Nach Deutschland, nach rechts

Die traditionsreiche NZZ baut ihre Präsenz in Deutschland aus. Und erhält dort mit ihrem politischen Kurs viel Applaus aus Kreisen der AfD.

Eric Gujer vertieft durch das Deutschland-Engagement der NZZ seine langjährige Verbindung zu dem Land. Foto: Reto Oeschger

Eric Gujer vertieft durch das Deutschland-Engagement der NZZ seine langjährige Verbindung zu dem Land. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie deutsch die NZZ unter ihrem neuen Chefredaktor geworden ist, lässt sich am Kommunikationsverhalten von Eric Gujer ablesen. Auf Mails von Journalisten von Tagesanzeiger.ch/Newsnet antwortet er schon – allerdings nur dem Chef des Journalisten. Gujer pflegt unter seinesgleichen zu kommunizieren. Die Hierarchiestufe ist einzuhalten.

Dass mit Eric Gujer, der in Deutschland studiert hat und dort lange Korrespondent war, das deutsche Element in der NZZ verstärkt würde: Es passt zur Geschichte des Blattes. Als die Zeitung gegen Ende des 18. Jahrhunderts gegründet wurde, waren es fast ausschliesslich Deutsche, die von Zürich aus ihre auf­klärerisch-revolutionären Ideen verbreiteten – immer auch die alte Heimat im Blick. Deutsche Liberale fanden in den Wirren von 1848 in der NZZ Unterschlupf. Und hundert Jahre später war es Deutschland-Korrespondent Fred Luchsinger, mit dem Kanzler Konrad Adenauer Ideen auf das internationale Echo hin testete.

Dass sich der Chefredaktor also mit Vorliebe Deutschland widmet und eine Deutschland-Offensive gestartet hat, ist der 200-jährigen Tradition der NZZ verpflichtet. Wie er das macht: nicht so sehr.

Rechts der Mitte

Gujer positioniert sich und die ausgebaute Berliner NZZ-Vertretung deutlich rechts der Mitte. Auch dort, wo die Wähler der Alternative für Deutschland (AfD) zu Hause sind. Er macht das mit dem Newsletter «Der andere Blick», der die deutsche E-Paper-Ausgabe der NZZ begleitet. Nach eher zurückhaltendem ­Beginn wirkt dessen Ton zunehmend schriller. Zur Integration von Einwanderern stellte er etwa fest, dass diese einzig als «Assimilation» gelingen könne und im Grunde stets eine «Reedukation» erfordere, eine Umerziehung also.

Besonders heftig fiel eine Abrechnung mit Angela Merkel nach der Bundestagswahl aus. Gujer bezeichnete die Kanzlerin als politische «Untote». Über die Flüchtlingspolitik von 2015 schrieb er: «Mit der abrupten Öffnung der Ostgrenze gab die CDU zugleich die Idee des Staatsvolks auf, das sich von anderen Völkern unterscheidet und aus dieser Distinktion seine Existenzberechtigung ableitet.» Das argumentiert nahe an völkischen Thesen, die Migration als unzulässige «Völkervermischung» grundsätzlich ablehnen.

Die Rechten klatschen

Im Unterschied zu üblichen NZZ-Artikeln über deutsche Politik werden solche Meinungsstücke in den sozialen Medien heftig beklatscht und Tausende Male geteilt – vor allem in Deutschlands rechter Szene. Gujers Breitseite gegen Merkel etwa wurde von der halben AfD-Spitze weiterempfohlen, unter anderen von Fraktionschefin Alice Weidel.

Den Rechtsdrall zu deutschen Themen befördern auch deutsche Gastautoren, die auf der Meinungsseite und im Feuilleton schon länger über Merkel, Flüchtlinge, Islam und Multikulturalismus wettern – und ähnlich verbreitet werden wie die Texte von Gujer. Eine herausragende Stimme dabei ist die Lieblingsfeuilletonistin der AfD, Cora Stephan, die in deutschen Blättern kaum mehr stattfindet, aber seit 2016 ganze 13-mal in der NZZ zu Wort kam. Auch andere rechtslastige Autoren wie der frühere «Bild»-Chef Hans-Hermann Tiedje oder Wolfgang Bok schimpfen über die «irregeleitete Politik» in Deutschland.

«Merkel will nicht zugeben, im Herbst 2015 einen fundamentalen Fehler gemacht zu haben, obwohl dies inzwischen alle sehen.»Eric Gujer, Chefredaktor NZZ, 21. Oktober 2017

Auf Kritik am Kurs reagieren die Verantwortlichen dünnhäutig. «Die Haltung der NZZ ist klassisch liberal», schreibt Marc Felix Serrao. Man könne mit nationalkonservativer und engstirniger Deutschtümelei ebenso wenig anfangen wie mit linkem Staatspaternalismus. «Allerdings grenzen wir Andersdenkende nicht aus, sondern treten vehement für ihr Recht ein, am öffentlichen Gespräch teilzunehmen.» Das unterscheide die NZZ von vielen Wettbewerbern, die das Eintreten für das Recht, eine Position zu äussern, mit der Übernahme dieser Position verwechselten.

Serrao ist neben Gujer massgeblich für den «anderen Blick» zuständig. Er leitet seit Anfang Juli das aufgestockte Berliner Büro der NZZ. Serrao ist ein relativ bekannter deutscher Journalist, der lange für die «Süddeutsche Zeitung» gearbeitet hat. Für die NZZ hat er seit Juli drei Dutzend Texte geschrieben, von denen sich auffallend viele mit der AfD beschäftigen. Fast die Hälfte seiner Artikel widmet sich den Rechten, dem Islamismus oder der Gefahr des Linksextremismus. Zwei Interviews hat Serrao publiziert, eines mit Alice Weidel, das andere mit AfD-Parteichefin Frauke Petry. Er selber findet an dieser Auswahl nichts Besonderes: «Die AfD hat in diesem Wahljahr in allen Medien überdurchschnittlich viel Raum eingenommen.»

Mythos Denkverbote

Vor allem in den Kommentaren fällt auf, mit welchem Eifer Serrao gegen eine ­angebliche linke Meinungsdiktatur anschreibt, die rechte Stellungnahmen in Deutschland mit Denkverboten belege. Nach einem Tumult um einen völkischen Verlag an der Frankfurter Buchmesse hob sich Serrao ausdrücklich von den «Predigern» und «Spöttern» in anderen Medien ab und suggerierte, die NZZ suche quasi alleine noch die sachliche Auseinandersetzung mit den Rechten – ungeachtet der Tatsache, dass AfD-Politiker längst in allen deutschen Medien ausführlich zu Wort kommen.

Serraos Eifer geht über eine liberale Grundhaltung deutlich hinaus. Auch ohne sich diese Meinungen zu eigen zu machen, bestätigt er die Opferrolle der Rechten und scheint deren Strategie der «Normalisierung» zu befördern. Das kommt an. Die NZZ, hiess es nach seinem Text über die Buchmesse auf dem Blog des rechtsradikalen Vordenkers Götz Kubitschek, zeichne sich vor allen anderen deutschsprachigen Medien als «Stimme der Vernunft» und durch «Sachlichkeit» aus. Man könne sie nahezu als publizistischen Verbündeten ansehen.

Der Medienanwalt Joachim Steinhöfel, der beste Kontakte in die neurechte Szene unterhält, hob im Sommer in einer Rede die NZZ unter den deutschsprachigen Medien ausdrücklich hervor und nannte die Schweizer Zeitungen – vermutlich mit Seitenblick auf die rechten «Weltwoche» und «Basler Zeitung» – das «neue Westfernsehen». Der Vergleich insinuiert, Deutschland sei heute meinungsmässig wieder eine Art DDR, in der man die Wahrheit nur erfahren könne, wenn man «freie» ausländische Zeitungen lese.

Eine Nische rechts der FAZ

Die NZZ profitiert auch von der Schweiz-Begeisterung, die in deutschnationalen Kreisen vorherrscht. Viele liberale und linke deutsche Publizisten wundern sich hingegen über die Schlagseite der altehrwürdigen Zeitung. Die deutsche Komikerin Sophie Passmann etwa schrieb kürzlich auf Twitter: «Jedes Mal, wenn ich NZZ lese, lerne ich 2 neue Wörter und 4 neue rassistische Ressentiments.»

Deutsche Journalisten und Professoren, mit denen Tagesanzeiger.ch/Newsnet gesprochen hat, stellen sich die Frage, ob der Rechtsdrall der NZZ neben dem ideologischen auch einen kommerziellen Grund hat. Viele vermuten, die NZZ suche in Deutschland rechts der bürgerlichen «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) eine publizistische Nische. Während die FAZ sich nationalkonservativen oder rechtsradikalen Tönen ziemlich konsequent verschliesst, signalisiert die NZZ jedenfalls ein Bemühen, mit ihrem «anderen Blick» auf dem wachsenden rechten Lesermarkt eine Rolle zu spielen.

Dort gibt es zwar mittlerweile eine Fülle von rechten Zeitungen und Magazinen, aber keine Publikation geniesst das Renommee einer angeblich neutralen Beobachterin wie die NZZ. Das sieht auch der Parlamentarische Geschäftsführer der neuen AfD-Fraktion im Bundestag so: Man schätze die NZZ als «neutrale Stimme», lässt Bernd Baumann mitteilen. In der Flüchtlingskrise, als fast alle deutschen Medien unkritisch berichtet hätten, habe sie eine «wichtige Kontrollfunktion» ausgeübt.

Angst an der Falkenstrasse

Mit Sorge wird diese neue Ausrichtung in der Schweiz beobachtet. «Sollte man bewusst auf das AfD-Publikum zielen, wäre das auf lange Sicht tödlich», sagt der emeritierte Zürcher Politikprofessor Georg Kohler, der zumindest auf den Meinungsseiten tatsächlich einen gewissen Rechtsrutsch verspürt. Um den Anspruch als «Weltblatt» zu erfüllen, müsse man in Deutschland präsent sein, sagt Kohler. «Mit einer ausschliesslich rechtsliberalen Sicht und Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel wird das auf lange Sicht nicht möglich sein.»

Es knirscht rund um die NZZ, es knirscht innerhalb der NZZ. Mit einem Brief protestierten knapp 70 Akademiker kürzlich gegen die Entlassung eines langjährigen Feuilleton-Redaktors und gegen die zunehmende Politisierung des Kulturteils unter dessen Leiter René Scheu (zur Meldung im «persönlich»). Die WOZ berichtete von Unruhe unter Redaktoren, einem Klima der Angst. Und gestern erst wurde bekannt, dass Eric Gujer gegen eine langjährige Reporterin der NZZ ein Schreibverbot erliess, weil sie sich kritisch über die Zeitung geäussert hatte.

«Viel Spass!»

Gerne hätte man mit Gujer selber darüber geredet. Er hat von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zu Beginn der Woche konkrete Fragen zum Kurs seiner Zeitung in Deutschland erhalten. Doch er konnte oder wollte die Fragen nicht beantworten. Stattdessen hat Gujer ein direktes Interview über Liberalismus an und für sich in Aussicht gestellt.

So sagt er also nichts auf die Fragen. Und lässt beispielsweise offen, ob der Rechtsdrall der NZZ in Deutschland hilft, neue Leser zu finden. Offen lässt er auch, wie der neue Kurs in der Redaktion an der Falkenstrasse ankommt. Dort erzählt man sich im Moment gerne den Satz weiter, mit dem der Mitherausgeber der FAZ, Jürgen Kaube, auf die Vermutung reagiert habe, die NZZ wolle eine publizistische Heimat der deutschen Rechten werden: «Na dann, viel Spass!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 21:08 Uhr

Artikel zum Thema

Unruhe in der NZZ nach Kurswechsel

Die Energiewende spaltet nicht nur die FDP, sondern auch die ihr nahestehende «Neue Zürcher Zeitung». Nun verfügte der Chefredaktor eine neue Position der Zeitung. Mehr...

Die Angst vor der Umarmung durch die alte Tante

Der Chefredaktor der «NZZ am Sonntag» wird pensioniert. Nun befürchtet die Redaktion eine Anbindung ans Mutterblatt NZZ – und wendet sich an den Verwaltungsrat. Mehr...

«Wir sind kein Parteiblatt»

Interview Eric Gujer, der neue Chefredaktor der NZZ, grenzt sich von der SVP und ihren Forderungen ab. Mit Markus Somm an der Spitze der Zeitung wäre es «schwierig» geworden, sagt er. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...