Interview

«Nach Mühleberg nehmen wir das AKW Beznau ins Visier»

Rainer Weibel ist Anti-AKW-Aktivist und vertritt vor Gericht die Mühleberg-Gegner. Der Anwalt beteuert, Mühleberg sei die gefährlichste Anlage der Schweiz.

«Das gefährlichste AKW der Schweiz»: Innenansicht des Reaktors in Mühleberg.

«Das gefährlichste AKW der Schweiz»: Innenansicht des Reaktors in Mühleberg. Bild: Keystone

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Herr Weibel, Sie behaupten, das AKW Mühleberg sei das gefährlichste AKW der Schweiz. Ist das nicht einfach Stimmungsmache eines findigen Anwalts?
Rainer Weibel: Nein, das AKW Mühleberg hat gleich zwei Probleme, die es gefährlicher machen als die anderen AKW in der Schweiz.

Sie reden von den Rissen im Kernmantel.
Ja. Und das zweite Risiko ist die Staumauer. Es gibt meines Wissens kein anderes AKW auf der Welt, bei dem nur knapp zwei Kilometer oberhalb eine Staumauer steht. Wenn diese bei einem Erdbeben bricht, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit die Notkühlung des Atomkraftwerks blockiert – dann haben wir dasselbe Problem wie in Fukushima.

Zuerst zum Kernmantel: Wären Sie zufrieden, wenn ihn die BKW auswechseln würde?
Dann wäre ein Problem behoben. Aber dann kommt das Problem mit der Staumauer. Zudem sind weitere Anlagenteile nicht mehrfach und unabhängig voneinander gesichert.

Bleiben wir beim Kernmantel: Wo liegt Ihr Problem? Die Atomaufsichtsbehörde verlangt ja von der BKW klipp und klar eine Lösung für das Problem mit den Kernmantelrissen. Sonst droht die Abschaltung von Mühleberg.
Die Atomsicherheitsbehörde hat bis jetzt nie mit einer Abschaltung gedroht. Sie weiss aufgrund eines Gutachtens aus dem Jahr 2006, wie riskant der Betrieb des Reaktors mit den Rissen im Kernmantel ist, sowohl im Normalbetrieb wie in einem Störfall. Der Kernmantel könnte trotz Zugankerkonstruktion ein Ereignis wie jenes in Fukushima nicht überstehen.

Das stimmt nicht. In Fukushima konnte ausgerechnet jenes AKW, wo es Kernmäntel mit Zugankern hat, nach dem Tsunami problemlos heruntergefahren und notgekühlt werden.
Beim Reaktor Nummer 1, der mit Mühleberg typengleich ist und bei dem die erste Explosion stattfand, wurde der rissebehaftete Kernmantel 2001 ausgetauscht, und er konnte heruntergefahren werden.

Wir reden von jener Anlage in Fukushima, wo Reaktoren mit zugankergestütztem Kernmantel wie in Mühleberg stehen. Sie verursachten weder bei der Abschaltung noch im Nachhinein Probleme.
Es scheint, dass auch die Reaktoren mit Zugankern heruntergefahren werden konnten. Die Sicherheitsanforderungen für Zuganker waren in Japan aber auch schärfer. Und trotzdem gewährt die Aufsichtsbehörde der BKW immer neue Fristen. Die Risiken des Kernmantels sind so akut, dass das AKW sofort geschlossen werden muss und nicht erst in einem Jahr oder gar noch später.

Die Aufsichtsbehörde Ensi arbeitet in Ihren Augen zu langsam.
Ja, uns dauert das alles viel zu lange.

Das Ensi ist nach umfangreichen Untersuchungen zum eindeutigen Schluss gekommen, dass die Risse erst langfristig so gross sein könnten, dass sie eine mögliche Gefahr darstellten.
Gemäss Publikation des Ensi wurden im Sommer 2009 nicht alle Rundnähte kontrolliert, nur die Nähte 4 und 11, und die Zuganker überhaupt nicht. Im Gegensatz zu andern Ländern findet während des Betriebs keine permanente Überwachung statt. Das Ensi hat ein Problem: Es würde sein Gesicht verlieren, wenn es zugäbe, dass seine Feststellungen von früher nicht mehr stimmten.

Die Schweiz hat eines der weltweit strengsten Atomenergiegesetze und eine der strengsten Behörden – trotzdem darf man dem Ensi Ihrer Ansicht nach nicht trauen.
Nein. Wobei dafür nicht die Mitarbeiter der Atomsicherheitsbehörde die Schuld tragen. Es gibt einen Systemfehler: In der Schweiz ist ein und dieselbe Behörde zuständig für die Sicherheitsvorschriften wie auch für die Kontrollen. Kurz gesagt: Gesetzgeber und die Hüter des Gesetzes sind – anders als etwa in Deutschland – dieselben.

Nun zur Staumauer: Ihre These zur Überflutungsgefahr ist populistisch. Sie berufen sich auf Berechnungen eines Laien, der der Anti-AKW-Bewegung angehört und von Beruf Informatikingenieur ist. Offizielle Berechnungen zeigen, dass der Bruch der Staumauer kein Problem wäre für Mühleberg.
Der Verfasser der Studie ist ETH-Ingenieur. Er ist aber nicht Kernphysiker. Deshalb lassen wir diese Expertise nun beim Ökoinstitut Darmstadt prüfen.

Das ist ein eigenartiges Vorgehen: Sie nehmen ein von Laien erfundenes Horrorszenario, machen zuerst viel Wind damit in der Öffentlichkeit – und lassen es erst im Nachhinein von Experten prüfen.
Uns war aber die Überflutungsproblematik bekannt, bevor uns diese neuen Berechnungen vorlagen.

Das macht es nicht besser: Mit nicht verifizierten Schreckensszenarien können Sie gegen jedes beliebige AKW in der Öffentlichkeit Wind machen. Warum tun Sie das nicht auch bei den anderen Kernkraftwerken?
Da sind zuerst einmal meine Klienten. Sie wohnen nun einmal in und um Mühleberg in den Gefahrenzonen 1 und 2. Ich habe von ihnen den Auftrag, mich auf Mühleberg zu konzentrieren. Dazu kommt, dass ich wenig weiss über die meisten anderen Kernkraftwerke in der Schweiz.

Wenn Sie über die anderen Atomkraftwerke nicht viel wissen, können Sie aber auch nicht wissen, ob Mühleberg wirklich das gefährlichste AKW der Schweiz ist.
Ja, das stimmt. Allerdings weist das AKW Mühleberg gemäss behördlichen Inspektionen neben dem Problem mit dem Kernmantel und jenem mit der Staumauer noch zahlreiche andere Mängel auf.

Gemäss der offiziellen Liste des Ensi weist aber ausgerechnet Mühleberg zahlenmässig mit Abstand am wenigsten Mängel auf.
Es kommt nicht nur auf die Zahl der Mängel an, sondern auf die Qualität der Mängel.

Sie haben aber soeben festgehalten, dass Sie die Mängel in den anderen Kraftwerken gar nicht kennen.
Das ist richtig – aber ich kenne die publizierten Ensi-Pendenzenlisten.

Man wird den Eindruck nicht los, dass Sie die tragischen Ereignisse in Japan dafür missbrauchen, dem von Ihnen ungeliebten AKW Mühleberg nun um jeden Preis den Todesstoss versetzen zu wollen.
Wir betreiben keinen Missbrauch. Ich habe bereits gesagt, dass ich mich auf den Auftrag meiner Klienten konzentrieren muss. Wir hätten die Kapazitäten und das Geld gar nicht, gegen alle fünf Schweizer AKW vorzugehen. Ich sage Ihnen aber deutlich: Nach all den Ordnern, die ich durchgearbeitet habe, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass das AKW Mühleberg gefährlich ist.

Das AKW läuft seit 39 Jahren zuverlässig, ohne dass bislang etwas Ernstes passiert ist.
1971 hat es im AKW Mühleberg gebrannt. 1986 wurde die Umgebung wegen einer Filterpanne verseucht. Aber es braucht einen aussergewöhnlichen äusseren Störfall, damit es zu einer Atomkatastrophe kommt. Japan hat nun jedoch gezeigt, dass solche Ereignisse nicht ausgeschlossen werden können. Deshalb muss auch für Bern das Restrisiko neu bewertet werden. Das Ensi operiert aber teilweise mit manipulierten Wahrscheinlichkeitsrechnungen, damit es das Risiko als verträglich einstufen kann.

Das ist ein sehr schwerer Vorwurf gegen die Aufsichtsbehörde, den Sie belegen müssen.
Die Aussage stammt aus dem Gutachten des Ökoinstituts Darmstadt, das meine Klienten und ich in Auftrag gegeben haben. Wir haben beim Bundesverwaltungsgericht darum ersucht, dieses Gutachten öffentlich machen zu dürfen. Diese Bewilligung haben wir im Moment noch nicht.

Sie können also Ihre Anschuldigungen hier und jetzt nicht beweisen.
Nein.

Sie haben vor Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen die unbefristete Betriebsbewilligung von Mühleberg eingereicht. Gegen welches AKW werden Sie sich einschiessen, falls Ihnen die Richter in Bezug auf Mühleberg recht geben?
Sobald Mühleberg stillgelegt ist, werden wir das AKW Beznau ins Visier nehmen.

Warum gerade Beznau?
Weil es ebenfalls gefährlich ist und noch älter als Mühleberg und weil wir es aus früheren Bewilligungsverfahren auch schon besser kennen als andere Kernkraftwerke.

Erstellt: 02.04.2011, 16:29 Uhr

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Rainer Weibel.

Anti-AKW-Aktivist

Rainer Weibel, bekannt als Anti-AKW-Anwalt, hat von Mühleberg her Erfahrung, wie man Staub aufwirbelt und AKW-Betreibern das Leben mit Gerichtsprozessen schwermacht. Nach Mühleberg will er jetzt auch das AKW Beznau in die Mangel nehmen. Mit Prozessen und Beschwerden macht Anti-AKW-Anwalt Rainer Weibel den Betreibern des AKW Mühleberg das Leben schwer. Nun kündigt er an, dass er als Nächstes das AKW Beznau ins Visier nehmen will.

Reiner ist 61-Jahre alt und führt in Bern eine Anwaltskanzlei.

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