 Uhr

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